iasi hat geschrieben: So 26 Mai, 2024 14:54
Dieses "könnte sein" läuft auf einen teuren Perfektionismus hinaus, bei dem man versucht, auf alles vorbereitet zu sein.
"Mehrarbeit" ist es immer, wenn man einen Butterfly aufstellt, den man nicht benötigt.
Und das Dilemma bei der Sache: Die teure "Mehrarbeit" zehrt am Budget und damit letztlich an der Qualität, die man erzielen könnte.
"Eventualitäten berücksichtigen" = auf schlechte Organisation oder gar Chaos oder Planlosigkeit reagieren
Das Butterfly draußen ist doch letztlich Teil einer Routine, die leider gar nicht mehr hinterfragt wird.
Und kreative Freiheit gewinnt man durch diese Routinen doch auch nicht - das ist eine Selbstlüge.
Bis auf den ersten Satz, kann ich nichts, was du schreibst, bestätigen. Natürlich strebt man Perfektionismus an, selbst im Wissen, dass das gar nicht geht. Aber welche Zielsetzung sollte ich sonst haben? Alles "irgendwie okay" zu machen? Hey, ich denke, du hängst an deiner Filmidee und willst, dass das Produkt toll wird? Oder wirds ein RocknRoll-Low-Budget-B-Movie? Kenne ich auch. Kann auch Spaß machen, kann auch was Gutes bei rumkommen. Aber dann auch schon viel Glück dabei, und hoffentlich hast du "erfahrene" Leute im Team, die dir dann den Arsch retten können, wenns mal nicht so läuft ;-)
Wie Frank schon sagte, wenn die Einstellung im Kino schlecht aussieht, dann denk man sich nur "Naja, der Glencairn... Hatte mir mehr versprochen...". Er kann sich dann nicht rechtfertigen, dass der Iasi das Budget für nen Zusatzbeleuchter nicht freigegeben hat, Überstunden, weil es länger dauert, konnte er auch nicht zahlen, also haben wir die Szene in der halben Zeit mit zu wenig Vorbereitung gedreht.
Die Professionalität liegt darin, Eventualitäten zu berücksichtigen, von denen man berechtigt davon ausgehen kann, dass diese eintreffen, es aber es keine Möglichkeit gibt, diese vorauszusehen. Wie zum Beispiel das Wetter an manchen Tagen, oder den Hund der plötzlich bellt, oder die Darstellerin, die morgens krank wird, oder, oder, oder. Wenn kein Raum zum Schaffen da ist, bekommst du suboptimale Ergebnisse bis hin zu katastrophalen (teuren) Konsequenzen.
Klar, wenns 3 Wochen am Stück schifft, und die Prognose gleichbleibend ist, dann bau ich auch kein Sonnenschutz auf. Aber das meine ich nicht, ist auch egal, denn davon bekommst du als Produzent gar nix mit, die am Set auch nicht, ich mach das nebenbei. Ich rede davon, Fälle zu berücksichtigen, die wahrscheinlich sind und immer auftreten können. Bei leichter, wechselhafter Bewölkung baue ich natürlich ein Butterfly auf, auch wenn ichs nicht brauche. 29 Jahre Erfahrung haben mir gezeigt, dass man manche Dinge nicht "wegplanen" kann. Und jedes Set hat andere Eventualitäten. Das zeigt einem die "Erfahrung". Diese zu kennen und zu berücksichtigen, macht den Profi aus dir.
Ich sehe Erfahrung und Routine im Gegensatz zu dir als etwas Wertvolles und Erstrebenswertes an. Viele Innovatoren, die ich schon live in Aktion gesehen habe, sind nicht nur einmal böse auf die Schnauze gefallen, weil Theorie und Praxis verwechselt wurden. Meist hat es in der Konsequenz viele, teure Überstunden gegeben, weil man etwas Manpower sparen wollte, oder andere Eventualitäten nicht berücksichtigt hat.
Ich sauge mir das nicht aus den Fingern, weil ich meinen Standpunkt untermauern will, ich habe sowas wirklich schon mehrfach erlebt.
Der Drehtag ist das teuerste bei einer normalen szenischen Produktion. Du willst, dass dieser Drehtag reibungslos verläuft. Ein Zusatzbeleuchter kostet weit weniger als ne viertel Überstunde vom ganzen Team. Ein zusätzlicher Sprinter kann ebenso Umbauzeiten verkürzen und Arbeitszeit vom Team sparen.
Dein Trugschluss ist, dass du denkst, Erfahrung hemmt Innovation. Jeder Kameramann, der mitten in seiner Karriere steht und entsprechende Drehs mit größerem Aufwand selbst in leitender Funktion betreut hatte, wird dir sagen, dass das genau das Gegenteil der Fall ist.
Innovationen erleichtern uns das Leben, bieten mehr Möglichkeiten als zuvor und bringen die eigene Arbeit auf ein besseres Qualitätsniveau.
Ein Kameramann, der nicht an Innovationen interessiert ist, ist völlig fehl am Platz.
Und du siehst doch, was z.B. der Frank für ein Technikfreak und Nerd ist? Der probiert doch alles aus, was mit Videobearbeitung zu tun hat, nicht bei 3 aufm Baum ist. Genauso kennt er sich blendend mit aktueller Kameratechnik aus. Glaub mir, der Frank nimmt neue Ideen, egal in welchem seiner Arbeitsbereiche sehr gern an, aber manche Überlegungen sind (wenn man Erfahrung hat) einfach keine guten Lösungen und ein Scheitern ist vorprogrammiert.
Ich könnte genauso gut behaupten, dass du als Produzent beim Beginn der Dreharbeiten, all dein Budget aus deinen Geldquellen komplett verplant haben solltest und keine Reserven für Eventualitäten zurückhalten brauchst, weil du ja alles genau geplant hast. Oder würdest du so vorgehen?