| Buchkritiken : Dialoggestaltung: Schau mir in die Augen, Kleines von heidi Mo, 13.Dezember 2010

Wer einen Film dreht, kann viel falsch machen. Eigentlich bietet jeder Arbeitsschritt Raum für grobe Patzer, von kleinen Unfeinheiten gar nicht zu sprechen. Doch es sind nicht unbedingt die rein technischen Aspekte, die einen Film zu Fall bringen -- ein paar Schnittfehler, Unschärfen oder Tonsprünge werden gern verziehen, solange sich das Publikum grundsätzlich dafür interessiert, was es zu sehen bekommt. Ob die Kameraarbeit solide ist, die Regie halbwegs durchdacht und der Schnitt einer gewissen Logik gehorcht, das merken ungeschulte Zuschauer dabei meist nur indirekt. Sie sehen keine Einstellungen oder Kadrierungen, sondern die Geschichte, die Figuren. Sie spüren den Flow; sofern die Montage ihn hergibt. Und was hören sie? Unbewußt jedes Tonereignis, doch was neben der Musik wirklich auf offene Ohren trifft, sind die Dialoge. Von "Nobody´s perfect" bis "Hasta la vista, baby", originelle Sprüche bleiben einfach hängen, doch nicht nur das. Als Spitze des Dialog-Eisberges sozusagen tragen sie zum Filmerlebnis bei und helfen bei der Figurencharakterisierung.
Wie man seine Figuren richtig flotte Sätze in den Mund legt, das lernt man leider nicht in diesem Buch -- wie denn auch, dafür muß man ein eigenes Händchen entwickeln. Was aber einen "wirkungsvollen Dialog" ausmacht, das wird hier auf 160 Seiten ziemlich ausführlich beschrieben, und das Handwerkliche vermittelt, um die Figurenrede möglich sinnvoll im Drehbuch einzusetzen. Ob es eine richtig gute Idee war, zu anfang gleich höchst gründlich in einer kleinen theoretischen Einführung den Habermas´schen Ansatz zur Kommunikationtheorie vorzustellen, bezweifeln wir allerdings; das ist schon ein ziemlicher Lektüre-Stopper, und wie wir finden eigentlich gar nicht notwendig für das weitere Verständnis (oder das Schreiben von guten Dialogen). Ab Seite 23 folgt ein geschichtlicher Abriß, der dagegen richtig interessant ist. Dort erfährt man beispielsweise, daß nach Einführung des Tonfilms oft diejenigen die Dialoge schrieben, die zuvor die Zwischentitel verfasst hatten. Sie taten dies meist wie sie es gewohnt waren: kurz, prägnant und oft pathetisch -- mit anderen Worten, nicht sehr passend für die neuen Möglichkeiten.
Hätten sie damals ein Buch wie dieses gehabt, wäre die Umstellung sicher schneller gegangen. Die Funktionen von Dialogsätzen, wie man über sie Informationen und Emotionen vermitteln kann, und dies möglichst unauffällig und elegant, das mußten sich die Drehbuchschreiber damals selbst erarbeiten. Heute hat man´s leichter. Daß man wissen sollte, wie genau die Figuren sprechen müssen, um glaubhaft zu wirken (je nach Alter, Status, Bildung, Beruf, Region etc), daß Situationen geschafft werden müssen, damit Dialoge überhaupt stattfinden können, oder auch, daß Dialoge Räume öffnen für die Zukunft -- all das kann man hier nachlesen.
Natürlich lernt der Schreibnovize auch ganz konkrete textgestalterische Figuren wie Kontrast, Ellipsen, Wiederholungen uä. kennen. Gewünscht hätten wir uns aber zuweilen eine noch intensivere Auseinandersetzung mit konkreten Textbeispielen oder Situationen. Zwar werden oft Dialogstellen zitiert und auch erklärt, aber schön wäre es beispielsweise, wenn anhand einer Szene mögliche Herangehensweisen aufgezeigt würden, also wie beispielsweise kleine Änderungen an Syntax oder Wortwahl ganz unterschiedliche Wirkungen hervorrufen können.
Fazit: Aufschlußreiche Einführung in ein wichtiges und oft vernachlässigtes Thema.
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