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Erfahrungsberichte : "Hey!" - so fing alles an

von Mi, 25.Juni 2003



von Horst Stenzel


Wenn man nur lange genug mit Filmen sein Brot verdient, kommt eines Tages unweigerlich der Moment, in dem man sich fragt: Muss diese Abhängigkeit von Fernsehredakteuren und von Fördergremien sein? Oft sieht man es den Filmen an, wie häufig die Drehbücher umgekrempelt wurden. Ungereimtheiten schleichen sich ein, und mitunter werden die Absichten des Drehbuchautors bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Wer den Frust nicht länger erdulden will, sinnt auf andere Wege. Die Folgen sind bekannt: Ob in ein Dogma gepfercht oder nicht, die preiswerte DV-Technik ermöglicht die Herstellung von Filmen mit Budgets, die vor einigen Jahren nur ein müdes Lächeln bei den Profis hervorgerufen hätten.

So einen Film wollen wir jetzt auch machen. Mit einem Stoff, der nach einer eigenen und originellen Filmsprache verlangt. Nähe zur Realität wollen wir erreichen, und das rechtfertigt zugleich den Einsatz kleiner Kameras. Wir haben bisher vor allem Dokumentarfilme gedreht. Und diese Erfahrungen sollen nun einfließen in ein Fiction-Projekt.

Wir möchten die Zufälle und Überraschungen, die für Dokumentarfilme kennzeichnend sind, übertragen auf unser Spielfilm-Projekt „Hey!“. Es soll dadurch eine höhere Authentizität entstehen. Die Grenzen zwischen Sein und Schein, zwischen Spiel und Realität zerfließen. So entstehen verschiedene Handlungsebenen. Die im Drehbuch vorgegebene Geschichte kann immer wieder umschlagen in dokumentarische Szenen. Und noch eine dritte Ebene ist präsent: Ein Roman, an dem die Autorin während der Filmerzählung schreibt. Diese Szenen sollen durch Verfremdung in der Bildsprache von dem übrigen Handlungsfluss abgesetzt werden.

Ich habe mich gefragt, ob die laufende Veröffentlichung unserer Überlegungen und Aktionen hier auf der slashcam-site wohl ein Risiko ist. „Hey!“ ist ein Experiment, und ein solches Abenteuer kann natürlich auch schief gehen. Aber am Ende hielten wir an der Idee eines „Drehtagebuchs“ fest. So kann die Gemeinde der DV-Filmer für die eigene Arbeit nachvollziehen, was uns durch den Kopf ging. Und wir selbst erhoffen uns eine breitere Unterstützung unserer Arbeit und eine gewisse Publizität für den Film (denn für ein Werbebudget langt’s natürlich nicht).

Cornelia Bernoulli hat die Aufgabe übernommen, das Drehbuch zu entwickeln. Rasch waren wir uns in unseren Diskussionen einig, dass dieses Buch keine ausformulierten Dialoge enthalten, sondern nur den Handlungsrahmen vorgeben kann. Die Schauspieler sollen den Text spontan während des Drehs entwickeln. Das ist eine Vorgabe, die einfach aussieht, aber in Wahrheit eine große Herausforderung ist. Denn die Schauspieler schlüpfen nicht, wie sie es gewöhnt sind, in eine Rolle mit vorgegebenen Dialogen. Sie spielen zwar Rollen, müssen diese aber viel näher an sich selbst ansiedeln und geben persönlich mehr preis als im herkömmlichen Spiel.

Nun liegt die erste Rohfassung vor. Cornelia hat unsere ersten Überlegungen glänzend umgesetzt. Die Story ist am ehesten ins Genre eines Kammerspiels mit Überraschungseffekten einzuordnen. Dies ist die Ausgangssituation von „Hey!“:

Die Schauspielerin Karin lebt nach einer dramatischen Trennung von ihrem Lebensgefährten seit einigen Wochen bei ihrer Freundin Claudia in München. Claudia ist seit kurzem geschieden. Sie arbeitet als Autorin an Fernseh-Serien. In den bevorstehenden gemeinsamen Ferien will sie sich ihrem Roman widmen. Mit der Reise ins Tessin beginnt der Film. Karin bereitet sich auf eine Theaterrolle vor. In Shakespeares „Hamlet“ soll sie die Mutter des dänischen Prinzen spielen. Freunde haben Claudia ein Rustico, eine typische Tessiner Berghütte, zur Verfügung gestellt. Karin freut sich vor allem auf das in dieser Zeit stattfindende Filmfestival in Locarno. Es ist für sie eine gute Gelegenheit, berufliche Kontakte zu pflegen.

Es ist ein Film, der auf die menschlichen Zwischentöne setzt. Spontan sich entwickelnde Emotionen erhalten Raum. Sie äußern sich auch in den „Reinlege-Spielchen“ der beiden Frauen, die sich schon aus dem Sandkasten kennen. Manchmal sind diese Spielchen heiter, manchmal schockierend, gelegentlich enden sie in einer bösen Überraschung. Aus einer sommerlich verspielten Ferienstimmung geraten die beiden Freundinnen in einen immer stärkeren Sog, der in einer existenziellen Abrechnungs-Situation endet.

Das Buch hat in diesem Zustand den Umfang von 45 Seiten. Nun geht es darum, das Projekt zu kalkulieren. In der nächsten Lieferung will ich davon berichten. Auch von der Besetzung, die bedingt durch die Art des Projekts anders zustande kam als üblicherweise.


Der Autor Horst Stenzel hat seit Mitte der 70er Jahre als freier Filmproduzent und –autor zahlreiche Dokumentarfilme und Reportagen realisiert und Drehbücher für Fernsehspiele geschrieben. Zuvor war er TV-Redakteur beim WDR, Reporter bei der Wirtschaftswoche, Redakteur bei dpa und während eines Volkswirtschafts-Studiums in Münster Mitarbeiter der Westfälischen Nachrichten. Er ist erreichbar über die Website www.stenzelfilm.agdok.de


  


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