domain hat geschrieben:
Die diversifizierenden "Schubladierungen" in Unterkategorien vom Allgemeinbegriff Doku bringen aber nicht viel.
Ich denke genau diese Unterscheidung bringt Licht in das Debakel, welches durch das Unwort "Doku" gestiftet wird. Seit den zwanziger Jahren wird darüber gestritten, wie ein Dokumentarfilm gedreht werden soll, damit eben das Manipulative wegfällt, welches den Blick auf das real Seiende verstellt. Dies geschah nicht zuletzt vor dem Hintergrund des ersten Weltkriegs und seiner Lügenpropaganda, welche den Film mit scheinbar realen Bildern auf allen Seiten dazu nutzte, die Massen auf den Gegner einzupeitschen. Jede Diktatur, jede politische Strömung nutzt das Medium Film, um ihre Sicht darzulegen. Kommentare werden über beliebig gedrehte Bilder gelegt, um uns im jeweiligen Sinne zu manipulieren. Da hat sich seit hundert Jahren nichts verändert und das trotz des Widerstands von Generationen von Filmemachern, welche bewusst das Genre des Dokumentarfilms entwickelten, um etwas dagegen zu halten, eben zu zeigen was ist und nicht das Gezeigte zu benutzten um uns zu manipulieren. Auf der anderen Seite haben wir Redakteure, die nichts von Film verstehen und munter alle Formen der Manipulation (Scripten, Szenen nachstellen etc.) in das Lügencocktail einmischen lassen, welches sie dann "Dokumentarfilm" nennen.
domain hat geschrieben:So kann speziell die Wahrheit bei gescripteten Dokus sogar noch stärker und mehr verdichtet zum Ausdruck gebracht werden. Zuvor muss natürlich eine Menge an Beobachtungen und Analysen stattgefunden haben, wie z.B. bei Ulrich Seidls Paradies Liebe.
Vieles auch selbst beobachtet und schon immer für eine (teilweise gespielte) Doku für würdig empfunden.
Hier haben wir schon wieder das Wort "Doku" als Synonym für alles, was eben nicht "dokumentarisch" ist. "Gescriptete Dokus" sind ohnehin meist Filme über Sachthemen und damit keine Dokumentarfilme sondern
Dokumentationen. Das sind Begriffe, die in der Filmtheorie und Filmgeschichte nicht ohne Grund unterschieden werden. Ein klassischer Dokumentarfilm beobachtet das was ist, nimmt nichts davon weg und fügt auch nichts hinzu. Es bringt rein gar nichts für die Wahrheitsfindung, Meinungen zu bebildern, welche man auch als Text bzw. Essay für eine Zeitung schreiben könnte. Das ist pure Manipulation, wohingegen der Dokumentarfilm ja genau das Gegenteil davon erreichen will. Und in einem Meer der medialen Lügen kann der beobachtende Dokumentarfilm eben die kleine Insel sein, welche zeigt, was wirklich ist. In der Regel wird dies über ruhige Beobachtungen von Menschen erreicht und dabei keine Kommentare, Offtexte oder ähnliches verwendet. Generationen von Filmemachern haben sich hierfür eingesetzt. "Neue Sachlichkeit", "Direct Cinema", Cinéma Verité" sind die Ergebnisse dieser Diskussionen, wie erreicht werden kann, dass ein Film möglichst
nicht manipulativ gedreht wird.
Das Tragische ist die Ignoranz vieler heutiger Filmer, ihre Weigerung, eben nicht mehr Philosoph zu sein, Unterscheidungen zu suchen und sich mit der Wirkung der Bilder auseinanderzusetzen. Auch dass aus Unwissenheit hier permanent Begriffe vermischt werden, alles "Dokumentarfilm" genannt wird, wodurch letztendlich die Ergebnisse von fast einhundertjährigen und sehr fruchtbare Debatten und Entwicklungen vernichtet werden. Das ist ein Rückschritt, für den aber nicht zuletzt auch Sender als Auftraggeber und deren ignorante Redakteure verantwortlich sind. Allerdings nennen diese ja neuerdings auch Nachrichtenbeiträge "Kurzfilme" um sich zu adeln ;-