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Interviews : Licht hat seine eigene Logik / Teil 1: Professionell am Set

von Sa, 28.April 2007 | 4 Seiten | diesen Artikel auf einer Seite lesen

 Abhängig oder nicht abhängig (vom Licht)



Abhängig oder nicht abhängig (vom Licht)



// Licht-unabhängig heißt, daß man nur mit Lampen arbeitet, praktisch wie im Studio?

Nicht ganz. Es gibt Situationen, da ist man Licht-abhängig und es gibt Situationen, wo man relativ unabhängig ist. Im Extremfall kann man das alles ja auch künstlich bauen. Eine klassische abhängige Situation wäre zum Beispiel wenn man "blaue Stunde" dreht, also kurz vor oder nach Sonnenauf- oder untergang. Das kann man nicht bauen. Das ist eine Lichtsituation, die in der Regel draußen spielt, und da mußt du auf das Licht reagieren, was die Natur dir vorgibt. Das kann man etwas herausarbeiten oder verstärken, aber das Masterlicht ist das Naturlicht, und da mußt du im Extremfall auf die Minute genau drehen. Sagen wir Sonnenaufgang ist um 6 Uhr 32 -- alles, was du für diese Szene benötigst, muß zu diesem Zeitpunkt aufgebaut und einsatzbereit sein.

Ein Beispiel für lichtunabhängiges Arbeiten wären Nachtdrehs, die sind praktisch immer geleuchtet. Vorhandenes Licht wie Laternen oder so kann man vielleicht einflechten, aber vor allem bei Naheinstellungen auf Personen, da muß geleuchtet werden.

Dann gibt es Grenzfälle, wenn man beispielsweise draußen dreht und man hängt ein bißchen mit dem Drehplan, und das Licht geht so langsam weg. Dann ist die Strategie immer die, daß man versucht, erst alle weiten und totalen Einstellungen zu drehen, wo man viel sieht, weil die Nahen, also Gesichter, Schuß/Gegenschuß-Dialoge, das kann man zur Not leuchten, weil es begrenzt ist. Wenn man das richtig macht, sieht man das später auch nicht.

// Lichtabhängig ist man also eher draußen – in Innenräumen wäre man dann unabhängig?

Ja, wenn man in einer Wohnung dreht und es soll Tag sein, leuchtet man das eigentlich immer so, daß man lichtunabhängig ist, dann ist egal, ob draußen Sonne, Regen, Sturm ist. Man baut draußen Lampen auf, und das Licht bleibt immer gleich, auch wenn sich der Drehtag bis nachts um 2 zieht. Außer natürlich, es wird auch nach außen gefilmt -- je nachdem wie eng der Ausschnitt ist, wird man dann auch wieder lichtabhängig..
Die Tendenz ist natürlich, sich Lichtunabhängig zu machen für den Arbeitsablauf. Man hat ja jeden Tag ein bestimmtes Pensum, das muß man schaffen, das sind beim Fernsehspiel ungefähr zwei, drei Minuten.

// Zu welchem Zeitpunkt wird konkret festgelegt, wie das Licht in einer Szene gesetzt werden soll?

Es gibt darüber eine ständige Kommunikation zwischen allen Abteilungen. Der Kameramann bespricht etwa mit dem Oberbeleuchter: morgen sind wir an diesem oder jenem Ort, wir hatten ja bei der Vorbesprechung gesagt, wir brauchen das und das, das wird jetzt präzisiert, weil sich vielleicht bestimmte Abläufe ändern oder bestimmte Blickrichtungen. Der Oberbeleuchter spricht dann mit seinen Jungs, was alles am nächsten Tag benötigt wird, daß noch eine Lampe beim Lichtverleih bestellt werden muß, damit die unbedingt da ist, und so weiter. Ständige Kommunikation also, ein bißchen wie eine Lupe, es geht immer mehr ins Detail dabei.

// Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Kamera? Wer entscheidet, wie das Licht sein soll?

Das ist vom Kameramann abhängig, und davon, wie gut sich der Oberbeleuchter und der Kameramann sich kennen. Es gibt Kameramänner, die sind sehr genau, die sagen: ich will da diese Lampe mit jener Folie vor, als ganz genau Ansagen machen. Wenn der Oberbeleuchter und der Kameramann aber schon einige Filme zusammen gemacht haben und gut miteinander können, dann ist es oft so, daß der Kameramann sagt, ich möchte diese Stimmung, biete mir doch mal was an. Und weil der Oberbeleuchter ihn ja schon kennt, weiß der dann ungefähr was er haben möchte. Und die gleiche Struktur gibt es innerhalb des Beleuchterteams nochmal, daß der Oberbeleuchter sagt: wir drehen diese oder jene Szene, baut doch mal vor und bietet mir was an.

// Und wenn ihm das dann nicht gefällt, dann habt ihr alles umsonst gebaut?

Auch darüber gibt es ja die ganze Zeit Kommunikation. Man schlägt dann dem Oberbeleuchter was vor, und der sagt dann entweder, keine gute Idee, oder: super, mach doch mal. Wenn das dann im Groben steht, dann kann man ja noch Feinkorrkturen machen, in der Lichtmenge oder sowas.

Letztendlich liegt es aber in der Verantwortung des Kameramanns, wie das Bild aussieht, und auch das Lichtkonzept. Wenn eine extrem überbelichtete Stelle im Bild ist, die man nicht mehr retten kann, ist das die Verantwortung des Kameramanns, denn der sagt ja an einem Punkt: Ok, wir drehen das jetzt so. Wenn er den Eindruck hat, da ist ein Bildteil falsch beleuchtet, muß er das zu dem Zeitpunkt sagen, später gibt es kein Aber...

// Über den Daumen gepeilt, wie lange Vorbereitungszeit braucht man denn so für das Licht, wenn man eine Szene in einer Wohnung dreht? In welchen Verhältnis steht das?

Das kann man überhaupt nicht pauschal sagen, das ist sehr stark motivabhängig. Wenn man eine Szene in einem Loft hat, mit sieben Fenstern auf zwei Seiten, brauchst du natürlich viel länger, als wenn man in einem Zimmer mit zwei Fenstern dreht. Aber das gehört zur Aufgabe eines Oberbeleuchters, das zu kalkulieren, wieviel Vorbauzeit man bei einem Motiv braucht, oder auch ob man bei schwierigeren Motiven noch extra Technik oder Beleuchter braucht.

// Das geht dann natürlich sofort ins Geld.

Ja, tut es, aber wenn die Lichtabteilung statt dessen länger braucht, dann geht das auch ins Geld, mit Überstunden und so.

// Licht ist ja überhaupt so mit der teuerste Faktor am Set was die Technik angeht, oder? Von den fünf LKWs die da stehen, ist einer Catering, einer für die Schauspieler und der Rest ist Licht.

Ganz so viele sind es eher nicht. Standard in Deutschland für ein Fernsehspiel etwa ist ein LKW für die Technik, dann einer für den Generator, denn wenn du in einer Wohung drehst hast du ja in der Regel nicht einen Starkstromanschluß im Keller, und manchmal hast du dann noch einen Kleintransporter für Zusatztechnik oder um an einen anderen Drehort zu fahren, um dort schon mal vorzubaun. Das ist so der Fuhrpark.
Beim Spielfilm sieht das natürlich anders aus, da hast du meist mehr Technik, weil mehr Geld dahintersteckt und mehr Engagement von den Kameraleuten. Außerdem wird ja Kino in der Regel auf 35mm gedreht, Fernsehen dagegen noch meist auf 16mm. Da mußt du dann ein bißchen mehr Leuchten, damit es schön aussieht...



// Um noch mal auf den Oberbeleuchter zu kommen – wie wird man das denn? Ist das ein Papier, das man irgendwann bekommt?

Nein, das ist kein Papier. Da gibt es keine besondere Ausbildung in Deutschland, sondern das ist vom persönlichen Engagement abhängig. Wenn ein Beleuchter meint, er wäre jetzt so weit, daß er Oberbeleuchter machen kann, dann versucht er an Filme zu kommen, wo er als solcher arbeiten kann. Dazu ist dann hilfreich, daß du jahrelange Erfahrung hast und beurteilen kannst, was welchen Aufwand bedeutet. Denn du beziehst dann ja nicht nur die höhere Gage eins Oberbeleuchters, sondern du mußt sehr gut kalkulieren, disponieren, kommunizieren können. Der Oberbeleuchter legt natürlich auch hin und wieder selbst Hand an, ist aber nicht so sehr am Auf- und Abbau des Lichts beteiligt, sondern steht hauptsächlich neben dem Kameramann und kommuniziert ständig, was jetzt als nächstes kommt, was man besser machen kann.

// Das hat also auch was mit Verantwortung zu tun.

Absolut. Du bist als Oberbeleuchter dafür verantwortlich, daß die Sachen funktionieren, und daß der Produktionsablauf gleichmäßig ist. Daß es beispielsweise nicht zu einer Stunde Verzögerung kommt, weil du irgendwas nicht bedacht hast. Und du mußt Menschen führen können, damit eine gute Arbeitsatmosphäre herrscht, dabei aber gleichzeitig ganz klare Ansagen machen können, und an den entsprechenden Stellen Druck machen können.
Und wenn mitten im Drehen das Licht ausgeht, weil der Generator kein Sprit mehr hat, dann ist der Oberbeleuchter dafür verantwortlich, auch wenn er es einem seiner Jungs gesagt hat, daß der sich darum kümmern soll. Er muß also entweder wissen, daß er dem vertrauen kann oder das überprüfen, aber nicht einfach davon ausgehen, daß alles schon funktionieren wird.

// Ist ja überhaupt interessant, wieviel Aufwand man betreiben muß mit Licht, damit das Bild natürlich aussieht, und das Licht selbst nicht auffällt. Wenn man kein besonderes Auge dafür hat, sieht man das Licht ja meist nur wenn es schlecht gemacht ist.

Ja, das ist ja bei vielen Sachen so. Wenn Licht schlecht gemacht ist, sieht es schnell künstlich geleuchtet aus.

Andererseits gibt es ja Filme, die sind toll geleuchtet, aber das sieht man auch, daß da fettes Licht verwendet wurde, bei Hollywoodfilmen zum Beispiel. Da ist alles ist perfekt, hier noch ne Kante und da noch ein Augenlicht.. Dagegen finde ich ja die Filme viel spannender, die versuchen, sehr natürliches Licht zu machen, was mitunter tatsächlich schwieriger ist. Im Bild tritt dann die Lichttechnik zurück, aber vom Aufwand und der Technik her ist es diffiziler.


Zum zweiten Teil: Was ist gut gemachtes Licht, und welche Fragen muß man sich stellen beim Ausleuchten einer Szene – zum Beispiel: was schreibt die Logik des Lichts vor? Und ist es wirklich schwieriger für Video zu leuchten, wie es manchmal behauptet wird?


Professionell am Set – die Ablaufhierarchien


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Einleitung
Professionell am Set – die Ablaufhierarchien
Abhängig oder nicht abhängig (vom Licht)
  

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