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Fokus Indie-Film : Route 4 - Dokumentarfilm über die Seenot-Rettung vor Libyen

von Do, 25.November 2021


Über 15 Monate wurde das Seenotrettungsschiff Alan Kurdi des Vereins "Sea-Eye" während mehrerer Missionen von einem Mediateam (Boxfish) auf dem Mittelmeer begleitet. Unter der Regie von Martina Chamrad entstand daraus ein Dokumentarfilm, der nicht nur versucht, bewegende Momente auf hoher See einzufangen, sondern auch die Implikationen darzustellen, die letztlich die Flüchtenden auf und zu ihrer Fluchtroute bewegt. Dabei zeigt "Route 4" sehr eindringlich, dass die aktuellen Zustände in Libyen auch mittelfristig kaum eine Lösung vor Ort erhoffen lassen, sondern mittlerweile ein zentraler Bestandteil des Problems geworden sind...



slashCAM: Der Film verfolgt ja weniger eine chronologische Geschichte, sondern fokussiert sich ja viel mehr darauf, die Gesamtsituation auf dieser Fluchtroute mit dem Fokus auf Libyen zu beleuchten. Erzählt doch einmal, wie man man sich die Entstehung dieses Filmes vorstellen darf.

Wir, die wir ja mit unserer Firma "Boxfish" aus der Werbung kommen, haben uns direkt zur Gründung vor gut drei Jahren dazu verschrieben, soziale Projekte zu unterstützen und unsere Arbeitszeit zu spenden. So hat sich 2018 eine Kooperation mit der Regensburger Seenotrettungs-NGO Sea-Eye ergeben, für die wir ursprünglich einen Fundraising-Spot gedreht haben. Nachdem wir dann noch zwei weitere Missionen als Medienkoordinatoren begleitet hatten, ist die Vorstellung eines größeren Projekt langsam in uns gekeimt. Zu dem Zeitpunkt hatten wir natürlich schon einiges an Material gedreht, ohne eine Dokumentation geplant zu haben, weswegen dann im Nachhinein für die Autorin und Regisseurin die Hauptherausforderung darin bestand, vorhandenes Material in eine Story zu weben.



slashCAM: Auffallend ist, dass ihr auch an einigen Stationen an Land gefilmt und teilweise auch versucht habt einzelnen Personen zu folgen. Wie seid ihr zu konkret diesen Bildern gekommen.

Häufig wussten wir vorher nicht, was und wer uns erwartet. Eigentlich muss man sagen, war es immer so. Sowohl auf dem Meer als auch in der Wüste. Zu einigen Menschen, die wir während einer Mission an Bord hatten, haben wir immer noch Kontakt, da sie inzwischen bspw. in Frankreich oder Bulgarien eine Heimat gefunden haben. Da wir den Film (inkl. der Missionen) „nur“ über ein Jahr hinweg gedreht haben, war es leider unmöglich, einzelne Personen über ihren kompletten Weg zu begleiten, weswegen wir hier immer in Etappen gearbeitet haben. Der erste Schritt war immer, vor Ort Menschen zu finden, die mit uns sprechen wollten, was aber recht einfach war. Viele wollten ihre Geschichte erzählen und aber auch davor warnen, welche (häufig unterschätzte) Grauen auf dieser langen Reise liegen.



slashCAM: Es gibt auch sehr eindringliche Bilder aus Libyen, die wahrscheinlich von Smartphones der Geflüchteten stammen, oder?

Ganz genau. Wir hatten (über WhatsApp-Gruppen) Kontakt zu Menschen, die uns Material zur Verfügung gestellt haben. Leider ist es nicht schwer, an Foltervideos aus den „Auffanglagern“ zu kommen, da diese auch per WhatsApp an Familien geschickt werden, um Geld zu erpressen. Wir hatten auch einen Kontakt in Libyen, der für uns Material organisiert und auch gefilmt hat. Wir hatten lange mit dem Pressevisum zu kämpfen, und dann kam im März 2020 Corona, was eine Einreise für uns komplett unmöglich gemacht hat. Dass man heutzutage über Facetime und Uploads Interviews im Ausland führen und praktisch immer dabei sein kann, war hier wirklich Gold wert.



slashCAM: Wie groß war euer Team und was hattet ihr an Technik im Gepäck?

Wir haben in ca. fünf verschiedenen Teams gearbeitet, waren aber fast immer alleine unterwegs, teilweise zu zweit mit einem Fixer oder einer Übersetzerin. Auch die Missionen wurden je alleine gedreht, das hat platztechnische Hintergründe auf dem Boot. In anderen Ländern waren wir als „Touristen“ vor Ort und wollten natürlich kaum Aufmerksamkeit generieren. Deswegen hatten wir in den Situationen eine BlackMagic Pocket 4K mit Speedbooster, einem 24-105mm Canon Objektiv und einer Sennheiser Funkstrecke dabei. Das Schöne an der Kamera ist, dass sie ein ordentliches Bild liefert, aber wie eine Fotokamera aussieht.

Alle Experteninterviews haben wir mit einer C200 und einem Tecpro & Litepanel LED-Panel gefilmt. Die Missionen wurden gemischt mit der C200, Pocket 4K, RED Scarlet W und einer Mavic 2 Pro gefilmt. Das sonstige Material stammt aus Smartphones, GoPros und auch Kameras wie einer Canon 600D von Kontakten vor Ort. Wir hatten nie mehr als einen Rucksack für das Equipment, der aber gerne 20 kg gewogen hat. Ein Macbook zum Schnitt/Daten sichern war natürlich auch dabei.



slashCAM: Wie seid Ihr zur Filmproduktion gekommen. Habt ihr alle die klassische Ausbildung im Lebenslauf, oder gibt es da auch "interessante" Ein- bzw. Umstiegs-Geschichten im Team?

Wir (Boxfish) sind ein dreiköpfiges Team und haben uns über unser Studium kennengelernt. Marco hat Medienmanagement (BA), Fabian BWL (BA) und ich Marken- & Medienmanagement (MA) studiert. Wir kommen also eher aus der organisatorischen Markenrichtung, was aber auch einen gewissen Vorteil bezüglich Fokus auf Marke, Zielgruppe und Kampagne für unsere Kunden hat. Wir arbeiten bei Produktionen mit Freelancern und skalieren die Teams entsprechend. Aber so macht es ja eigentlich jede Filmproduktion. Wir alle sind aber mit dem Medien aufgewachsen und haben uns Teile des Handwerks, die wir intern lösen, selbst beigebracht. Fabi ist unser Fotograf, ich bin neben meinem Produzentendasein auch Colorist und Marco ist bei manchen Projekten Cutter oder DoP. Man kann also sagen, dass wir nicht unbedingt das machen, wofür uns das Studium ausgebildet hat, wir aber dadurch eine andere Sicht auf manche Dinge haben, die sich auf jeden Fall auszahlt.

slashCAM: Der Film mutet dem Zuschauer einiges zu und entkräftet damit gleichzeitig das Argument, dass man das Flucht-Problem realistisch am besten "vor Ort" lösen könnte. Gleichzeitig gibt er implizit der EU die Schuld, dass sie es nicht schaffe, Flüchtende über einen Schlüssel auf die EU-Länder gleichmäßig zu verteilen. Da eine solche Einigung in der EU jedoch von einzelnen Ländern kaum für alle verbindlich zu erzwingen sein wird, entlässt der Film den Zuschauer letztlich ohne Hoffnung auf eine grundsätzliche Lösung des Problems. Was war/ist eure konkrete Erwartung für die Wirkung des Films. Habt ihr neben "Bewusstsein schaffen" auch noch eine persönliche Vision zur Lösung des Problems?

Grundsätzlich ist es natürlich das Ziel einer jeden Seenotrettungs-NGO, irrelevant zu werden, weil keine Menschen mehr gerettet oder von privaten Organisationen gerettet werden müssen. Die EU hatte es vor einigen Jahren schon geschafft, hier eine Lösung zu finden. Nachdem jedoch sämtliche staatliche Rettung eingestellt wurde, begann auch das große Sterben auf dem Mittelmeer. Natürlich ist es ein Ziel, Kriege zu beenden, Infrastruktur herzustellen und Fluchtursachen zu reduzieren. Hier haben Imperialismus und Kolonialismus aber noch zu tiefe Spuren hinterlassen. Ganz konkret sollte aber ein demokratisch, freiheitliches System wie die EU die sogenannte libysche Küstenwache, die auf Menschen schießt, Rettungen behindert und Personen in Folterlager bringt nicht mehr mit Geldern unterstützt werden. Auch sollte eine Art Verteilungsschlüssel geschaffen werden. Es ist nicht fair, dass Länder wie Malta oder Italien fast ausschließlich alleiniger Anlaufhafen und Auffangstelle sind. Die EU sollte in Abhängigkeit von den Kapazitäten der Lende feste Quoten schaffen und Strukturen generieren, die menschenwürdig sind. Diese müssen vor dem Anlaufen eines Hafens beginnen, sich über „Auffanglager“ hin bis zur Integration erstrecken. Es ist kein einfaches Problem, das man mal eben lösen kann. Das schafft auch keine NGO. Unser Ziel ist es, Leben auf See zu retten, das ist das einzige, was wir aktuell tun können. Und mit Route 4 wollen wir mehr Bewusstsein für die Einzelschicksale, für die Menschen schaffen, die sonst immer nur anonymisierten werden.

Alle Einnahmen die der Film generiert, fließen nach dem Abzug der Fixkosten der Kinos direkt an Sea-Eye. Und ab dem 1.4. wird der Film auch im Streaming verfügbar sein. Wir freuen uns auf die deutschlandweite Premiere am 24.11., bei der jetzt schon viele Säle ausverkauft sind und hoffen, dass wir so einen Film nie mehr produzieren müssen, auch wenn das eher ein Traum bleiben wird.

slashCAM: Wir danken für das Gespräch.

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Route 4

Deutschland 2021
Länge: 54 Minuten
Webseite zum Film

Kinostart: 24.11.2021
VOD Start: 1.4.2022

Buch und Regie: Martina Chamrad

Produktion: Boxfish

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Wer den Film zeitnah in seiner Nähe selber anschauen will, findet hier die aktuellen Termine:


Freiburg – Koki – 24.11.
Bochum – Endstation Kino – 24.11.
Fürth – Babylon Kino – 24.11.
Hamburg – Zeise Kino – 24.11
Köln – Rex -Kino – 24.11
Regensburg – Ostentor – 24.11.
Münster – Cinema – 24.11.
Fulda – Kino 35 – 24.11.
Kiel – Studio Kino – 25.11.
Köln – Lichtspiele Kalk – 27.11.
Kempten (Allgäu) – Colosseum – 27.11.
Edingen-Neckarshausen – Freiraumkino – wegen Coronaregelungen verschoben
Murnau – Kino im Grießbräu – wegen Coronaregelungen verschoben
Holzkirchen – Fools Kino – 28.11.
Regensburg – Ostentorkino – 28.11.
Rostock – Lichtspieltheater Wundervoll – 29.11.
Konstanz – Zebra Kino – 7.12.
Würzburg – Central im Bürgerbräu – 8.12.
Berlin – Kino Wedding – 8.12.
Ulm – Obscura – 9.12.
Potsdam – Thalia Filmtheater – 10.12.
Ochsenfurt – Casablanca – 15.12.
Heidelberg – Karlstorkino – 20.12.
Syke – Hansa-Kino – 8.1.
Heidelberg – Gloria Filmtheater – 9.01.
Kiel – Hansa – 3.2.

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Du hast auch einen Film gedreht und würdest ihn gern auf slashCAM vorstellen?

Dann schick uns einen Vimeo- oder YouTube-Link mit ein paar Stichworten zur Produktion (an film at slashcam.de) – wir freuen uns auf spannende, verrückte, kreative, technisch interessante Projekte.


  

[1 Leserkommentar] [Kommentar schreiben]   Letzter Kommentar:
elephantastic    12:47 am 23.11.2021
https://www.youtube.com/watch?v=jjTJx87 ... aulePorter
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update am 3.Dezember 2021 - 08:02
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