Workflows, Postproduktion und Farbkorrektur / Wie zieht man so ein Projekt durch?
Wieviel Material habt ihr insgesamt aufgenommen? Und welches Drehverhältnis hattet ihr final?
Tatsächlich habe ich jetzt zum ersten mal nachgezählt. Es sind 47h Material im Projekt.
Das finde ich zwar nicht wenig, aber bei unserer Vorgehensweise ist das nicht weiter ungewöhnlich.
Bei einem etwa 90 min. langen Film macht das dann ein Drehverhältnis von ungefähr 30:1.
Wir haben oft die Kamera mitlaufen lassen, um später die richtigen Momente auch einfangen zu können. Manchmal haben wir auch zwei oder drei Stunden miteinander gesprochen. Für die atmosphärischen Bilder von Halle und Schiff haben wir ebenfalls sehr viel Material aufgenommen. Oft wartet man dann auf den gewünschten Windhauch oder die vorbeiziehende Wolke recht lange. Das war uns aber auch entsprechend wichtig, sodass hier keine Diskussion nötig war. Dafür haben wir dann eben in komprimierten Codecs gearbeitet, was in der Post dann nicht immer einfach war. Aber bei dem Materialaufwand war es uns nicht anders möglich.
Was habt ihr an Extra-Licht mitgebracht (und wie habt ihr es vor allem eingesetzt?)
Tatsächlich haben wir uns zu Beginn einige Gedanken dazu gemacht. Durch die Enge im Schiff wäre es aber unserer Meinung eine Zumutung für alle Beteiligten geworden und wir haben vollständig auf zusätzliches Licht verzichtet. Stattdessen haben wir versucht durch Perspektive und Tageszeit möglichst gute Lichtsituationen zu finden.
Darüberhinaus war uns klar, dass wir in der Post noch eine gehörige Portion Arbeit damit haben würden.
Denn nicht nur wenig oder „schlechtes“ Licht waren ein Problem, auch die unterschiedlichen Farbtemperaturen beim Dreh waren eine Herausforderung. Auch hier haben wir uns aber ganz bewußt dafür entschieden, dass auch entsprechend zu berücksichtigen und im finalen Look zur Geltung kommen zu lassen.
Außerdem sollte Per möglichst nicht das Gefühl haben, ein „offizielles“ Interview zu geben, sondern eher mit uns im Gespräch zu sein.
Wie habt ihr das Material in der Postproduktion verwaltet?
Wir wollten ja zunächst auch vor Ort immer ein Backup machen. Dazu hatten wir uns dann für unsere alten MacBooks zunächst portable 500GB Platten, später dann 1TB Platten besorgt. Zuhause haben wir die Daten dann übertragen und doppelt archiviert. Bis heute passt das gesamte Material auf eine 4TB-Festplatte.
Am Schnittplatz hatten wir dann allerdings sehr viel Arbeit den Zugang zu dieser Fülle an Material zu finden.
Die Materialorganisation war also ein sehr zeitaufwendiger Prozess. Wir hatten dann über Monate eine riesige Wand mit inhaltlich und chronologisch angelegten Karten zugeklebt, die uns jederzeit einen computerunabhängigen Zugang zu Material ermöglichte.

Die ersten Drehs wurden noch mit Premiere gesichtet und teils schon organisiert. Dann wechselten wir nach viel Ausprobieren zu FCPX. Zunächst war da der attraktive Preis (Adobe fing gerade mit dem Abo-Modell an), dann aber v.a die Performance auch mit den stark komprimierten Codecs. Ich habe teilweise auf meinem late 2006 MacBookPro geschnitten, das geht nur mit FCPX.
Dafür hatten wir dann jede Menge andere Probleme, da wir das Programm ja nicht so gut kannten und es für viele Herausforderungen keine offiziellen Lösungen gab. Gerade die Materialorganisation ist in FCPX ja ein völlig eigener Schuh, der den Einstieg in das Programm wirklich unnötig schwer macht.
Dann haben wir gemerkt, das FCPX die Codecs zwar astrein abspielen kann, aber leider die Sony Ordner-Struktur nicht mag. FCPX generierte immer eigene Proxies und verdoppelte so den Speicherbedarf, ganz egal was wir anstellten.
Also musste ein Hilfsprogramm her, dass die Clips aus den AVCHD-Strukturen rausholt, vernünftig benennt, sowie einen konsistenten Timecode vergibt, ohne neu zu komprimieren. Wir wollten ja gerade keine größeren Datenmengen, aber auch unter keinen Umständen eine schlechtere Bildqualität. EditReady konnte all das und war dann immer am Schnittplatz der erste Schritt.
Das originale Material wurde dann anstatt nur zu kopieren mittels EditReady vernünftig benannt und aus der Ordnerstruktur in Einzelclips geschrieben ohne neu zu kodieren („rewrap“).
Dann wurde der extern aufgezeichnete Ton im Schnittprogramm angelegt und daraus neue Clips (Compound Clips) in FCPX kreiert. Diese Clips hatten dann i.d Regel 4 Kanäle (Anstecker, Kameramikro, geangelter Stereo-Ton).
Wir hatten dann das Glück, dass uns trotz des begrenzten Budgets ein super Toningenieur (Tom Blankenberg von den Convoi-Studios Düsseldorf) unterstützt hat.
Der Tonexport aus FCPX z.B. zu ProTools ist eh eine Herausforderung und klappt auch wieder nur mithilfe externer Tools (X2Pro Audio Convert). Tom bekam dann von uns ein 23 Spuren-Konglomerat, dass erstmal aufgeräumt und gesäubert werden musste. Er hat dann sehr viel Zeit mit dem Material verbracht, um die Tonspur zu dem zu machen, was wir heute hören können. Darunter sind nicht wenige mit viel Einfallsreichtum selbst erzeugte Foleys wie Foliengeräusche oder das Knarren des Bodens. Dabei wurden eigentlich nie Töne dazu erfunden, sondern lediglich schlecht oder kaum hörbare atmosphärische Töne verstärkt.
Das hat mit der Vormischung, die wir mal in FCPX hatten, nicht mehr viel zu tun.
Die Farbkorrektur habt ihr in Resolve gemacht? Wie seid ihr hier vorgegangen?
Ich hatte 2013 an einem Spielfilmprojekt die Kamera gemacht, wo wir uns für die BMCC entschieden hatten.
Damals konnte man die RAW-Files quasi ausschließlich in Resolve abspielen, sodass man daran also gar nicht vorbei kam. So lernte ich das Programm immer besser kennen und hatte wirklich Spaß daran, dass Material nach meinen Wünschen zu verbiegen und meine Look zu entwickeln.
Seitdem habe ich mich konsequent auf Resolve geschult, sodass es ein nicht mehr wegzudenkendes Tool in meinem Postpro-Arsenal geworden ist. In meinem Studio ist es inzwischen der Dreh- und Angelpunkt aller größeren Projekte.
Im Falle von „Sag dem Wind, dass ich bald komme“ kannte ich den Workflow bereits sehr gut.
In FCPX hatten wir mit den Bordmitteln schon ein wenig korrigiert und v.a. das S-Log3-Material der FS7 ansehnlich gemacht. Für den finalen Look reichten uns die Bordmittel aber bei weitem nicht aus.
Über den FCXML-Export kommt das gesamte Projekt mit Verweis auf das Source-Material zu Resolve, wo ich dann das Grading mache. Am Ende exportiert man die Clips aus Resolve samt einer neuen FCXML, die auf die neuen gegradeten Clips verweisst und importiert diese dann wieder nach FCPX. Dort haben wir dann Tonspur, Titel, Untertitel, Abspann usw. wieder eingefügt und hatten nun den gegradeten Film in FCPX.
Das Grading selbst bestand im Wesentlichen aus drei Hauptaufgaben.
Zunächst wurden die Clips in Helligkeit und Kontrast optimiert und Farbe und Sättigung global eingestellt. Oft korrigiere ich dann hier auch schon Fehler wie dead Pixel oder ähnliches raus. Im Grunde also ein einfaches Normalisieren mit den Primary Controls.
Der zweite Schritt besteht dann aus einem klassischen Color-Matching. Die Looks der verschiedenen Kameras müssen so aufeinander abgestimmt werden, sodass dem Auge die Unterschiede nicht mehr auffallen.
Hier werden dann teilweise schon recht umfangreiche Eingriffe notwendig. U.a. Highlight Roll-Off, Hue vs. Sat + Lum vs. Sat-Curves sowie der Channel-Mixer sind hier oft im Einsatz.
Diese beiden Schritte sind rein technischer Natur, verlangten mir aber einiges ab. Die Kameras waren einfach zu unterschiedlich, was die Farb- und Dynamikreproduktion angeht. Vor allem die 60D, aber auch die NEX-EA50 clippten extrem schnell und völlig ohne Roll-Off. Das ist einfach unschön und nur selten reparabel.
Insgesamt sind die beiden Kameras auch klar auflösungsschwächer als FS100 und FS7 - was aber durch den meist chronologischen Schnitt kaum auffällt.
Insgesamt war aber durch die Datendichte das Material der FS7 am besten für die Bearbeitung geeignet.
Bei allen anderen Kameras konnten die Korrekturen oft nur so weit getrieben werden, wie es das Material hergab. Oft traten Banding oder Tonwertabrisse ein, bevor der Clip wirklich gut aussah. Dann mussten getrackte Fenster oder Keys helfen, um nur bestimmte, für das Auge sensible Bereiche, zu korrigieren. Das sind dann in der Regel Hautfarben, Himmel oder wiederkehrende Motive wie die (fast weiße) Hallenplane und die lackierte Oberfläche des Schiffs.
Als drittes kommt dann der finale Look, der dann für alle Clips festgelegt wird. Hier habe ich zunächst nur ganz vorsichtig ein paar Primärfarben im Channel-Mixer verschoben und Schatten und Lichter Helligkeitsabhängig mit der Lum vs. Sat-Kurve entsättigt.
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir dann ein erstes Test-Screening im Kino.
Dabei waren wir etwas enttäuscht vom immer noch recht starken Gefühl von Video. Eigentlich hatten wir einen filmischeren Look angestrebt. Dafür drehten wir u.a. fast ausschließlich auf f2,8 oder f4, nutzten oft Gegenlicht und belichteten die 25B/s stets mit 1/50s.
Also machte ich mich nochmal am Look zu schaffen und trieb es diesmal mit Hilfe von Printfilm-Emulationen deutlich weiter. Die Farbreproduktion wurde stärker verschoben, farbabhängig auch kräftig entsättigt. Die Lichter bekamen eine leichte Einfärbung und am Ende legte ich sogar etwas künstliches Rauschen bzw. eine Filmkornemulation über das Material. Die Effekte habe ich am Grading-Platz jedoch „nur“ am kalibrierten 24“ Eizo beurteilen könne, sodass ein weiteres Test-Screening unabdinglich war.
Diesmal waren wir aber sehr zufrieden, sodass nur noch ein paar einzelne Szenen nachkorrigiert wurden, bevor der finale Film rausgerendert werden konnte.
Was sind die nächsten Schritte für euch und "Sag dem Wind dass ich bald komme"?
Zur Zeit reichen wir den Film auf diversen Festivals ein und hoffen auf eine rege Teilnahme!
Die DVDs sind vor ein paar Wochen erst fertig geworden. Als nächstes muss unbedingt die Webseite SagdemWind.de an den Start gehen. Da steckt noch ein bisschen Arbeit drin.
Dann werden wir den Film natürlich auch per Stream über Vimeo anbieten.
Wenn die Festival-Saison zu Ende geht, wollen wir einen Vertrieb für die Kinoauswertung suchen. Sollte hier kein Interesse bestehen, organisieren wir selbst eine kleine Kinotournee durch Deutschland, bei der dann sicher auch Per wider dabei sein wird.
Ihr habt Förderung für den Film bekommen?
Wir haben recht lange an einer Einreichung gearbeitet. Die dafür notwendigen Texte müssen ja erstmal geschrieben und immer wieder verbessert werden. Das half uns aber auch dabei, den Fokus des Projektes genauer zu setzen.
Dann muss ja vor Beginn des eigentlichen Drehs jeder Euro genau kalkuliert und berechnet werden. Bei einer Langzeit-Dokumentation nicht ganz einfach. Der ganze Bereich der Filmgeschäftsführung ist eigentlich etwas für Finanzprofis und nicht für Filmemacher. Das war schon ein ganz schöner Batzen Arbeit!
Als wir dann aber die Zusage von der Film- und Medien Stiftung NRW bekommen haben, war unsere Freude natürlich riesig. Im Grunde hätten wir das Projekt zwar auch ohne Förderung gemacht, aber sicher nicht in dieser Dimension und mit diesem Aufwand. Wir haben so unendlich viel Zeit für dieses Projekt verwendet, dass die Förderung im Grunde die Voraussetzung für das Gelingen des Films in seiner jetzigen Form war.
Was sind denn die wichtigsten Lehren für euch aus eurem Langzeit-Doku-Projekt?
Es ist schon wichtig, dass man sich von Anfang an ein paar Gedanken macht. Das betrifft zum einen technische Dinge wie die Finanzierung, Zeitmanagement und die technische Ausrüstung. Wirklich wichtig ist aber vor allem eine frühe Fokussierung und klare Benennung des eigentlichen Themas. Auch wenn das oft zu Beginn eines solchen Projektes noch gar nicht richtig möglich ist. Es ist einfach ratsam, nicht blind drauf loszudrehen und dann am Ende im Schnitt den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.
Genauso sollte man sich darüber im Klaren sein, dass man mit diesem Thema sehr, sehr viel Lebenszeit verbringen wird. Deshalb sollte man schon eine gewisse Begeisterung verspüren und wirklich an sein Thema glauben.

Ich finde sogar, so ein Projekt muss Spaß machen. In dieser Form kann man kein Geld damit verdienen, also sollte etwas anderes im Vordergrund stehen. Wenn man sich schon zum zweiten Dreh quält, hält man sicher nicht lange durch. Für Till und mich war es immer sehr schön, sich auf den Weg zu Per zu machen und dort ein paar Tage mit ihm zu arbeiten.
Andererseits ist es auch immer gut, wenn man wach ist und erkennt, dass sich neue Chancen und Themen während des Drehs auftun. Bei uns haben sich scheinbar von Beginn an geplante Dinge auch erst im Verlauf ergeben.
Das beste Beispiel ist eben das alte Pappmaché-Sparschwein, dass immer wieder auftaucht, oder eben die wiederkehrenden Ansichten zu den Jahreszeiten.
Was ratet ihr anderen Filmemachern, die Ähnliches vorhaben?
Wenn man ein Idee hat, sollte man diese auch irgendwie niederschreiben. Das hilft Struktur in die Gedanken zu bekommen und kostet erstmal nix.
Wenn man dann etwas Brauchbares formuliert hat, würde ich so schnell wie möglich gute Freunde oder Bekannte damit konfrontieren und mir die Meinungen dazu anhören.
Das hilft unheimlich, sich nicht völlig in eine Sackgasse zu verrennen.
Dabei meine ich nicht, dass man sich abhängig von der Meinung anderer machen soll, sondern möglichst früh mit dem Feedback anderer sein Projekt weiterentwickelt.
Bei mir war es immer so, dass mich ein Projekt „gefunden“ hat. Ich habe mich noch nie hingesetzt und überlegt, was ich als nächstes drehe. Immer ist mir etwas passiert oder jemand begegnet, der eine Idee ins Rollen gebracht hat.
Wenn man kein reiner Stoffentwickler ist, ist das sicher keine schlechte Idee.
Erik, vielen Dank für dieses Gespräch
Das Team:
Erik Wittbusch
Zunächst als Fotograf in die Welt des Bildes eingestiegen, kristallisierte sich schnell mein Interesse für den Film heraus. Nach einigen Kurzfilmen studierte ich dann 2004 Film/Fernsehen, Kamera an der FH Dortmund, wo ich mich immer stärker in Richtung Dokumentarfilm entwickelte. Neben der Produktion von Industrie- und Imagefilmen zum die ich seit 2002 betreibe, läuft eigentlich immer die Produktion eines freien Projekts parallel dazu.
Seit 2009 bin ich als selbständiger Kameramann und Filmproduzent aktiv. Seit einigen Jahren entwickelt sich bei mir die Postproduktion mit dem Schwerpunkt Colorgrading und Finishing als zweites Standbein.
Till Hartmann
Durch frühkindlich identitätsprägende Erlebnisse habe ich mich schon als sehr junger Mensch für das Medium Film interessiert. Nach einem Umweg über Berlin und erste Filmerfahrungen an der DFFB (bei einem Praktikum) hatte ich die Möglichkeit längere Zeit in den USA zu leben und dort in Pittsburgh Film zu studieren.
Zunächst mehr auf den fiktiven Film ausgerichtet, entwickelte sich schnell, u.a. durch erste Auftragsarbeiten der Hang zum Dokumentarischen und später eine Kombination beider Erzählformen.
Inzwischen arbeite ich als freier Regisseur, Kameramann und Cutter im dokumentarischen und fiktiven Bereich.
Erik und ich haben uns Ende der 90iger bei unserer langjährigen Tätigkeit in der Industrie- und Imagefilmbranche kennengelernt, bei der wir im kleinen Team international unterwegs waren und hauptsächlich Filme über Stahlwerke und die metallverarbeitende Industrie gedreht haben. Am Rande der Reisen haben wir oft kleine filmische Experimente oder dokumentarische Mitschnitte gemacht und schnell gemerkt dass wir eine ähnliche Affinität zum Filmemachen haben. Später haben wir dann auch kleinere Projekte zusammen realisiert oder uns gegenseitig bei unseren Filmen ausgeholfen.
"Sag dem Wind dass ich bald komme"
Produktion: Erik Wittbusch, Till Hartmann
Regie: Till Hartmann, Erik Wittbusch
Kamera: Erik Wittbusch
Ton: Till Hartmann
Schnitt: Till Hartmann, Erik Wittbusch
Dramaturgische Beratung: Gabriele Voss
Sounddesign + Mischung: Tom Blankenberg, Convoi Studios
Musik + Komposition: Meike Salzmann
Farbkorrektur/Mastering: Erik Wittbusch
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