Bereits 2004 fragte ein Fotograf im legendären Rob-Galbraith-Forum, ob Adobe nicht ein offenes, dokumentiertes RAW-Format schaffen könne – eines, das Bearbeitungen speichert und langfristig archivierbar ist. Nur zwei Stunden später antwortete Photoshop-Erfinder Thomas Knoll: „Ja, das ist machbar.“ Noch im selben Jahr kündigte Adobe das Digital Negative (DNG) an, ein offen spezifiziertes Format, das grundsätzlich auf dem TIFF-EP-Standard basiert und somit relativ leicht für jeden Hersteller zu implementieren sein sollte. Doch so einfach war es dann eben doch nicht...
Tatsächlich klingt es zunächst etwas komisch, warum man RAW-Daten nicht einfach genormt speichern können sollte. Im Audiobereich funktioniert dies doch auch seit Beginn der Digitalisierung problemlos. Bei einem Bildsensor gibt es allerdings im Gegensatz zu einem Audio ADC deutlich mehr Parameter zu beachten, beispielsweise die exakte Farbcharakteristik der Bayer-Filter. Doch all dies lässt sich prinzipiell in Metadaten definieren und "unter einem Format-Dach" verwalten - wie letztlich DNG auch demonstrieren konnte:
Denn DNG kam durchaus bei einigen Herstellern zum Einsatz, unter anderem bei Leica, Pentax, Ricoh, Sigma und DJI. Auch in Smartphones von Apple und Google etablierte sich das Format. Doch die größten Kamerahersteller sträubten sich vor allem mit der Begründung, DNG sei ein Konkurrenzprodukt von Adobe, über welches man als Kamerahersteller nicht die volle Kontrolle habe. Dabei ist das Format vollständig offengelegt und kostenlos lizenzierbar – ähnlich wie TIFF, das ebenfalls von Adobe stammt und schon lange ISO-Standard ist.
Der Ableger für Bewegtbild: Cinema DNG
Parallel zur Foto-Welt versuchte sich Adobe auch im Videobereich: Mit Cinema DNG (oft als CDNG abgekürzt) entstand 2009 ein offenes RAW-Containerformat für Einzelbilder aus Filmkameras. Hiermit konnten Video- und Kinokameras unkomprimierte, verlustfreie RAW-Bilder als Bildsequenz speichern – dokumentiert, theoretisch zukunftssicher und ohne Lizenzgebühren. Doch auch hier setzten nur damals zuerst nur eher kleinere Hersteller wie Silicon Imaging, Ikonoskop oder Indiecam auf CDNG, während die Platzhirsche wie ARRI oder RED das Format wohl sehr bewusst mieden.
Zudem hatte die offene Freiheit einen hohen Preis: Cinema DNG produzierte für die Zeit gewaltige Datenmengen. Ein paar Minuten 4K-RAW konnten Hunderte Gigabyte teuren Speicher fressen und die Schreib-Geschwindigkeiten der Speichermedien wurden seinerzeit oft zum Flaschenhals. Hinzu kam, dass Adobe selbst das Format kaum pflegte und kein offensichtliches Interesse an einer Weiterentwicklung zeigte.

Erst als Blackmagic Design das Format 2012 für seinen Einstieg in den Cinema Kamera Markt nutzte (und um eine optionale Kompression erweiterte) kam etwas Bewegung in die Verbreitung des Formats. Auch wurde Flash Speicher zu dieser Zeit jährlich günstiger und schneller.
Doch obwohl Blackmagic daraufhin in seinen ersten Kamera-Generationen (HD, 4K und 4.6K) mit Cinema DNG große Markterfolge im Cinema-Kamera Markt verbuchen konnte, war dem Format selbst kein bleibender Erfolg gegönnt - weil RED an dem Format Patentansprüche geltend machte. Blackmagic strich daraufhin die offizielle CDNG-Unterstützung aus den Kameras und Cinema DNG wurde wieder zur Nischenlösung, die heute praktisch gar keine Rolle mehr im kommerziellen Kamera Umfeld spielt. Und mit dem Ergebnis, dass nun sowohl im Video- als auch im Fotobereich ein unübersichtlicher Wildwuchs an diversen RAW-Formaten existiert - die untereinander natürlich nicht kompatibel sind.
Gleiches Schicksal - DNG?
Nach jahrelanger Fürsprache, unter anderem durch Robert Edwards im ISO-Gremium, wurde DNG jetzt offiziell als ISO-Standard ISO 12234-4 festgeklopft und der Ball liegt damit jetzt definitiv im Feld der Kamerahersteller: Sie könnten ihre proprietären RAW-Formate nun parallel zu DNG in ihren Kameras anbieten – wie es beispielsweise Pentax praktiziert. Und müssen niemals befürchten, für DNG in irgendeiner Form kostenpflichtig Lizenzen zahlen zu müssen. Zugleich ist das Format allerdings damit auch in weiten Bereichen festgelegt und nicht weiter nach den eigenen Interessen veränderbar.
Das mag für die Hersteller nicht optimal sein, hat aber für die Anwender einen wichtigen Vorteil: Die Beständigkeit über die Zeit. Denn eine Normierung eines Formates hilft, dass Bilder auch in Jahrzehnten noch lesbar sind, weil das Format von gängigen Tools noch immer geöffnet bzw. gelesen werden kann. Nischen-Formate oder Codecs mit teuren Lizenzen fallen dagegen gerne irgendwann aus den Import-Listen der Applikationen und können dann in einem Jahrzehnt vielleicht schon ein Problemfall sein, wenn man auf sie zugreifen möchte.
Doch ohne die großen Kamerahersteller wird das nicht funktionieren, und die scheinen das normierte DNG nicht unbedingt mit offenen Armen zu empfangen. Der Grund für die Verweigerungshaltung liegt vermutlich in der Befürchtung, als Hersteller für den Kunden damit noch austauschbarer zu werden.
Wenn das eigene RAW-Dateiformat mit Kameras der direkten Konkurrenz kompatibel wäre, dürfte der Workflow mit entsprechenden LUTs letztlich auch dafür sorgen, dass keine Kamera mehr durch ihre "persönliche Bildqualität" heraussticht - weil letztlich jede Kamera dann mit ein paar Klicks wie die andere aussehen kann. Mit einer eigenen RAW-Pipeline lässt sich dagegen der spezielle Signature Look der eigenen Kameras deutlich besser vermarkten. Und überspielen, dass hier letztlich sowieso jeder Hersteller mittlerweile mit den gleichen Zutaten kocht...



















