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Erfahrungsberichte : Seitenwechsel: Vom Regisseur zum Schauspieler

von Do, 10.August 2017 | 7 Seiten | diesen Artikel auf einer Seite lesen

  Einleitung
  Von der Kamera...
  ...vor die Kamera
  Fordernde Szenen im Drehbuch
  War ich gut?
  Kein Rückzugsraum vor der Kamera
  Das Vertrauen zur Regie ist essentiell
  Showdown...
  Was bleibt?



Kein Rückzugsraum vor der Kamera



Beim Schauspielen bin ich selbst das Medium. Und ja, das ist verwirrend. Und irgendwie auch ein bisschen gestört. Godard hat Schauspieler, glaube ich, als liebenswerte Kranke bezeichnet. Und doch ist die ursprüngliche Krankheit vielleicht nicht das, was man Schauspielern gemeinhin als Klischee unterstellt, nämlich Egozentrismus. Ganz so einfach ist es nicht. Diese Zuschreibung, die ich selbst oft genug gedacht habe, bevor ich den Seitenwechsel erlebte, ist, glaube ich, oft nur ein Ausdruck von Ängsten vor der eigenen Courage oder entsprechend Neid vor der Courage der anderen. Denn eines muss man als Schauspieler tun, und zwar nicht aus klinischen Gründen, sondern weil es die Aufgabe, ja die Verantwortung dieser Arbeit ist: man muss sich zeigen. Etwas zurückhalten, das funktioniert nicht.

Auch das durfte ich erfahren. Bei der zweiten Szene, die wir gedreht haben, passierte mir, wovor ich Angst hatte, ohne es zu wissen. Ich ließ mich anstecken vom Streß des Sets, wir waren im Verzug, und es sollte alles schnell gehen. Daher probten wir die Szene nicht und es sollte gleich gedreht werden. Dann klappte es nicht. Ich fand nicht hinein in das, worum es dem Regisseur für meine Figur ging. Und ich war nicht flexibel genug, von dem, was ich mir zurechtgelegt hatte, Abstand zu nehmen und für mich zu übersetzen, was er mir als Anweisung gab. Die Folge war eine Blockade, die dazu führte, im Kopf eine Lösung finden zu wollen. Nur führt das, und das wiederum habe ich ganz klar gespürt, dazu, nicht mehr zu spielen sondern tatsächlich darzustellen. Ich habe versucht, das zu machen, was der Regisseur von mir sehen wollte. Aber eben bewusst, indem ich gleichzeitig darüber nachdachte, was jetzt wohl das Richtige zu tun, wie der Satz richtig zu betonen sei. Dabei kam nichts raus, was sich für mich auch nur annähernd wie gutes Schauspiel anfühlte. Eher kam ich mir vor wie eine Kasperlefigur, ein fremdgesteuertes Objekt.

Noch schlimmer war, dass der Regisseur sich irgendwann zufrieden gab, es war schließlich keine entscheidende Szene, meinte er, und mit der Hauptdarstellerin zum Rauchen verschwand. Wow, wäre es nicht so irritierend gewesen, hätte ich laut auflachen müssen, so sehr fühlte ich mich wie ein verlassenes Kind in dem Moment, das eifersüchtig auf die Zuwendung zur anderen reagiert und zugleich wütend auf diese Unverschämtheit. Da war also noch eine neue Dimension ziemlich purer Gefühlsenergie, die ins Spiel kam: Befindlichkeiten in kindlicher Reinform. Nicht schlecht.



Das Vertrauen zur Regie ist essentiell



Ich fand meinen Abstand, ging hin und schon sprachen wir über die gemeinsame Frustration. Nur besser hat es das für mich auch nicht gemacht. Der Makel blieb ja, ich hatte versagt. Jedenfalls in meinen Augen. Gleichzeitig kam ich mir albern und hysterisch vor. Aber ich wollte es doch nur gut machen. Ein weiterer Aspekt, der anders ist auf dieser Seite. Während hinter der Kamera, auch wenn es schändlich ist, schon mal die Haltung von „versendet sich“ auftauchen kann, ist das vor der Kamera kaum denkbar. Dafür ist der Druck zu groß.

Oder wollte er mir gerade genau das sagen, das sich es nicht zu ernst nehmen soll? Aber was hätte das bedeutet? Dass er seinen Film nicht ernst nimmt, und damit uns Schauspieler auch nicht? Wofür also verausgaben wir uns hier, emotional? Nein. Er fing es einigermassen auf, warb um mein Vertrauen und konnte es zurückgewinnen.

Ein weiterer, wenn nicht überhaupt der essentielleste Aspekt: das Vertrauen zur Regie. Ohne das geht gar nichts. Jedenfalls nicht bei mir. Und wie im richtigen Leben, nur irgendwie in Zeitraffer, ist das kein statischer Deal, einmal gemacht, sondern ein permanentes Ringen und Kämpfen.

Dabei lernte ich auch, wenngleich ich das erst später formulieren konnte, dass es als Schauspieler, der vor die Kamera tritt, für den, zugespitzt gesagt, alle anderen arbeiten, meine Verantwortung ist, alles für die bestmöglichen Bedingungen meiner Arbeit zu tun aber eben auch einzufordern. Dieses "Sich-Wichtig-Nehmen" als Arbeitender, bei dem eben nichts sich versendet oder irgendwie nachträglich dran drehen lässt, war für mich wirklich eine neue Erfahrung. Dienen, in dem man sich maximal wichtig nimmt, so wenig Kompromisse wie möglich macht, das ist eine grundlegende Differenz zur anderen Seite. Und auch sie befeuert natürlich das Klischee, Diva, etc.

Foto Claudia Kantner



Dabei zugleich die Grenze zwischen Arbeit, also Figur, und Privatem, also Schauspieler, nicht aus dem Blick zu verlieren, stelle ich mir als große Herausforderung vor, wenn man diesen Beruf länger ausübt. Und vor diesem Hintergrund machten für mich auf einmal auch die ganzen Diskussionen oder Bemühungen um Techniken des Schauspiels Sinn. Wie erzeuge ich wahrhaftige Emotionen, ohne nachher darauf hängenzubleiben? Früher, so habe ich kürzlich erfahren, wurden Schauspieler gesetzlich zwei Stunden vor und bis zwei Stunden nach ihrer Aufführung als nicht zurechnungsfähig betrachtet. Der Paragraph soll abgeschafft worden sein. Das halte ich für einen Fehler.

War ich gut?
Showdown...


7 Seiten:
Einleitung / Von der Kamera... / ...vor die Kamera
Fordernde Szenen im Drehbuch
War ich gut?
Kein Rückzugsraum vor der Kamera / Das Vertrauen zur Regie ist essentiell
Showdown...
Was bleibt?
  

[1 Leserkommentar] [Kommentar schreiben]   Letzter Kommentar:
SeenByAlex    13:10 am 12.8.2017
Sehr schön geschriebener und informativer Artikel! Ich kann nur jedem Regisseur empfehlen, sich auch ausführlich mit der Schauspielerei zu beschäftigen, es lohnt sich. Als...weiterlesen
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