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Editorials : Apple FCPX: der Tag danach – FCP X oder 1.0?

von Mi, 22.Juni 2011


Nach dem Wirbel, den die gestrige Veröffentlichung auslöste, kann man wieder ein bißchen klarer sehen, und so kristallieren sich einige Punkte heraus. Für alle, die sich nicht selbst durch die vielen langen Diskussionen, Posts und Einschätzungen lesen möchten, hier als Ergänzung zu unserem kurzen, ersten Eindruck von gestern eine Zusammenfassung und Einschätzung aus unserer Sicht:

- Apple setzt mit FCPX einen harten Schnitt: das Programm ist im Vergleich zu bisherigen Final Cut-Versionen komplett neu programmiert – ein solcher Neuanfang war auch durchaus von nöten, da die mittlerweile veraltete Programmarchitektur sich nicht flexibel erweitern ließ. Dabei wurden bewußt auch althergebrachte Workflows und Werkzeuge nicht übernommen bzw. geändert. Anders als bei Adobe hat man sich mit dem Sprung auf 64 Bit also gleich für eine komplette Neuentwicklung entscheiden, die offensichtlich auf der neuen AV-Foundation beruht (auf der auch das iMovie für Apples Mobilgeräte läuft).

- Besonders hart an dem Schnitt, und für viele vollkommen unverständlich, ist der gleichzeitige, komplette Abschied von der derzeit aktuellen Final Cut Version, die mit Erscheinen von FCPX nicht mehr von Apple angeboten wird, es wird keine Updates und keinen Support mehr geben. Wer jetzt noch schnell ein altes Final Cut haben möchte, geht leer aus. Dies wäre vollkommen selbstverständlich, wenn die neue verfügbare Version tatsächlich eine verbesserte, erweiterte Version des alten Programms wäre -- doch nachdem es nicht nur einen anderen Workflow hat sondern (derzeit) keine Projekte öffnen kann, die mit einer frühereren Final Cut-Version erstellt wurden und diverse Features (noch) fehlen (s.u.), stellt es de facto ein neues Programm dar. In diesem Lichte wäre es durchaus sinnvoll (wenn auch nicht wirtschaftlich) gewesen, das alte Final Cut zunächst noch parallel mit FCPX weiter im Stall zu behalten.

- Zumal dieses Programm aus professioneller Sicht zu früh erscheint, es fehlen diverse wichtige Features. Das fängt bei rudimentären Funktionen wie die Eingabe von numerischen Gamma-Werten an und endet bei Tape-Logging Funktionen für wichtige Sendeformate wie (Digi-)Beta (Ja, das ist noch bei vielen Broadcastern im Einsatz!). -- laut Apple soll einiges in späteren Versionen bzw über Updates folgen. Was also als (übrigens überfällige) neue Version angeboten wird, wird von vielen Final Cut-Anwendern zunächst als Rückschritt empfunden.

- Nun läßt sich FCPX glücklicherweise parallel zu alten Final Cut-Versionen installieren und betreiben (nur nicht gleichzeitig), sodaß man natürlich die Vorteile des Alten mit den Stärken des Neuen (dazu mehr in Kürze) kombinieren kann, bis das neue (hoffentlich) alles unter seiner Haube bieten kann. Sonderlich praktisch ist das jedoch nicht und nachdem Apple nicht erst seit gestern im Videoschnittmarkt ist, hätte man sicherlich einen eleganteren Weg finden können (wenn man es denn wirklich gewollt hätte?).

- Spontan geprellt fühlen sich viele professionelle Anwender nicht nur, weil sie in der neuen Version einiges vermissen, ihre alten Projekte noch nicht öffnen können und sie plötzlich ihr altes Final Cut "verloren" haben. Sie befürchten eine iMoviesierung der im Independent-Filmbereich weit verbreiteten Software. Der Verdacht liegt in der Tat nahe, kann doch FCPX zwar keine alten Final Cut Dateien öffnen, jene aus iMovie jedoch schon (was natürlich vor allem praktische Gründe hat). Ferner erinnert die Oberfläche an das Amateurprogramm, es fehlen in der nun veröffentlichten Fassung diverse professionelle Features während bunte Icons und Pauschal-Effekte an Bord sind. Die Versprechen seitens Apple, Features in Zukunft zu ergänzen, trösten da nur bedingt.



- Andererseits mehren sich auch die Stimmen, die dem neuen Final Cut viel abgewinnen können, und zwar durchaus auch auf professioneller Ebene. Das Programm ist schnell, es kann flink über Shortcuts bedient werden, bringt die Option mit für nativen Schnitt sowie eine leistungsfähige metadatenbasierte Medienverwaltung und man kann sich vorstellen, daß in ein-zwei Jahren, nachdem nötige Verbesserungen gemacht wurden und die Anwender sich daran gewöhnt haben, alle davon begeistert sein werden, was Apple sich hier wieder hat Tolles einfallen lassen. Nicht ohne Grund lassen sich viele andere Hersteller von Apple „inspirieren“. Und läßt man die mehr oder weniger berechtigten Berührungsängste mit dem Consumersegment beiseite, ist es ja nicht immer schlecht, alte Workflows zu überdenken und neu zu definieren.

- Fakt ist sowieso, daß gerade Apple sich beinahe alles erlauben kann, ohne von seiner Käuferbasis abgestraft zu werden, sowohl rücksichtslose Produktpolitik als auch eine wenig gelungene Kommunikation. Die Chutzpe, mit der hier den bisherigen FCP-Kunden vor den Kopf gestoßen wird, ist schon auffällig. Einen funktionierenden, sanften Übergang zu bieten, hat Apple nicht nötig, ebensowenig wird klar darüber informiert, welche Features im Vergleich zu vorher fehlen, und welche davon wiederum zu welchem Zeitpunkt noch ergänzt werden (und wie diese ergänzenden Updates preislich gestaltet sein werden). Nicht einmal Dritthersteller von bsp. Plugins scheinen im Vorfeld informiert worden zu sein.

- Auch die Apple-Händler sind übrigens wenig begeistert, nachdem Final Cut nunmehr nur über den iTunes-Store zu beziehen ist, sind sie an diesem Geschäft nicht mehr beteiligt. Um so mehr Kontrolle hat Apple über seine User, die nun streng gesehen kein Programm mehr kaufen sondern eine App direkt beim Hersteller lizensieren (auf bis zu fünf Rechnern). Durch die Verknüpfung des iTunes-Accounts mit dem Rechner des Käufers, auf dem installiert werden soll, dürften viele größere, gewerbliche Kunden nicht dem üblichen Anschaffungsprozess folgen können.



Für Apple wird FCPX wirtschaftlich gesehen jedoch sicher nicht verkehrt sein. Der geringe Preis dürfte viele zu einem Kauf bewegen: iMovie-Anwender, denen Final Cut bisher zu teuer und zu komplex war, Fotografen, die plötzlich auch Filme machen können, aber natürlich auch Profis, zumindest ausprobieren werden es sicherlich die meisten.

Übrigens, da sich mit Motion sehr leicht eigene Filter erstellen lassen, wird sich vorrausichtlich ein eigener Filter App Markt für Plugins schnell etablieren. D.h. man kauft Filter einfach per App-Market dazu. Schöne Einnahmequelle für Apple, die 30 Prozent kriegen und viele fehlenden Filter werden in Nullkommanix bereitstehen. Natürlich auch solche Fuzzisachen wie numerisches Gamma. Das gute für Apple: Sie müssen sich selbst nicht darum kümmern und verdienen trotzdem mit.

Und wie schon Ron Brinkman nach dem Einstampfen von Shake erwähnte, hat Apple mit Final Cut Pro bestimmte Sparten (z.B. die Broadcaster) nicht mehr im Focus: „Apple doesn´t build products for high end niche markets... the support requirements alone make it uninteresting to them.“ Und Broadcaster sind nunmal eine Nische, die im Vergleich zu den App-Umsätzen einfach keine großen Stückzahlen gegenüber dem sehr speziellen Support-Aufwand bedeuten.

Während also Adobe gerade bei den Sendern steht und Verbesserungsvorschläge einsammelt, interessieren solche Sparten Apple nicht mehr. Wenn, dann sollen wohl Drittanbieter diesen Markt über zusätzliche Apps versorgen. Interessant bleiben dagegen die kleinen Independent Filmer, die einen „One-Seat Workflow“ verfolgen.

Dazu abschließend noch eine nette Story aus den Prolost Blog-Kommentaren:

„I noticed that they went to a lot of trouble to make sure I can export my project to Facebook and CNN iReport and what not, but they couldn´t be bothered to include EDL/OMF support. WTF? I was hoping to try it out on a documentary I just started shooting but with no viable means of exporting edit data, I don´t think so...
On another note, just 6 months ago I had 2 Apple reps in my office doing a dog and pony for Final Cut Server. When we asked about the product road map we were assured that Apple is very committed to the product. I see they dropped it today as well. Way to go Apple. I´m glad I listened to my gut on that one.“


Final Cut Pro X: PLUS in Kürze:

- schnelleres Rechnen, schnellerer Workflow
- Unterstützung von nativem Schnitt (H.264 etc.)
- Multitastking, Background-Rendering
- parallel installierbar mit FCP 7
- neue interessante Features
- Verknüpfung mit Motion 5 sowie Kompressor
- verbesserte Farbkorrektur
- DSLR-Support (damit auch neues Zielpublikum).


Final Cut Pro X: MINUS / fehlende (Pro-)Features in Kürze:

- Plugins: die alten Plugins laufen natürlich nicht. Es gibt derzeit zwei funktionierende von Dritt-Herstellern (FxFactory, Automatic Duck), und entgegen ersten Vermutungen auch eine offizielle API-Schnittstelle FXPLUG2, diese scheint ab sofort einsetzbar. Hier ist in absehbarer Zeit also auf besserung zu hoffen – grundsätzlich scheint sich an der Plugin-Schnittstelle nicht so viel verändert zu haben, so dass man nur 64-Bit anpassungen machen muss und alte Plugins durch neues Compilieren zum laufen bringen sollte.

- wenig Hardware-Unterstützung per nativen Treibern (lediglich Kona stellt bislang entsprechende Treiber bereit)

- eingestellte Programme: DVDStudio (und damit auch ernsthaftes DVD Authoring), Soundtrack Pro, Color, Final Cut Server

- kein XML (soll später per Update kommen)/OMF-Export, Multicam (soll folgen), keine RED-Unterstützung, keine EDLs

- alte FCP 6/7 Projekte lassen sich nicht öffnen (da soll wohl noch ein Umwandler bereit gestellt werden)
-sehr eingeschränkte Multimonitor-Support
- kein Audiodatenexport (Mehrspur)
- immer noch kein BD Authoring
- kein integriertes Log-Tool für Zusammenspiel mit High End-Karten und Bandmaschinen



LINKS:

Eine schöne Übersicht über die nicht (mehr bzw. noch nicht) vorhandenen Features gibt es hier

Einige der drängendsten Fragen beantworten die Artikel von ScottSimmons und Philip Hodgetts

Hier wird erklärt wie einige der neuen Funktionen der alten Arbeitsweise angepasst werden können.

Bei Creative Cow gibt es eine sehr hörenswerte und informative Stellungnahme aus dem professionellen Lager in Form eines 100 Minuten Podcasts basierend auf ersten praktische Erfahrungen - der Titel ist schon das Fazit: "Why We Can´t Use Final Cut Pro X at Our Companies".

Folgende Artikel (mit einigen Screenshots) vermitteln einen ersten Eindruck der neuen Oberfläche, Workflows, Menüs und Features:
eins, zwei
und drei


  

[87 Leserkommentare] [Kommentar schreiben]   Letzte Kommentare:
Anne Nerven    08:55 am 25.6.2011
Du brauchst einen neuen Kopf!
Front242    08:21 am 25.6.2011
Was ein Schwätzer !
mediavideo    00:59 am 25.6.2011
@Axel Eins noch zum wirklichen Schluß: Siehst Du ich habe damit recht: Es geht immer und immer wieder - man findet so KlauZ´s und andere die schön alles raussuchen was ich so...weiterlesen
[ Alle Kommentare ganz lesen]

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