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Berichterstattung : Emotion sticht Continuity -- interessanter Vortrag über Filmschnitt bei Berlinale Talents

von Di, 14.März 2017


Unter dem Titel Kill your Darlings ging es (wie jedes Jahr) bei Berlinale Talents intensiv um den Filmschnitt. Das Zitat stammt vom Schriftsteller William Faulkner und bezieht sich auf die durchaus schmerzhafte Erkenntnis, daß es manchmal nötig ist, sich von -- vermeintlich oder tatsächlich -- besonders gelungenen Formulierungen oder Textpassagen zu trennen, weil sie letztlich im Gesamtkontext nicht funktionieren. Was für die Literatur gilt, ist beim Film mindestens ebenso gültig: ständig geht es darum, welche der vielen gedrehten Bilder bei der Montage verwendet werden und welche nicht, in welcher Reihenfolge und wie lange eine Einstellung stehen bleiben soll. Doch worauf basieren diese Entscheidungen?


Damit wären wir bereits bei DER zentralen Frage angekommen, die praktisch jede Beschäftigung mit Schnitt dominiert und somit auch bei dem sehr sehenswerten Vortrag (unten für euch in voller Länge eingebunden) von Susan Korda im Mittelpunkt stand. Ihre Antwort -- mit der sie nicht allein ist, im Gegenteil -- klingt an sich sehr simpel: Filmmontage ist weniger eine visuelle als eine emotionale Angelegenheit. Es geht letztlich nicht darum, den Zuschauern einfach nur Bilder zu zeigen, sondern sie etwas erleben und fühlen zu lassen, ähnlich wie bei der Musik, oder in den Träumen. Und da Gefühle ihre ganz eigene Logik haben, ist ein streng rationaler Ansatz beim Schnitt meist hinderlich. "If you can feel it, you can cut it" lautet ihre Devise, welche mit einigen Auszügen aus Walter Murchs Schnittbibel (In the Blink of an Eye) untermauert wurden.


Sich allzusehr mit den üblichen Regeln aufzuhalten, also beispielsweise gnadenlos auf die Continuity zu achten, die 180 Grad Linie nie zu verletzen, perfekte Match Cuts suchen etc., führe automatisch zu einem sehr analytischem Hinschauen und lenke dadurch von den wirklich wichtigen Dingen ab, so Korda, nämlich einen emotional nachvollziehbaren Faden zu spinnen. Welche Bildfolgen zusammen funktionieren, könne man aber nur in den seltensten Fällen vorhersehen, man müsse es erspüren. Somit ist Filmschnitt immer ein Abenteuer, bei dem man in gewisser Weise dem Unbekannten ausgeliefert ist. Weshalb es auch bei praktisch jedem Projekt zu verzweifelten Szenen im Schneideraum komme, wenn die letzte Hoffnung schwindet, aus einem Haufen Bilder einen sehenswerten Film modellieren zu können ("the oh shit moment", vor dem selbst Oscar-prämierte CutterInnen nicht gefeit sind).

Zwei längere Filmausschnitte, die leider aufgrund der Rechtelage im Talents-Clip nicht enthalten sind, dienten als ganz konkrete Beispiele unter anderem dafür, daß offizielle Schnittfehler und sogar versehentliche Unschärfen oftmals gar nicht auffallen, solange die emotionale Aussage stimmig ist. Einmal die ersten 11 Minuten aus Bonnie und Clyde (R: Arthur Penn, 1967), zum anderen Spielbergs Jaws (1975), hier die Szene mit dem Bürgertreffen sowie die darauf folgende -- um dem Vortrag optimal folgen zu können, sollte man sich diese beiden Filme auf jeden Fall vorher ausleihen oder on-demand besorgen, sofern sie nicht eh schon in der heimischen Filmothek stehen. Vorhang auf für Susan Korda:



Weitere Videos von den diesjährigen Berlinale Talents Veranstaltungen finden sich auf Youtube.


    

[16 Leserkommentare] [Kommentar schreiben]   Letzte Kommentare:
domain    07:28 am 17.3.2017
Ich denke, dass ich die spezialisierte Aufgabe der Continuity falsch verstanden verstanden habe, nämlich so: https://de.wikipedia.org/wiki/Script/Continuity Daher ist mir etwas...weiterlesen
iasi    22:38 am 16.3.2017
Solche Vorträge sind immer wieder gut, um sich die gestalterischen Möglichkeiten wieder ins Bewußtsein zu rufen. Der Vortrag Nichts wirklich neues, aber eben doch sehr...weiterlesen
iasi    22:34 am 16.3.2017
Ziemliche Unterschätzung
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