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Fokus Indie-Film : Windstill - von der HFF direkt auf die große Leinwand

von Mi, 17.November 2021 | 2 Seiten (Artikel auf einer Seite)


Aktuell ist in ausgewählten Kinos ein beeindruckender Debütfilm zu sehen, der im Rahmen eines Regie-Studiums an der HFF München entstand. Mit ihrem Abschlussfilm Windstill hat es sich Nancy Camaldo nicht gerade einfach gemacht, sondern eine intensive Betrachtung ihrer drei Protagonisten inszeniert. Sie stecken fest in ihren nicht selbst gewählten Rollen und versuchen durchzuhalten, weil es das Leben irgendwie von ihnen zu verlangen scheint - bis eine von ihnen ausbricht.

Jacob schuftet in einer anspruchsvollen Restaurantküche, Lara kümmert sich um das gemeinsame Baby und fährt nachts auch noch Taxi - der Alltag ist geprägt von Frust und Erschöpfung, die Beziehung leidet sichtlich. Von ihren mütterlichen Pflichten überfordert, haut Lara eines einfach Tages ab, zurück nach Hause, wo ihre Schwester Ida den elterlichen Hof weiterführt. Seit einem Zerwürfnis hatten sie keinen Kontakt mehr.

Der Film strotzt vor unerfüllten Träumen und unausgespochenen - aber zunehmend offenen - Konflikten, und wirkt doch relativ leichthändig, da die Emotionen nicht ausgewalzt werden. Dies ist ua. der nüchternen Erzählweise und einer teilweise dokumentarisch anmutenden Kamera zu verdanken.

Gedreht wurde der Film mit der Arri Alexa Mini. Über das Bildkonzept, die Arbeit mit den Schauspielern und einiges mehr konnten wir Nancy, die sowohl das Drehbuch schrieb als auch Regie führte, einige Fragen stellen.






Wie Windstill entstand - Nancy Camaldo über ihr erstes Langfilmprojekt



Windstill handelt von großen Themen und vor allem Gefühlen - wie war Deine Herangehensweise bei der Drehbuchentwicklung?

Der Film stellt keinen Plot in den Vordergrund, sondern ist vielmehr eine Charakterstudie. Um diese authentisch zu entwickeln, habe ich im Vorfeld viel recherchiert. Die Recherche bestand darin, intensiv Menschen in meinem Umfeld zu beobachten. Beispielsweise bin ich ja selber keine Mutter, aber hatte das Glück einige gute Freundinnen zu haben, die es sind. Ich habe sie im Alltag beobachtet und sie nach ihrem Innenleben gefragt. Ich wollte wirklich alles wissen!

Dasselbe habe ich in der Restaurantküche gemacht und konnte mir so ein gutes Bild machen, was die Menschen eigentlich hinter den Kulissen so beschäftigt. Eigentlich sind alle Figuren im Film ein bunter Mix aus meinen Beobachtungen.

Jacob (Thomas Schubert) (c) W-film



Wie lief die Arbeit mit den SchauspielerInnen am Set ab? Gab es sehr konkrete Regieanweisungen oder auch Raum für Improvisation?

Im Vorfeld gab es intensive Gespräche mit den SchauspielerInnen. Ich wollte ihnen nicht meine Vision aufdrängen, sondern verstehen, wie sie die Figur verkörpern wollen. Schließlich sind sie ja nicht ein unbeschriebenes Blatt, sondern bringen schon so viel Eigenes mit in die Figur. Meine Aufgabe ist es dann, das herauszukitzeln, was ich für meine Vision brauche.
Ich bin kein Fan von Improvisation. Wenn es passt, ist es sicherlich ein tolles Stilmittel. Ich habe eigentlich alles akribisch geplant und anschließend viel geprobt. Bei den Proben von intensiven Szenen konnte ich dann analysieren, was funktioniert und was nicht. Sei es dialogtechnisch, kameratechnisch oder ob sich etwas überhaupt stimmig anfühlt, wie es im Drehbuch steht.

Ida (Barbara Krzoska) und Lara (Giulia Goldammer) (c) W-film



Mit welchem Kamerasystem habt ihr gefilmt und warum? Wie sah das Kamerakonzept aus und welche Rolle spielt die Kamera hier bei der Vermittlung von Emotionen?

Wir haben mit der Alexa Mini und dazu den Zeiss Masteranamorphoten gedreht. Lukas Nikolaus, mein Kameramann, und ich haben lange darüber nachgedacht, welche Bildsprache wir verwenden möchten. Was aber von Vornherein feststand, war der Aspekt, dass die Kamera sehr nah an den Figuren sein sollte und sie "Enge" erzählen sollte - praktisch diese "Enge", die die Hauptfiguren im Inneren spüren, sollte auch die Bildsprache einfangen. Das hat oft einen dokumentarischen Charakter, diese unmittelbare, atmende Kamera.
Trotzdem war uns wichtig, ein visuell starkes Konzept zu entwickeln. Wenn man genau schaut, dann sind immer nur bestimmte Farben vorhanden, je nachdem welche Figur gerade im Bild steht. z.B sind bei Lara, der Hauptfigur, immer gelbliche Elemente (Lichtquellen, Klamotten, usw.) zu sehen. Bei ihrer Schwester z.B violette.

Lara (Giulia Goldammer) (c) W-film



Wir haben uns für Cinemascope entschieden, weil es eine Breite im Bild erschafft. Die Kamera ist zwar immer eng dabei, trotzdem haben wir stets die Umgebung im Bild. Der Hintergedanke dabei war, Trennungen im Bild zu schaffen, sodass der Zuschauende aktiv von links nach rechts schauen muss. Anamorphoten kamen dann eigentlich nur ins Spiel, dass wir dachten, wenn Cinemascope, dann richtig. Um daraus keinen auffälligen, sich aufdrängenden Look werden zu lassen, kamen dann die Masteranamorphoten ins Spiel. Die haben immer noch ein schönes Bokeh, gleichzeitig aber wenig bis gar keine Verzerrungen zu den Seiten hin. Deshalb haben wir mit der Alexa Mini in 4:3 Sensor-Modus gedreht auf 3,2K Auflösung in ProRes4444, weil Anamorphoten 2x das Bild stretchen, bzw. erst zusammen drücken. Ein "krasserer" anamorphotischer Look mit anderen Optiken hätte meiner Meinung nach nicht zu dem Kamerastil gepasst - obwohl das ansonsten voll mein Geschmack trifft. Es muss aber passen.

Wie wurde die Handkamera stabilisiert?

Eigentlich gar nicht. Lukas hat eine wahnsinnig ruhige Hand und hat ohne große Stabilisierungshilfe operatet. Es gibt natürlich Szenen, z.B beim Kite-Surfen, da waren wir auf dem Boot und hätten ohne Stabilisierung mit einem Gimbal (DJI II Ronin 2) ruckelige Bilder bekommen. Ansonsten gibt es noch eine Plansequenz in der Küche, da haben wir eine Steadycam verwendet. Aber die meiste Zeit hatte Lukas die Kamera auf der Schulter und das war´s.

Verglichen mit dem Drehbuch, wie sehr unterscheidet sich der Film in Struktur und Umfang? Gab es beim Schnitt nochmal größere Änderungen und wenn ja, warum?

Wir haben versucht, das finale Drehbuch an die Auflösung, die wir vor Drehbeginn fast vollständig hatten, anzupassen. Ich bin ja ein Fan von Planung, weshalb wir mit der Auflösung schon im Vorfeld darauf geachtet haben, dass der Film so funktionieren kann, wie wir ihn aufgelöst haben. Zudem haben wir die Proben mitgefilmt und uns Inspirationen geholt, wie die Auflösung noch optimiert werden kann.

Bei "Windstill" haben wir auf jeden Fall risikofreudig gedreht und nicht standardmäßig Szenen gecovert. Wir haben wirklich geschaut, was wollen wir mit den Bildern erzählen. Aber natürlich kann man nicht 100% sicher sein, dass es dann alles klappt. Deshalb entsteht der Film im Schnitt bekanntlich neu. Das ist immer eine wahnsinnig intensive Zeit. Meine Editorin Nanette Foh und ich sind auch an einigen Szenen verzweifelt, aber trotzdem haben wir dann immer eine zufriedenstellende Lösung gefunden. Es gab Kürzungen und zwei Szenen sind rausgefallen, aber es sind keine größeren Änderungen passiert.

Ida (Barbara Krzoska) (c) W-film



Was war für Dich die größte Herausforderung bei Umsetzung von diesem Filmprojekt?

Alltag spannend zu erzählen. Und natürlich... Es war mein erster Langspielfilm-Dreh. Das ist schon nochmal was anderes, als ein Kurzfilm-Dreh. Aber die Herausforderung hat sehr viel Spaß gemacht. Das wäre aber ohne die tatkräftige Arbeit von so vielen engagierten Team-Mitgliedern nicht möglich gewesen, dDas Produktionsteam hat wirklich oft Wunder gewirkt.

Die musikalische Untermalung ist extrem zurückhaltend, was bemerkenswert ist, denn Musik wird in vielen Filmen ja als Abkürzung eingesetzt, um Gefühle und Stimmungen zu unterstreichen - was waren die Überlegungen hinter Eurem Soundkonzept?

Mein Komponist, Michael Lauterbach, und ich wollten auf jeden Fall mit der Musik experimentieren. Oft wird Musik verwendet, um die Bilder zu unterstützen oder die Zuschauenden in eine gewisse Stimmung zu bringen. Das wollten wir in "Windstill" vermeiden - wir wollten, dass die Bilder für sich selbst sprechen, und die Musik als eigenes Stilmittel, sozusagen als eigene Protagonistin auftritt.
Michael und ich hatten echt viel Spaß beim Ausprobieren. Welche Musik könnte denn jetzt irritieren, aufwühlen oder schlichtweg passen? Das war die Frage. Er ist ja auch wahnsinnig wandlungsfähig und hatte viele Ideen. Es ist der Wahnsinn, wie viel Musik ausmachen kann und wieviel sie dem Film einen eigenen Charakter verleiht.

Last but not least, wie ist es Dir gelungen, deinen Abschlußfilm bis ins Kino zu bringen? Dies ist ja nicht unbedingt selbstverständlich!

Das ist in diesen schwierigen Pandemie-Zeiten überhaupt keine Selbstverständlichkeit! Allen voran muss ich da meine wahnsinnig engagierten ProduzentInnen, die Schwestern Natalie und Sandra Hölzel von Elfenholz Film erwähnen, die unermüdlich viele Verleiher kontaktiert haben, um den Film zu präsentieren. Sie waren von Anfang an davon überzeugt, dass "Windstill" in die Kinos gehört.

Es sind aber auch Menschen wie Stephan Winkler und sein Team von W-Film Verleih, die mit ihrer großen Leidenschaft zum Art-House Film es möglich machen, dass Filme jenseits des Mainstreams den Weg ins Kino schaffen. Überhaupt in dieser schwierigen Zeit für KinobetreiberInnen ist es nochmal viel wichtiger zu betonen, wie dankbar ich all diesen Menschen bin, dass sie Kinokultur lebendig halten.



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Windstill

Deutschland 2020
Länge: 115 Minuten
Webseite zum Film

Kinostart: 11.11.2021
DVD Start: 24.06.2022
VOD Start: 24.06.2022

Buch und Regie: Nancy Camaldo | Webseite
In den Hauptrollen: Giulia Goldammer, Barbara Krzoska, Thomas Schubert
Kamera: Lukas Nicolaus
Schnitt: Nanette Foh
Musik: Michael Lauterbach
Produzenten: Sandra Hölzel, Natalie Hölzel / Elfenholz Film GmbH


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update am 26.November 2021 - 15:02
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