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Fokus Indie-Film : Sag dem Wind, dass ich bald komme -- Workflowstrategien und Kamera-Setup bei einer Langzeitdoku

von Mo, 6.August 2018 | 3 Seiten | diesen Artikel auf einer Seite lesen

  Einleitung
  Wie es zu dem Film kam / Von der Canon EOS 60D zur Sony FS7
  Workflows, Postproduktion und Farbkorrektur / Wie zieht man so ein Projekt durch?

Der Traum vom selbstgebauten Boot, das nicht fertig werden will als große Lebensmetapher: "Sag dem Wind, dass ich bald komme" ist ein sowohl technisch wie auch inhaltlich hoch-spannendes, 90-minütiges Indie-Dokumentarfilmprojekt von Erik Wittbusch und Till Hartmann, bei dem es viel zu lernen gibt. Über mehrere Jahre hat das Autorenduo den DIY-Bootsbauer und trickreichen Erfinder Per bei seinem Mammutprojekt (mit ganz unterschiedlichen Kameras) begleitet. Wir haben mit Erik und Till u.a. über Interviewkonzepte, Authentizität vs technische Perfektion, Filmlook, Materialorganisation, Lieblingskameras, Postproduktion uvm. gesprochen.

Herausgekommen ist ein sehr informatives und technisch detailreiches Interview, das wir allen angehenden Dok-Filmern nur ans Herz legen können.

Erik, Till und Per


Dass so ausführlich über das eigene Filmprojekt Auskunft gegeben wird, ist nicht selbstverständlich. Erik und Till sind selbst slashCAM-Leser und sehen dieses Interview auch als Beitrag für die Filmer-Community für all diejenigen, die ebenfalls mit einem eigenen Doku-Projekt in den Startlöchern stehen.

Vielen Dank an dieser Stelle an Erik und Till.

Vorab der Trailer zu „SAG DEM WIND, DASS ICH BALD KOMME“, der demnächst vielleicht auch im Fernsehen zu sehen sein wird - wir drücken die Daumen!





Wie es zu dem Film kam / Von der Canon EOS 60D zur Sony FS7



Per, der Protagonist eures Films, ist eine beeindruckende Persönlichkeit: Verletzlich und stark zugleich – Wie seid ihr auf ihn und seine entbehrungsreiche Arbeit am Traum von der großen Reise im selbstgebauten Boot gestoßen?
Till hat Per durch einen engen Freund kennengelernt und mit ihm seine damalige Bootsbaustelle besichtigt. Damals lebte Per noch mit seiner Frau Petra zusammen. Monate später erfuhr er dann, dass Per und Petra sich getrennt hatten und Per inzwischen auf sein Schiff gezogen war. Till erzählte mir davon und wir entschieden uns spontan, Per einen Besuch zur Recherche abzustatten.

DIY Bootsbauer Per in "Sag dem Wind, dass ich bald Komme" von Erik Wittbusch und Till Hartmann


Als wir dann dort ankamen, waren wir wirklich beeindruckt von den Dimensionen und der Pionierarbeit, die Per da leistet. Gleichzeitig waren wir natürlich auch daran interessiert, warum Per das eigentlich alles auf sich nimmt und die Idee zum Film war geboren. Der Aspekt der vielen Entbehrungen und die soziale Komponente wurden dann erst im Laufe der Dreharbeiten so wichtig.

Wie lange habt ihr Per begleitet?

Wir haben Per im Rahmen des Films das erste mal im März 2013 besucht.
Ursprünglich war das nur als kleine Recherche-Reise geplant, wo wir primär Ideen zur Umsetzung des Films und eine Vorstellung von seinem Vorhaben gewinnen wollten.

Wir hatten damals noch keine eigene Ausrüstung und haben dann einfach Tills Canon 60D mit einem Objektiv und einem einfachen Einbein zur Stabilisierung mitgenommen. Da wir die Gespräche bzw. Interviews aber sicherheitshalber doch aufzeichnen wollten, haben wir uns noch ein Richtmikro und ein einfaches Ansteckmikrofon von Freunden geliehen.

Tatsächlich sind dann in dieser Reise sehr wichtige Szenen entstanden, die auch im fertigen Film die komplette Einführung von Per und seinem Vorhaben beinhalten. Gerade dieser extreme Sturm mit dem Schnee stellte sich als einzigartige Kombination heraus. So ein Wetter haben wir dann leider nicht mehr angetroffen.
Und auch der erste Kontakt zu Per und seine Reaktion auf uns war logischerweise einzigartig. Wir haben uns ja im Verlauf der Dreharbeiten immer besser kennen gelernt.

Mit welchen Kameras und Objektiven habt ihr gefilmt? Wo lagen beim Arbeiten mit den verschiedenen Kameras die Herausforderungen und wie habt ihr sie gelöst?

Wie gesagt sind wir ja zunächst ein wenig in das Projekt reingestolpert...
Im Laufe des Drehs haben wir insgesamt vier verschiedene Kameras genutzt, die zwar sensorseitig immer S35 bzw. APS-C boten, aber sonst sehr starke Unterschiede aufweisen.

Am Anfang drehten wir mit der Canon EOS 60D. Die war einfach schon vorhanden und hatte durch das dreh- und schwenkbare Display in der Bedienung schon einige Vorteile, die mir wichtig waren.
Drehen mit der 5D Mark II hieß für mich immer mit der Kamera auf Augenhöhe bleiben zu müssen, was sehr unvorteilhaft sein kann. Bei allen DSLRs musste man damals Kompromisse in der Auflösung und Dynamik machen, weshalb uns die Kamera als Dokukamera mit available Light nicht gerade ideal erschien.


Also kaufte ich eine neue Kamera, die preislich noch im Rahmen lag. Die Sony NEX-EA50, die mit wirklich guter Ergonomie und voller Tonabteilung punkten konnte und über den Metabones Adapter auch das Canon-Objektiv optimal unterstützte.

Vor allem der expanded Focus während der Aufnahme war und ist für mich bis heute ein super Feature in kompakten Doku-Setups. Eigentlich eine super Kamera, wären da nicht doch die Kompromisse in Sachen technischer Bildqualität gewesen.


Als ich dann Ende 2013 günstig eine gebrauchte Sony NEX-FS100 ergattern konnte, waren wir bildtechnisch endlich auf dem Niveau, wo wir sein wollten. Ich habe damals wg. des begrenzten 8bit AVCHD-Codecs bereits sehr viel Zeit mit den Bildprofilen der Sony experimentiert und mir dann letztlich ein Tageslichtprofil und ein Lowlight-Profil gebastelt, wo ich dann bei Bedarf nur noch den Schwarzwert auf das Motiv angepasst habe. Dadurch konnte ich die nutzbare Dynamik immer optimal ausnutzen. Das Thema fehlende ND-FilterND-Filter im Glossar erklärt konnte man mit einem guten VarioND umgehen, mit dem CodecCodec im Glossar erklärt konnten wir leben.
Mit der FS100 habe ich dann auch mehrere primär dokumentarische Projekte gedreht. Das Bild muss sich aus technischer Sicht bis heute nicht verstecken, solange in der Post nicht zu viel verbogen werden soll oder in 4k gemastert wird.

Erst 2015 kam dann mit der Sony FS7 die vermeintliche Traumkamera raus. Ich beschloss zu investieren und hielt eine der ersten offiziell ausgelieferten FS7 in der Hand. Die FS7 versammelte alles, wovon ich so träumte: Kompakt, relativ leicht, 10bit-Codec, hohe Auflösung und super Dynamik bei relativ geringem Preis.
Tatsächlich ist die FS7 bildqualitativ nochmal ein gutes Upgrade gewesen, Im Film selbst ist dann aber gar nicht soviel davon zu sehen. Erstens hatten wir die FS100 schon sehr gut im Griff, zweitens haben wir im Grading ja bewußt sehr zurückhaltend mit Kontrast und Farbe gearbeitet.
Dafür hat sich die FS7 als für mich persönlich als ein gutes Stück zu schwer für tagelanges Drehen aus der Hand herausgestellt. Der Vermeintlich tolle Handgriff war dann im engen Schiff nicht selten im Weg.

Till hatte beim Objektiv damals ein goldenes Händchen bewiesen und das Canon EF-S 17-55/2,8 IS gekauft. Bis heute eins meiner liebsten Dokuzooms, da es für mich ein idealer Kompromiss aus Größe, Gewicht, BrennweiteBrennweite im Glossar erklärt, Lichtstärke und eben auch Stabilisierung darstellt. Damals haben ja viele das Canon EF 24-105/4,0 L IS am Speedbooster (oben auf der FS100 im Bild) auf den Sonys genutzt. Mir gefiel aber die Variante mit dem 17-55 einfach besser, war zudem leichter und günstiger. Wirklich schade, dass Canon da nicht schon längst eine Revision auf den Markt gebracht hat.

Bei extremem Lowlight hatte ich dann noch ein Nifty Fifty (Canon EF 50/1,8 II) am Speedbooster in peto, dass aber nur sehr selten zum Einsatz kam. Für evtl. Teleaufnahmen hatte ich aus alten Tagen noch ein schwarzes Canon 80-200/2,8L in der Tasche. Aber auch das kam so gut wie gar nicht zum Einsatz.

Durch die Enge im Schiff waren mir die 55mm immer lang genug, bei Bedarf bin ich halt näher dran. Insgesamt sind wohl über 75% der Aufnahmen im Bereich 20-24mm entstanden. Wir wollten ja Nähe nicht durch eine entsprechende Einstellungsgröße herstellen, sondern durch physische Nähe zum Geschehen. Das war ja auch ein Grund, warum uns die sehr kurze FS100 so gut gefallen hat. In Kombination mit dem 17-55 ein wirklich tolles, leichtes und extrem kompaktes Kamerasetup.


Bei allen Kamerasetups hatten wir neben einem kleinen und leichten Vdeo-Stativ (Sachtler FSB6) auch immer ein Einbein mit. Das konnte ich dann bei Bedarf in einen Hüftgurt einhaken, um so auch länger ruhig und flexibel aus der Hand arbeiten zu können. Dabei war die rechte Hand immer am Handgriff der Kamera, wo dann neben Start/Stop auch immer die Fokuslupe aktiviert werden konnte. An der FS100 ging das offiziell nicht. Aber wenn man den Handgriff der FS700 dort montierte, hatte man plötzlich auch Expanded Fokus an der rechten Hand. Das war sozusagen mein kleiner Hack. So blieb die linke Hand frei für Fokus oder Brennweitenänderung und musste nicht ständig umgreifen, was bei Handkamera unweigerlich zu unerwünschten Wacklern führt.

Nicht zu vergessen ist allerdings auch der Filmton! Bei uns hat eigentlich der Ton fast die selbe Aufmerksamkeit erfahren, wie das Bild. Schließlich wollten wir eine möglichst intensive Stimmung erzeugen und immer wieder feste Einstellungen mit eindrücklichem Sound verwenden.

Durch die Enge war das Angeln im Schiff eigentlich keine gute Option. So setzten wir immer ein Ansteckmikro über Funkstrecke (Sennheiser EW100 G3 mit MKE-2) bei Per ein und sorgten auch für einen vernünftigen Ton über das Kameramikro (AudioTechnica 875R).

Zusätzlich wurde dann oft noch zusätzlich geangelt und über einen ZoomZoom im Glossar erklärt H5 extern aufgezeichnet - kein Vergleich zum Kameramikro! Dabei setzten wir ein M/S-Stereo-Mikro (AudioTechnica BP4029) ein, dass eine sehr gerichtete Mitte hat. So konnte man in der Post die beiden Kanäle entweder zu einem normalen L/R-Stereo-Signal mit variabler Stereoweite wandeln oder aber die Mitte allein wie ein Richtmikro verwenden. Ein flexibleres und leichteres Stereo-Setup gibt es eigentlich nicht.

Welche Kamera / Objektiv Kombination hat sich besonders bewährt und warum?

Da jede Kamera ihre Stärken und Schwächen mitbringt, ist das immer eine schwierige Aussage für mich. Die FS100 ist aber grundsätzlich eine Art Lieblingskamera von mir gewesen, die ich mit kleinen, individuellen Lösungen an meine Art des Drehens angepasst habe. Hätte sie interne NDs und einen besseren CodecCodec im Glossar erklärt, wäre sie auch heute noch aktuell. Gerade in Kombination mit dem kompakten 17-55 von Canon am Metabones-Adapter ist sie eine super Kombination. Zumal sich E-Mount inzwischen ja wirklich auch als eigenes System anbietet.

Die Zeit geht aber weiter und die FS7 war Ende 2015 einfach das Maß der Dinge in meinem finanziellen Rahmen. Zugleich bin ich aber auch ein wenig enttäuscht von Sony, dass so viele Ungereimtheiten nie ausgemerzt werden konnten. Ich hatte mir mehr Entwicklung über die Firmware gewünscht. Z.B. die Möglichkeit den digitalen „Zoom“ auf 1:1 Sensorauslesung bei HD per Custom-Button zu schalten, hatte dann nur die FS5. Überhaupt waren Eingriffe ins Menü immer ziemlich mühselig. Auch der lange und unhandliche Handgriff ist sicher nicht optimal gelöst.

Deshalb habe ich die FS7 auch guten Gewissens nach dem Projekt wieder verkauft.
Inzwischen bin ich mit der Panasonic EVA1 weg von Sony und das geniale Sigma 18-35/1,8 ist mein Lieblingsobjektiv geworden.


Workflows, Postproduktion und Farbkorrektur / Wie zieht man so ein Projekt durch?


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[31 Leserkommentare] [Kommentar schreiben]   Letzte Kommentare:
schloerg    12:10 am 9.8.2018
Endlich benutzt (ausser mir) mal jemand das BP4029 von Audio-Technica, das ich für ein sehr gutes (das beste erschwingliche) Stereomic (MS Technik) halte. Das Mic ist total...weiterlesen
kavenzmann    19:13 am 7.8.2018
Da hast Du recht. Der Trailer war leider nicht extra im Tonstudio. Mal sehen, wie ich das selbst wegbekomme...
Cinemator    18:31 am 7.8.2018
Andere diskutieren seit Jahren über die so unendlich wichtige Technik ("ohne raw kann man nicht graden ..."), mit der sie irgend etwas gaaaanz Tolles drehen wollen, aber ohne...weiterlesen
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update am 10.Dezember 2018 - 15:45
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