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Buchkritiken : Dok & Crowd. Dokumentarfilme finanzieren und verwerten

von Di, 17.November 2015


BildPaul Rieth
Dok & Crowd. Dokumentarfilme finanzieren und verwerten (Praxis Film)
Verlag: UVK
Taschenbuch - 228 Seiten
Sprache: Deutsch
Erschienen: August 2015
ISBN: 33867645205
Preis: 24,99 Euro


Endlich mal einen eigenen Film machen, einen richtigen -- bei Fachfremden ein vager Wunsch, dem gleich mehrere Hürden im Weg stehen. Doch auch von jenen, die ihr Geld irgendwie mit Bewegtbild verdienen, hört man es erstaunlich oft: endlich mal was ordentliches machen, zB. etwas Dokumentarisches über ein Thema, das einem am Herzen liegt, selbst bestimmen, wie man es angeht, statt immer nur Imagefilme, Werbung oder Reportagen für den kleinsten gemeinsamen Nenner zu produzieren. Können und Kontakte wären vorhanden, vielleicht auch eine Idee, fehlen tut dagegen wie so oft das Geld.

Denn zwar ist die Technik günstig und zugänglich geworden und im Internet ist ein potentielles Publikum über wenige Klicks zu erreichen, aber ein guter Film braucht Zeit und Zeit ist Geld. Dokumentarfilme erfordern viel Vorbereitung und Recherche, oft muß gereist werden, und möchte man nicht alles selbst machen, muß man auch ein Team bezahlen. Und selbst muß man ja auch von etwas leben. Wie das Ganze also finanzieren?

Eine Frage, die schon einmal vor einigen Jahren im Buch "Kann man denn davon leben?" gestellt und ausgesprochen praxisbezogen beantwortet wurde. Deutlich allgemeiner als dort nähert sich die Neuerscheinung "Dok & Crowd" dem Thema. Es stellt die neuen Finanzierungs- und Vertriebsmöglichkeiten via digitaler Medien (das "neue System") dem traditionellen Gebilde aus Förderung und Distribution gegenüber -- kurz, dem "alten System", welches von Fernsehsendern und anderen großen Playern dominiert wird, eher intransparent und gremienbasiert daherkommt und folglich für Neueinsteiger quasi undurchdringlich ist.

Welche Wege dem Dokumentarfilm hier prinzipiell offen stehen, erläutert der Autor zT. auch unter Nennung ungefährer Budgets (soweit Zahlen zur Verfügung stehen, was nur selten das Fall ist). Generell gibt es eine klare Tendenz, jene zu fördern, die schon erfolgreich sind -- beispielsweise ist oft ein Verleihvertrag Bedingung, um Fördermittel beantragen zu können, oder man kan sog. Referenzmittel von der FFA bekommen, wenn eine Doku im Kino mehr als 25.000 Zuschauer erreicht (als Finanzierung für den nächsten Film). Apropos: zwar sieht es im Kino auf den ersten Blick gut aus für den Dokumentarfilm, denn immer mehr Dokus finden sich unter den Kinostarts (die Quote ist gestiegen von 10% auf über 20% in den letzten 20 Jahren). Allerdings sind die Kinobesucher, die sich diese Filme ansehen, anscheinend nicht mehr geworden, sodaß lediglich nun mehr Konkurrenz herrscht. Auch eine Finanzierung über Fernsehsender wird zunehmend schwieriger; ein einzelner Akteur ohne Produktionsfirma im Rücken findet hier kaum Chancen, und da in der Regel seitens der Sender auch nur koproduziert wird, muß man sich mehrere willige Redaktionen suchen (und unter einen Hut bringen).

Einige alternative Finanzierungswege finden sich auch im Rahmen der klassischen Herangehensweise, als da wären Geldgeber mit Interesse am Thema wie NGOs, Stiftungen, Bildungseinrichtungen. Oder man öffnet sich einem Sponsoring oder Produktplacement, sollte dann allerdings vertraglich festhalten, wer beim Final Cut das sagen hat, damit die Unabhängigkeit gewahrt bleibt.

Soweit das alte System -- anders läuft es dagegen im neuen Internet- und Crowd-basierten System, das im Buch ausführlicher behandelt wird. Crowdfunding, Video on Demand und Marketing sind hier die drei Disziplinen, die gemeistert werden wollen. Die Einstiegshürden liegen deutlich niedriger, obschon gut vernetzt und kreativ zu sein natürlich ungemein hilft. Wie im Buch mehrmals betont wird, ist es jedoch meist auch enorm aufwendig, eine gute Crowdfunding-Kampagne zu führen, und in der Regel liegen die erzielten Einnahmen nicht einmal allzu hoch, nämlich irgendwo zwischen 1.000 und 20.000 Euro, weshalb das Modell in vielen Fällen nur als Teilfinanzierung ausreicht. Von der Rekordsumme von knappen 220.000 Euro, die ein Filmprojekt über Franz Jacobi, den Gründungsvater von Borussia Dortmund, auf Startnext einnahm, kann wohl nur träumen, wer bereits eine ähnliche Fanbase im Rücken hat.

Das Projekt ist eines von vier erfolgreichen Schwarmkampagnen, die im Buch kurz vorgestellt werden. Sie weisen einige Gemeinsamkeiten auf, wie zB. ein professionelles aber persönliches Pitch-Video, besondere Gegenleistungen für Unterstützer, eine aktive Kommunikation über Social Media Kanäle und nicht zuletzt sympathische Initiatioren -- alles keine große Überraschung, wenn man sich schon mal auf Kickstarter umgesehen hat, dennoch ist das Kapitel sicherlich hilfreich, da viel Wissenswertes gebündelt vorgestellt und auf einige Fallstricke hingewiesen wird.

Der große Vorteil des Crowdfundings liegt natürlich darin, daß im Optimalfall nicht nur eine Filmfinanzierung zustande kommt, sondern gleichzeitig auch das künftige Publikum aktiviert wird. Denn wer einen Film schon mitfinanziert hat, wird diesen wohl nicht nur selbst ansehen, wenn er später zum Download angeboten wird, sondern vermutlich auch seinen Freunden davon erzählen: der Zuschauer wird zum Multiplikator, was zu den letzten beiden Teilen des Buchs führt.

Es folgt ein Abriß über die Video-on-Demand Landschaft, der an sich informativ ist, aber nicht sehr praxisnah (also kein Leitfaden für Dokufilmer, wie sie am besten ihren Film im Internet feilbieten), während das abschließende Marketing-Kapitel wieder eher Hands-on ausgerichtet ist. Was man dort zu lesen bekommt, ist allerdings auch wieder ziemlich ernüchternd. Denn das "neue System" mag zwar offen und partizipativ ausgerichtet sein, doch wer dort in der Masse auffallen möchte, muß sich ordentlich reinknien, am besten schon während der Film noch im Entstehen ist. Beim LowBudget-Marketing bedeutet dies vor allem, tüchtig über alle verfügbaren Social Media Kanäle möglichst engagierende Häppchen über die Entwicklung des Projekts zu servieren. Immerhin sind bei Dokumentarfilmen durch das Filmthema in der Regel automatisch ein oder mehrere spezielle Zielgruppen gegeben, die man dabei ansprechen kann. Wie wichtig das Selbstmarketing (wie wohl überall im Kulturbetrieb) geworden ist, zeigt das Entstehen einer neuen Position in der Filmcrew: ein Producer of Marketing and Distribution (PDM) ist von Anfang an dabei, und entwickelt parallel eine auf den Film zugeschnittene Marketingstrategie. Welche im Falle eines Crowdfundings wiederum maßgeblich mit beeinflußt, ob dieser dann überhaupt entstehen wird...

Dok & Crowd versteht sich als Mischung aus Praxishandbuch und Marktanalyse, und das trifft es ganz gut, auch wenn das Buch offensichtlich aus einer akademischen Abschlußarbeit hervorgeht. Das merkt man nicht nur an den 200+ Fußnoten und der Schlußbetrachtung, sondern auch an der etwas distanzierten, beobachtenden Haltung. Vor allem ist dies eine medienwissenschaftliche Recherche-Arbeit, der sich zwar entsprechend viele Informationen und teils auch für die Praxis relevante Tipps entnehmen lassen. Ein wirklicher Ratgeber für Dokufilmer müsste wie wir finden nochmal anders aufbereitet sein.

Fazit: Vor allem interessant für jene, die es gern systematisch angehen, oder einen Überblick über die Thematik suchen.


    

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