| Test : Canon XL1 von rudi Fr, 16.März 2001
Beim Auspacken der Kamera merkt man gleich, daß Canon mit diesem Camcoder in einer anderen Liga spielen will. Das futuristische Design bedarf wohl keinerlei Beschreibung mehr, da es kaum einen ambitionierten Videofilmer geben dürfte, der noch nicht mit der XL1 geliebäugelt hat. Tatsächlich ist auf den ersten Blick alles vorhanden, was man sich bisher von einem DV-Camcoder nur wünschen durfte: Wechselobjektiv, 4 Kanal-Ton, Vollbildmodus, DV-IN etc. Und praktisch alle relevanten Funktionen sind dabei von außen zugänglich. Es dauert jedoch einige Zeit, bis man die jeweiligen Regler "blind" erwischt und somit das Auge nicht mehr vom Sucher nehmen muß.
Die Bildqualität ist bei unserem Modell ausgezeichnet. Die hochgelobte "Pixel-Shift" Technologie zeigt jedoch im direkten Vergleich zur VX1000 nur eine sehr geringe Verbesserung des Bildes. Für ein eindeutiges Kaufargument ist der Unterschied unserer Meinung nach viel zu gering. Was dagegen eher exklusiv für die XL-1 spricht, ist die Möglichkeit Filme im Vollbildmodus aufzuzeichnen. Dadurch werden Aufnahmen sehr viel filmähnlicher, da das Bild nicht mehr in zwei Halbbilder zerlegt wird. Einige Leser berichteten uns jedoch, daß Ihre XL-1 im Vollbildmodus nicht mit einer Belichtungszeit von 1/25 Sekunde arbeiten kann. Das Bild erscheint nach wie vor so ruckelig, wie bei allen anderen progessive-Modes der Konkurrenz. Wer eine solchen Camcoder besitzt (dieser Test der XL-1 wurde kurz vor Erscheinen der Kamera geschrieben) kann uns gerne mailen, ob diese Funktion bei ihm funktioniert oder nicht.
Der Ton kommt ebenfalls sehr natürlich "rüber". Gerade Features wie die zwei Tonspuren unterstreichen das Bild eines Prosumer Camcoders. Leider kam die Kamera erst nachdem wir alle Firewire-Karten wieder weggeschickt hatten, so daß wir keinerlei Aussagen über den DV-Input machen können.
In der Praxis zeigt die Kamera jedoch durchaus einige Schwächen, die uns bei einem Preis von knapp 9000,- DM etwas nachdenklich stimmen. Als erstes sei die unsinnige Schulterstütze erwähnt. Der Kameramann muß hiermit die rund 3 Kg schwere Kamera eher von vorne als von oben auf die Schulter pressen. In dieser Position ist unserer Meinung nach über längere Zeit kein entspanntes Filmen möglich. Dies ist natürlich designbedingt, aber wir verzichten lieber auf ein ausgefallenes Erscheinungsbild, wenn die Funktionalität darunter leidet.
Weiterhin verspielt die Kamera einen entscheidenden Vorteil des Mini-DV-Formats: Selbst Profis, die sonst ausschließlich Betacam SP oder besser einsetzen, greifen öfters zu Mini-DV, wenn es um kostengünstige Schwebestativ-Aufnahmen geht. Durch das formatbedingt geringe Gewicht der Kameras bekommt man nämlich Schwebestative für einen Preis, zu dem es entsprechendes Profiequippment noch nicht einmal zu leihen gibt.
Die XL-1 ist dafür jedoch zu schwer. Da ihre 3 kg noch einmal 3 kg Gegengewicht benötigen, muß man mit einer Hand mindestens 6 kg stemmen, was wohl nur Kameramännern gelingen dürfte, die ihre Freizeit ausschließlich in Fitnessstudios verbringen. Gerade bei Low Cost Produktionen, die mit diesem beeindruckenden Effekt arbeiten wollen, stellt eine leichtere Kamera die eindeutig bessere Wahl dar.
Das wohl bekannteste Problem stellt jedoch die Sucherkonstruktion dar. Viele Benutzer berichten immer wieder von abgebrannten Sucher LCD´s, die zufällig in Richtung Sonne gehalten wurden. Wer viel im Freien filmt, sollte also immer den Sucher mit der Hand verdecken, sonst ist mit Filmen erstmal Schluß.
Fazit: 9000,- DM für einen Camcoder, der am besten auf einem Stativ im Schatten funktioniert ist schon eine Menge Geld. Dafür sollte man Ihn entweder sicher auf die Schulter oder leicht auf ein Steadycam Jr. packen können. Der Mittelweg ist hierbei eine Lösung die uns nicht sehr zugesagt hat. Und auch die Bildqualität ist keineswegs um Klassen besser, als die der Konkurrenz. Der Vollbildmodus könnte uns dagegen in bestimmten Situationen bewegen, die XL-1 einzusetzen. Dem DV-IN Vorstoß haben sich mittlerweile alle 3-Chip Konkurrenten angeschlossen, so daß dies auch kein exklusives Kaufkriterium mehr darstellt. Uns wäre die Kamera schlichtweg zu teuer und zu unhandlich. Und der Preis für das erste Weitwinkel-Wechselobjekiv ist fast so teuer wie ein billiger DV-Camcoder (2800,-). Da muß auch der Prosumer wohl erstmal schlucken.
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