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Interviews : Berlinale 2012 -- mit der EX3 durch den Schnee (Hiver nomade)

von Di, 14.Februar 2012


Immer wieder toll auf Festivals wie der Berlinale sind die vielen Gelegenheiten, ungewöhnliche Dokumentarfilme zu sehen. Filme, die nicht nach dem TV-üblichen Schema F entstanden sind: zwanghaft erzeugter Pseudo-Spannungsbogen, emotionalisierte Darstellung, restlose Aufklärung via Kommentarspur und das alles unterlegt mit aufdringlicher und oft unpassender Musik. Hauptsache, beim Zuschauer kommt keine vermeintliche Langeweile auf... Ganz anders geht so manche Dokumentation, die aufs Kino zielt, vor. Sie gibt ihrem Sujet Raum, sich selbst zu entfalten, läßt sich darauf ein, beobachtet vor allem. So auch der Film Hiver nomade, der dieses Jahr in der Forum-Sektion läuft.



Die Filmemacher begleiten darin die Schafhirten Carole und Pascal, die vier Wintermonate lang durch die französische Schweiz wandern, um etwa 800 Schafe mit dem teilweise unter Schnee verborgenem Rest-Grün durchzufüttern, bevor die Tiere nach und nach abtransportiert werden, um selbst gegessen zu werden. Geschlafen wird draußen -- bei Regen oder Schnee unter einfachen Zeltdächern --, von gelegentlichen Einladungen zum Abendbrot bei befreundeten Bauern ist für die Schäfer ein offenes Feuer Wärme- und Kochstation zugleich. Als ein an alle zivilisatorischen Gemütlichkeiten gewöhnter Zuschauer kann man anfangs kaum glauben, daß so etwas mitten im Winter möglich ist. Entsprechend viele Fragen hat man, deren Antworten man sich im Laufe des Films jedoch selbst zusammensuchen muß, denn die Kamera beobachtet nur – es gibt keine Interviews, nur Originaldialoge.

Wir waren im Anschluß allerdings jedoch auch neugierig, wie diese ambitionierte Dokumentation entstanden ist, und haben uns ein bißchen mit dem Kameramann Camille Cottagnoud und Regisseur Manuel von Stürler unterhalten.

Kleiner Hinweis noch vorab: am 18.02. um 22:15 gibt es im Rahmen der Berlinale noch eine Gelegenheit, den Film zu sehen – eine Kinoauswertung ist für den Herbst geplant.



Wieviel Zeit habt Ihr für die Dreharbeiten mit den Schäfern verbracht?

Camille Cottagnoud (DP): Etwa drei Monate insgesamt, aber etappenweise, immer ein paar Tage am Stück. Während der Zeit wollten wir aber immer bei ihnen bleiben, also nicht mal bequem zum Essen ins Restaurant fahren und dann wiederkommen und so. Wir hatten ein Bus dabei, in dem wir auch gekocht haben, aber meistens sind wir mit den Schäfern gewandert.

Während der Zeit wurde immer gedreht?

DP: Als wir bei ihnen waren, waren wir immer bereit zu filmen. Bei solchen Filmen, wo man in eine Welt eintaucht, geht es nicht anders. Wir haben insgesamt etwa 100 Stunden Material aufgenommen – das ist eigentlich gar nicht so viel, für drei Monate. Das Schwierige dabei war, daß sie ja ständig in Bewegung waren. Manchmal haben wir versucht, sie währenddessen zu filmen, aber meistens sind wir ihnen dann nur gefolgt und haben erst wieder gefilmt, wenn sie stehen blieben.



Das war ja zumindest anfangs ein ziemlich große Herde, 800 Tiere, und entsprechend lang waren Anfang und Ende des Zugs voneinander entfernt. Wie macht man das denn, damit man zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist mit der Kamera?

DP: Ja, das war ein bißchen schwer zu managen. Manchmal heben wir sie gebeten, einen Moment zu warten, aber nicht so oft, denn es ist ja sehr schwer mit so vielen Tieren. Manchmal sind wir in den Bus und ein Stück vorgefahren, um sie aus der anderen Richtung aufzunehmen. Manchmal sind wir auch einfach gerannt...

Gedreht wurde mit einer Sony EX3?

DP: Ja, aber wir hatten noch einen Pro 35mm Adapter vorne drauf. Das war ja kurz bevor diese neuen Camcorder mit großen Sensoren auf den Markt kamen, Sony F3, Panasonic AG101 etc. Dieses Setup mit dem Adapter habe ich bisher bei drei Produktionen verwendet, aber damit ist es jetzt vorbei. Mit den neuen Kameras ist es viel einfacher, nicht so fragil wie mit dem Adapter.

Das wird ja auch ganz schön groß und schwer, trotzdem ist die Kamera immer in Bewegung.

DP: Ja, ich habe mir allerdings eine optimierte Konstruktion gebaut, um das Gewicht zu reduzieren. Wir haben auch keine großen Filmoptiken verwendet sondern zwei Leica R Foto-Optiken mit Festbrennweite.

Welche Brennweiten hattet Ihr dabei?

DP: 35 und 85.

Manuel von Stürler (R): Das war aber auch eine ästhetische Entscheidung, nicht nur wegen dem Gewicht.

DP: Das meiste ist mit der 35mm Optik gedreht, was allerdings hier einer 50mm Optik entspricht aufgrund des Cropfaktors. Trotzdem muß man natürlich zum Teil recht nah ran, und sich auch bewegen, um verschiedene Bildausschnitte und Perspektiven zu bekommen. Außerdem braucht man nachher einen wirklich guten Cutter, weil man ja nicht so viel Zusatzbilder drehen kann wie mit einer Zoomoptik, wo man alles von der Nahen bis zu Totalen einfangen kann, Cutaways und so.

Wie war denn das Handling mit diesem recht aufwändigem Setup?

DP: Ich habe da viel drangeschraubt, und hatte die Kamera immer auf der Schulter. Die Schärfe habe ich im Okular mit Hilfe des Peakings kontrolliert. Das war eine große Hilfe, weil man ja nicht so großen Spielraum hat durch die geringe Schärfentiefe



Es waren ja auch noch eine ziemlich schwierige Drehsituation, es hat geschneit und geregnet...

DP: Ja, das war natürlich nicht gerade förderlich für die Sicht.

Was hattet ihr denn für eine Schutzvorrichtung für die Kamera?

DP: Also, das hätten wir tatsächlich besser lösen können. Mittlerweile habe ich eine solche Regenschutzhülle, aber damals nicht. Wir haben da improvisiert mit Tüten und so...

Und kalt war es ja auch...

R: Ja, manchmal sehr kalt, aber das größere Problem war wirklich die Feuchtigkeit.

DP. Wir hatten öfters mit beschlagenen Optiken zu kämpfen, den 35mm Adapter mussten wir aufmachen, um darin die Feuchtigkeit wegzuwischen.

Aber damit ist es ja jetzt wie gesagt vorbei. Wobei man sagen muß, mit diesen Adaptern entsteht immer noch ein etwas anderes Bild. Es ist viel weicher als bei der F3 oder der neuen C300. Wir haben auch alles darauf angelegt, ein möglichst weiches Bild zu bekommen, weil wir ja für das Kino gedreht haben. Wir haben Kameratests vorher gemacht, um die softesten Einstellungen zu finden, dann hatten wir die weichen Leica-Optiken, und der Adapter macht es eben auch noch mal weicher mit den ganzen Linsen und der rotierende Mattscheibe.

Aber mit einer Video-DSLR zu drehen habt ihr nicht in Betracht gezogen, oder?

DP: Nein. Für eine Doku ist das nichts, weil wenn man schnell die BlendeBlende im Glossar erklärt oder am Gain etwas verändern muß (5D, 7D) muß man zum Teil durch die Menüs, während man an einer EX3 schnell über die externen Bedienelemente reagieren kann. Das sind einfach zwei Geräte für verschiedene Einsatzzwecke, und Camcorder sind auf Flexibilität ausgelegt.
Außerdem wichtig: der ND-Filter. Wenn Du mit einer 5D im Hellen filmst, mußt Du den Lichteinfall über die Verschlußzeit und eine kleine BlendeBlende im Glossar erklärt runterregeln, aber dann hast du kein DoF mehr.

R. Wir brauchten einen Kompromiß zwischen Beweglichkeit und Stablität, und haben alles von der Schulter aus gedreht. Eine SteadicamSteadicam im Glossar erklärt wollten wir nicht, sondern eine etwas „nervösere“ Kamera.

DP. Ich habe schon mehrere Projekte gedreht mit einer Mini-Steadicam JR. Das ist an sich großartig, nichts wackelt oder vibriert, aber für dieses Sujet wären die Bewegungen zu glatt gewesen und vom Gefühl her nicht so unmittelbar. Wenn links von dir plötzlich etwas passiert und Du möchtest rüberschwenken, dann muß man das ganz anders mit einer SteadicamSteadicam im Glossar erklärt machen, mehr wie vorsichtiges Gleiten. Das ist nicht so direkt – von der Schulter aus mag die Kamera vielleicht nicht so stabil sein, aber es ist immersiver.

Wir haben übrigens nur zwei Takes nachträglich stablisiert, und ein Stativ hatten wir gar nicht dabei. Die Herde war ja praktisch immer in Bewegung, ich hätte gar keine Zeit gehabt, das immer plan aufzustellen. Dafür hatten wir aber einen kleinen klappbaren Camping-Hocker, den Manuel immer an der Hüfte trug. Wenn ich für eine Aufnahme mehr Stabilität brauchte, habe ich mich einfach auf den Hocker gesetzt.




Man hat beinahe das Gefühl, man ist selbst dabei, als gäbe es gar keine Kamera dazwischen. War es von Anfang an beabsichtigt, daß Ihr als Team und die Drehsituation nicht thematisiert werden sollte?

R: Es gab sehr selten Situationen, wo die Kamera in den Mittelpunkt des Interesses kam. Wir hatten uns auch gut vorbereitet, und im Jahr davor schon ein paar Tage das Drehen geübt mit den Schäfern. So hatten wir eine sehr entspannte Atmosphäre obwohl die Kamera präsent war.

Und die Leute, die Euch unterwegs begegnet sind?

R: Das war in der Tat etwas schwieriger – die kommen dann an: „ah, Sie machen einen Film“ und so. Ich bin daher, sobald sich jemand näherte, zu ihnen hin, habe erklärt was wir machen, und gefragt, ob es in Ordnung wäre, sie aufzunehmen. Dabei habe ich sie auch gebeten, nicht in die Kamera zu schaun.

Aber im Grunde geht so etwas nur, wenn man ein kleines, sehr eingespieltes Team ist und jeder genau weiß, was er tut. Camille und seine Kamera waren praktisch eins, und er war wie gesagt auch sehr flink unterwegs. Obwohl das Terrain zum Teil auch sehr schwer begehbar war.

Der Ton wurde ja extern aufgenommen, nehme ich an?

DP: Oh ja, der Ton ist auch ein interessantes Thema – der Ton ist im Dokumentarbereich ja sehr wichtig. Hast Du keinen guten Ton, keine guten Dialoge, ist es dramaturgisch viel schwieriger.
Manuels Bruder Marc von Stürler war dafür zuständig. Die Situation war ja nicht gerade trivial – die Protagonisten waren manchmal sehr nah dran, dann wieder sehr weit entfernt. Daher ging nur die Aufnahme mit ansteckbaren Funkmikros, hauptsächlich. Aber da es Winter war, mußte man sehr wegen der ganzen warmen Kleidung aufpassen, die im Weg war, und windig war es ja meist auch. Trotzdem hat er einen sehr sauberen Ton hinbekommen – Dank 20 Jahren Erfahrung....


Vielen Dank für das Gespräch, und eine schöne Zeit noch auf der Berlinale!


Wer mehr über die Wandertierhaltung erfahren will, findet ua. Interviews mit den Schäfern auf der Webseite zum Film oder auch mehr Infos beim Internationalen Forum / Berlinale

Zwei kurze Filmausschnitte gibt es hier.



Infos zum Film:

HIVER NOMADE
Schweiz 2012

Letztes Berlinale-Creening: 18.02. 22:15 OmEU Cubix 9

Regie: Manuel von Stürler
Produktion: Louise Productions, Lausanne; Radio Télévision Suisse, Genf; SSR-SRG idée suisse, Bern; Arte G.E.I.E., Straßburg
Buch: Claude Muret, Manuel von Stürler
Kamera: Camille Cottagnoud
Format: DCP, Farbe
Länge: 90 Minuten
Sprache: Französisch


    

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update am 23.April 2017 - 08:00
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