
Kameras mit perfekter Bildqualität passend für die Westentasche sind nach wie vor ein Traum. Canon wagte im letzten Jahr trotzdem den Versuch und stellte seine innovative 1.77 Megapixel-Technik vor. Mit der MVX35i scheint dabei derzeit das Maximum an Miniaturisierung erreicht.
Kennen sie das auch? Im Urlaub, im Auto, auf dem Weg zur Arbeit, eigentlich mšchte man seine Videokamera immer dabei haben. Doch wer Wert auf hochwertige Bilder legt, muss beim Mitnahmefaktor Abstriche machen. Das will Canon ändern und hat sein erstes Hochkant-Modell mit 1.77 Megapixel-Technik, die MVX10i, nochmals größentechnisch abgespeckt. Herausgekommen ist dabei ein Camcorder, der seinesgleichen sucht.
Neues
Die MVX35i ist gerade mal 5x10x10cm groß, was durchaus schon als westentaschentauglich durchgeht. Trotzdem hat sich gegenüber dem Vorgänger einiges an der Bedienung verbessert: Das fummelige Drehkreuz ist verschwunden und hat einzelnen Knöpfen Platz für Fokus, Blende und das Menü gemacht. Außerdem wurde eine LED für Nachtaufnahmen integriert, deren Licht ein zusätzlich aufschraubbarer Leuchtkranz gleichmäßig verteilen kann. Das Kassettenfach geht jetzt anstatt nach hinten nach unten auf und der Akku glänzt in einer Lackierung im vorherrschenden Silber. Die Computeranbindung für Fotos erfolgt jetzt über das schnellere USB2.0 und Novum: das Menü ist auf Deutsch! Dass man das noch erleben darf...

Bedienung
Auf so kleinem Raum werden konstruktionsbedingt Kompromisse eingegangen, und so sind auch bei der MVX35i ein paar Dinge zu beachten. Die schräge Handschlaufe zwingt die Hand in die einzig mögliche Position, Daumen nach hinten auf den Record-Knopf, Zeigefinger auf den Zoom-Schieber und der Rest an die Vorderseite. Dabei wandert leider schnell der Mittelfinger vor das Objektiv, also auf immer auf den unteren Bildrand achten! Abhilfe schafft auch ein optionaler Filter oder Sonnenschutz. Der Sucher ist fest, aber zumindest angeschrägt. Alternativ steht natürlich auch das recht farbtreue und scharfe Display zur Verfügung, was insbesondere bei Aufnahmen mit Ton Sinn macht: Das integrierte Kopfmikrofon klingt zwar durchaus gut, sitzt aber direkt auf dem Sucher und nimmt auch mal gerne Brillenklacken oder Augenbrauenschieben auf. Wer es gleich ganz professionell machen will, nimmt den externen Mikrofoneingang und steuert manuell aus, nach wie vor ein Novum im Einchip-Bereich. Verzichten muss man allerdings auf einen Zubehörschuh, das ist zwar schade, ließ sich aber platztechnisch wohl nicht anders lösen. Ansonsten wirkt die Kamera durchdacht, insbesondere die neuen Tasten für Blende und Fokus machen sich positiv bemerkbar. Der direkte Druck auf das Auswahlrad eröffnet den Zugriff auf die Motiv-Programme, sinnvoll, denn die braucht man nur, wenn Blende und Fokus auf Automatik stehen. Die Navigation durchs Menü ist übersichtlich und flott.

Innere Werte
Geblieben sind die grundlegenden technischen Daten: Ein 1/3,4´ großer CCD wird im Videomodus mit 1536x1152Pixeln ausgelesen, was der doppelten PAL-Auflösung entspricht (siehe auch Ausgabe 4/03). Daraus errechnet ein ´Digic DV´ genannter Bild-Prozessor die für DV nötigen 720x576. Und das macht er schon seit der ersten Generation der MVX3i und MVX10i hervorragend. Farben wirken recht kräftig aber natürlich und ausgewogen, die Automatik- Blende sitzt Canon-typisch meist perfekt. Trotzdem scheint man noch ein wenig Optimierungspotenzial gefunden zu haben, denn im Gegensatz zur Vorgängerin ist die Lichtempfindlichkeit besser und liegt sogar noch etwas oberhalb der MVX3i, die aufgrund des größeren Objektives eigentlich im Vorteil sein sollte. Bezahlt wird das mit etwas mehr Bewegungsnachziehen im Lowlight, da arbeitet der Digic DV einfach im Grenzbereich. Auf den optischen Bildstabilisator der großen Schwester muss man verzichten, der Elektronische arbeitet in normalen Situationen aber zufriedenstellend. Geblieben ist die schon vom Vorgänger bekannte beeindruckende Schärfe, für einen Einchip-Camcorder nach wie vor hervorragend. Ein klein wenig haben die Ingenieure zwar mit einer Kontur nachgeholfen, störende Kontrastsäume sind im Bild aber nirgendwo zu finden. Sowohl Helligkeitsauflösung als auch Farbauflösung reizen das DV-System fast bis zum Anschlag aus, dabei macht sie sogar vielen Dreichip-Camcordern etwas vor.

Eine als Referenzmodell herangezogene Sony VX2100 sieht bei normaler Beleuchtung nicht besser aus, die Farbauflösung liegt messtechnisch sogar etwas tiefer. Erst bei kritischen Motiven wie hartem Gegenlicht oder schummerigen Räumen kann sich unsere Drei-Chip-Referenz absetzen, geringe Smear-Effekte und Lowlight-tauglichkeit sind nach wie vor noch Domänen der großen Modelle. Apropos Lowlight: auch die MVX35i hat wie viele neuere Modelle einen so genannten Slow-Shutter. Er verlängert die Belichtungszeit auf unter 1/50 Sekunde, was bei Bewegungen natürlich zu ruckenden Bewegungen führt. Man kann ihn daher im Menü abschalten, was wir für unser 20Lux-Testbild natürlich getan haben.
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Im Lowlight besser als die große Schwester: oben die MVX3i, unten die MVX35i |
Und noch ein kleiner Tipp: Sollte die Anschaffung eines Camcorder bei Ihnen durch die Haushaltskasse müssen, hilft vielleicht der Hinweis auf die ãSkinDetail´-Funktion. Damit lässt sich die Schärfe in hautfarbenen Regionen ein wenig zurücknehmen, was besonders Damen zu schätzen wissen.

16:9
Das Breitbildformat wird für viele Anwender immer mehr zu einem Kaufargument und so bietet die MVX35i ebenfalls einen anamorphen 16:9-Modus. Dabei werden die letzten Pixelreihen rechts und links noch dazu genommen, vertikal wird ein Teil interpoliert. Das ganze ist zwar keine echte Vierfachabtastung mit vollen 1024x576 Pixeln (das wären dann ja insgesamt 2,36 Megapixel), hat aber trotzdem weniger Verlust als die sonst übliche Hochskalierung des Letterbox-Formates. Canon bezeichnet den Modus daher zu Recht als optimiert, wer das letzte an Schärfe herauskitzeln möchte, kann bei 16:9 auch noch den Bildstabilisator abschalten. Dann werden dessen Pixel ebenfalls noch für das Videobild herangezogen, was noch zu einem Tick mehr Schärfe und zu einem Weitwinkel von etwa 38 mm führt.
Multimedia
Fotos kommen wie gehabt mit maximal 1632x1224 Pixeln auf die SD-Karte und können gleichzeitig zum Video aufgenommen werden. Zum Ausdruck unterstützt die MVX35i PictBrige-kompatible Drucker (natürlich gerne ebenfalls von Canon), der Umweg über den Computer kann entfallen. Üblich ist mittlerweile auch die Möglichkeit der MPEG4-Aufzeichnung, der Betrieb als Webcam funktioniert über USB und Firewire. Auf weitere Features wie EMailen, Kontostandabfrage oder Kaffeekochen hat Canon glücklicherweise verzichtet.
Fazit
`Kaufen marsch marsch´ ist zwar eigentlich die Reklame einer großen Elektronikkette. Bei der MVX35i ist das aber problemlos unterschreibbar, vorausgesetzt, der Schwerpunkt liegt auf einer kleinen Kamera zum Mitnehmen und nicht auf perfekter Ergonomie. Dafür ist auch eher die große Schwester MVX3i gedacht, freie Auswahl also. In der Bildqualität setzt Canons 1,77 Megapixel-Serie nach wie vor den Standard in der Einchip-Klasse, da macht auch die MVX35i keine Ausnahme. Gleichzeitig mit der MVX35i hat Canon auch eine etwas abgespeckte Variante mit Namen MVX30i vorgestellt. Gespart wurde am Display, das mit ca. 110.000Pixeln nur halb so viel Auflösung bietet. Außerdem fehlen der LED-Kranz sowie die schnelle USB2.0-Anbindung. Preislich liegt die MVX30i dafür etwa 100 Euro günstiger.