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Essays : YouTube: Geld nur noch für 100% werbe-freundliche Videos?

von Di, 19.September 2017


YouTube hat sich zu einem Medium entwickelt, welches von 1.5 Milliarden Usern pro Monat genutzt wird – und das für viele zu einer Alternative zum Fernsehen geworden ist. Aber im Unterschied dazu bestimmen keine TV Sender das Programm und die Inhalte, sondern mehr oder weniger große selbstständige Produzenten. Diese verdienen daran per Werbeeinnahmen ebenso wie YouTube selbst. Doch wo sind die Grenzen dessen, was gezeigt und an was verdient werden darf? Wie reagiert ein Konzern, der eigentlich nur Gewinn machen will, im Spannungsfeld von Terrorpropaganda, Fake News, Gewaltverherrlichung, Satire, Redefreiheit und Zensur?

Ein Bericht der "Times" im März, daß vom britischen Staat auf YouTube geschaltete Werbung neben Videos des amerikanischen Neonazis David Duke zu sehen war, hatte zusammen mit monetarisierten Videos der Hisbollah zu einem anschwellenden Boykott seitens großer Werbetreibender geführt, der sogenannten "Adpocalypse", der Google dazu zwang, genauer zu prüfen, welche Werbung neben welchen Inhalten gezeigt wird. Vorgeworfen wurde Google, mit Fake-News Geld zu verdienen und auch den Schöpfern von Fake-News erst einen kommerziellen Anreiz zu liefern (mit einem möglichen Verdienst von mehreren 1.000 Dollar pro Monat ).

Seit kurzem hat YouTube deshalb angefangen, auf massiven Druck von Werbekunden hin Videos mit "werbe-unfreundlichen" Inhalten vom Gelderwerb auszuschließen. Jetzt ist das Thema nochmals deutlich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, weil der bekannte Berliner YouTuber LeFloid (der 2015 die Kanzlerin interviewte) mit seinem FormatFormat im Glossar erklärt "LeNews" davon betroffen wurde. Er ist mit über 3 Millionen YouTube Abonnenten einer der wichtigsten Vermittler von Politik an Jugendliche in Deutschland.



Ein weiteres Problem sind per YouTube Videos radikalisierte ISIS Terroristen - so sieht Google sich in der Rolle, die immer vermieden werden sollte: als Medienunternehmen, das verantwortlich für die über seine Seite verbreiteten Inhalte ist und diese kostenaufwendig kontrollieren muß, und nicht mehr als bloßes Technologieunternehmen. welches nur die Infrastruktur zur Verfügung stellt und von den Aufrufen von Videos - egal welchen Inhalts - profitiert.

Ab einem gewissen Punkt war es für Google sinnvoller, auf potentielle Bannerviews zu verzichten, als weiter Werbekunden zu verlieren, und so hat Google auf den einerseits finanziellen, andererseits politischen Druck reagiert mit einer immer umfassenderen und strengeren Anwendung seiner Werberichtlinien.

Die Definition von “kontrovers”, die zum Ausschluss eines Videos aus der Werbevermarktung führen kann, wirkt dabei ziemlich willkürlich und weitläufig. So steht in den AdSense-Richtlinien für werbe-freundliche Inhalte, welche für Videos ebenso wie mit Adsense Werbung versehenen Texten zutrifft:

"Umstrittene Themen und sensible Ereignisse: Bei Videoinhalten rund um sensible Themen oder Ereignisse – unter anderem Krieg, politische Konflikte, Terrorismus oder Extremismus, Tod und tragische Vorfälle sowie sexueller Mißbrauch – wird keine Werbung eingeblendet, auch wenn die Inhalte keine grausamen Bilder umfassen. Videos zu aktuellen Tragödien, auch wenn diese in den Nachrichten oder als Dokumentation präsentiert werden, sind z. B. möglicherweise aufgrund des Themas nicht für Werbung geeignet."

Das ist zusammen mit den anderen Richtlinien (wie die unter anderem "Schädliche oder gefährliche Handlungen", "Unangemessene Sprache", "Unangemessene Verwendung von Figuren der Familienunterhaltung" oder "Sexuell anzügliche Inhalte" betreffen) so umfassend formuliert, daß abgesehen von wirklich extremen Videos auch viele aktuelle politische Themen, Ereignisse in der realen Welt oder auch viele satirische Inhalte ebenfalls unter diese Definition fallen.

Als den Richtlinien nach als "kontrovers" eingestufte Videos (oder ganze Kanäle) auf YouTube werden de-monetarisiert, d.h. es wird keine Werbung mehr eingeblendet (der Schöpfer verdient also nicht mehr an seinem Video), außerdem kann es nicht mehr geliked oder in anderen Seiten eingebettet werden - das Video ist also in seiner Verbreitungsmöglichkeit stark eingeschränkt. Im äußersten Fall wird das Video (oder sogar ein ganzer Kanal) gesperrt.

Die Entscheidungen, ein Video aufgrund eines "kontroversen" Inhalts zu demonetarisieren, ist allerdings oft nicht nachzuvollziehen - sie erfolgt, typisch für Google, per selbstlernender Algorithmen (machine learning), welche Videos nach verschiedenen Kategorien klassifizieren. Bei der enormen Menge an jede Minute hochgeladenen Videos ist wohl auch keine andere Lösung möglich.

Schon gleich nach dem Upload wird ein Video automatisch klassifiziert: "... in the first few hours of a video upload we use machine learning to determine if a video meets our advertiser-friendly guidelines. This also applies to scheduled live streams, where our systems look at the title, description, thumbnail and tags even before the stream goes live". De-Monetarisierte Videos werden durch ein gelbes Icon angezeigt. Trainiert werden diese über ein Netzwerk von "Trusted Flagger" und sogenannten YouTube Heroes, also Personen, die YouTube Videos als beleidigend kennzeichnen dürfen - die Möglichkeit für normale User Videos zu flaggen dürfte auch einfaktoriert werden.

Die Entwicklung von Algorithmen per Machine Learning ist allerdings nicht so weit, den Inhalt von Videos wirklich zu verstehen – die Klassifizierung erfolgt also auf Grund relativ simpler Merkmale – Satire oder eine kritische Auseinandersetzung mit einem heiklen Thema (wie z.B. Terrorismus) wird sicher nicht korrekt erkannt, die Erkennungsrate ist dementsprechend schlecht und muss dem Prinzip folgend lieber zu viel als zu wenig de-monetarisieren. Auch problematisch: die betroffenen YouTuber werden nicht informiert, wenn ihr Video de-monetarisiert wird. Auch die Gründe bleiben im Dunklen - der Produzent des Videos kann nur spekulieren, warum der Algorithmus sein Video geflaggt hat - oft ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar. Wahrscheinlich auch nicht für Google selbst - typisch fürs Machine Learning.

Videos auf YouTube flaggen


Man kann gegen eine Demonetarisierung auch Einspruch einlegen, wenn man der Meinung ist, daß es nicht gegen die Werberichtlinien verstößt, dann wird das Video von einem Menschen geprüft - sofern man mehr als 10.000 Abonennten hat oder das Video mehr als 1.00 views in den letzten 7 Tagen. Doch wie groß die Erfolgsquote ist, ist nicht bekannt und oft erfolgt die eventuelle Re-Monetarisierung eines Videos auch zu spät, um noch finanziell wirkungsvoll zu sein, da die meisten Views eines Videos meist kurz nach dem Upload erzielt werden.

Ein anderer Fall ist natürlich die komplette Sperrung von Videos, die "kontroverse" Meinungen / Fakten diskutieren, wie anscheinend mit LeFloids Video über die deutsch-türkischen Beziehungen geschehen - hier hat vielleicht die Möglichkeit eine Rolle gespielt, Videos melden zu können - gerade die Punkte "hasserfüllter Inhalt" und "Terrorismus" können ja subjektiv sehr weit gefaßt werden (wenn in manchen Ländern jede Opposition als Terrorismus gebrandmarkt und verfolgt wird).

Von Zensur zu sprechen ist allerdings nicht korrekt - YouTube löscht die Videos ja im überwiegenden Teil der Fälle nicht, sondern stoppt nur die Möglichkeit, damit Geld zu verdienen. Kritisch sind an diesen Maßnahmen seitens Google/YouTube (eine Art "ökonomischer" Zensur) jedoch, daß die Maßstäbe nach denen diese erfolgen extrem schwammig sind (es gibt verschiedenste Gründe, aus denen verschiedenste Menschen einen Inhalt als “kontrovers” einstufen können) - und sie erfolgen ohne ein rechtsstaatliches Verfahren.

Es zeigt sich das Problem, wenn eigentlich eine rechtsstaatliche Pflicht (die Entscheidung, welche Inhalte rechtswidrig sind) auf einen kommerziellen Dienstleister ausgelagert wird, der willkürlich (seinen eigenen Regeln bzw seine AGBs entsprechend) Inhalte löschen darf und sogar muß. Eine ähnliche, nur weit umfangreichere Gefahr besteht durch den Entzug von Werbegeldern per AdWords/Adsense auch für Webseiten/Blogs, welches für viele Webseitenbetreiber die Haupteinnahmequelle ist. Schone eine reine Androhung von Sperrung dieser Gelder könnte schon zur Vor-Zensur im Kopf führen beim Schreiben von kritischen, möglicherweise von jemand als kontrovers empfundenen Artikeln.

Kommerziell handelnde Unternehmen wie Google oder Facebook reagieren kommerziell logisch: Als kommerzieller Konzern liegt die Lösung nahe, im Zweifelsfalle eher mehr als weniger zu sperren, um keine Werbekunden zu vergraulen, welche im Endeffekt wichtiger sind als die Widersprüche einzelner YouTuber oder User. Und genauere manuelle Fall-für-Fall Prüfungen samt Einspruchsmöglichkeiten sind aufwendig und teuer - ein NoGo für schlanke Internetkonzerne, die ganz auf Algorithmen statt auf massenhafte menschliche Arbeitskraft setzen.

In diesem Fall gilt: im Zweifelsfall lieber Werbung nicht einblenden, um eventuelle Protestaktionen, die sich direkt an die Werbetreibenden richten zu verhindern. Die Folgen dieses Vorgehens sind für eine pluralistische Gesellschaft negativ - zumal wenn es von Dienstleistern/Hostern auch auf andere textbasierte Medien wie etwa Blogs oder Kommentarspalten ausgeweitet wird: im Ergebnis würde sich nur noch die Produktion völlig "unkontroverser" Inhalte lohnen, der kleinste gemeinsame Nenner sind ... harmlose Unterhaltungsshows? Sport? Katzen? Naturdokumentationen? Mode und Schminktips á la Bibi BeautyPalace? Harmlose Comedy? Technik Reviews?


    

[36 Leserkommentare] [Kommentar schreiben]   Letzte Kommentare:
Frank Glencairn    20:48 am 16.10.2017
Ihr solltet vielleicht aufhören in veralteten Kategorien wie Links/Rechts aus dem letzten Jahrhundert zu denken. Google ist weder links noch rechts, sondern tief. Google ist...weiterlesen
Gabriel_Natas    20:42 am 16.10.2017
Nur weil man Nazikacke blockiert ist man nicht links, sondern schlicht anständig.
Peppermintpost    20:39 am 16.10.2017
TYT, secular talk, jimmy dore, das gesammt RT netzwerk, TJ Kirk um jetzt nur mal einige wenige zu nennen. die etwas extremeren kanäle wie the finnish bolshevik oder bad mouse...weiterlesen
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