Die beiden Heise-Redakteure, die den Artikel schrieben, kommen dann zu gegensätzlichen persönlichen Fazits:Die dramatische Bildgestaltung von Kirill Serebrennikov hebt sich deutlich vom weichgespülten Streaming-Einheitsbrei ab. Gedreht wurde das Drama über den „Todesengel“ über weite Strecken mit einem der Flaggschiffe der modernen Kinematografie, der ARRI Alexa 35. Diese liefert einen extrem hohen Dynamikumfang von rund 17 Blendenstufen.
Genau diese technische Basis ermöglichte es den Filmemachern, im Grading eine extrem steile Schwarzweiß-Kontrastkurve zu fahren. Ergänzt wird dieses Setup durch anamorphotische Objektive der Atlas-Orion-Serie. Horizontale Lichtstreifen ziehen sich wie breite Lens-Flares über Gesichter und Objekte, hellen das Bild punktuell auf und lassen es an diesen Stellen stilvoll überstrahlt erscheinen.
Auffällig ist zudem die kompromisslose Lichtregie. Es dominiert ein stark gerichtetes, hartes Licht mit minimalem Aufhelllicht. Gesichter werden dadurch plastisch herausgearbeitet, tiefe Schatten dominieren den Raum. Das weckt unweigerlich Erinnerungen an den Film Noir oder die Pressefotografie der 1960er Jahre. Kameramann Vladislav Opelyants hat die Belichtung vermutlich konsequent auf die hellsten Lichtquellen abgestimmt. Die logische Konsequenz: Die Hauttöne der Schauspieler wirken leicht unterbelichtet, was den Film noch unnahbarer und feindlicher erscheinen lässt.
Dass Serebrennikov vom Theater kommt und weiß, wie sich Körper im Raum bewegen, zeigt sich in der spektakulärsten Sequenz des Films: einem 13-minütigen One-Take während Mengeles Hochzeitsfeier 1958 in Uruguay. Die Kamera wandert vom Souterrain nach draußen, dann wieder hinein ins Haus, durch sämtliche Flure, Räume und Etagen – eine Sequenz, die nicht nur darstellerisch, sondern auch lichttechnisch bis ins letzte Detail geplant sein musste, zumal auch ein Hund mitspielt.
Man darf vermuten, dass eine solche Lichtregie ohne Schnitte heute nur noch mit modernster Technik wie kabellosen DMX-Lichtpulten realisierbar ist. Lampen müssen live weggedimmt werden, wenn die Kamera schwenkt, während gleichzeitig neues Licht hochfährt. Der Fokus-Puller muss bei der geringen Schärfentiefe der Anamorphoten permanent manuell den richtigen Schärfepunkt treffen – ein Fehler, und alles beginnt von vorn.
Serebrennikov greift hier auf klassische Techniken der Lichtregie zurück und verknüpft sie mit dem Aufwand langer One-Takes. In Verbindung mit modernen digitalen Kameras erreicht er dabei Kontraste und Detaildarstellungen, die mit analogem Equipment so kaum möglich gewesen wären.
Mit dieser Modernisierung des Schwarzweiß-Kinos geht er noch einen Schritt weiter als sein deutscher Kollege Robert Schwentke in seinem schwarzweißen Kriegsdrama „Der Hauptmann“ von 2017. Bei Schwentke sieht man den Bildern ihre digitale Präzision an, Serebrennikov imitiert hingegen die optischen Unzulänglichkeiten und Halation analoger Kameras und Filme, wodurch die Szenen organischer und bedrohlicher wirken.
https://www.heise.de/tests/Heimkino-Tes ... ml?seite=4Timos Fazit
[...] Regelrecht abstoßend empfand ich hingegen die Entscheidung, die Szenen aus dem KZ als einzige in Farbe (und mit üppiger Klassik unterlegt) zu drehen. Serebrennikov wollte es wohl so, um darzustellen, dass es vermutlich Mengeles „beste“ Jahre waren.
Mir war das zu plakativ, ja fast ausbeuterisch, während er in diesen Sequenzen zudem auch noch in die Splatterkiste greift und das Geschehen dadurch visuell auf mich selbstzweckhaft wirkt. Dass die FSK das anders sah, zeigt die FSK-12-Einstufung, die ich aufgrund der Bilder für höchst fragwürdig halte.
Hartmuts Fazit
„Das Verschwinden des Josef Mengele“ ist ein kontroverser und aufwühlender Film – und genau deshalb so wichtig. Er traf mich wie ein Tiefschlag in die Magengrube und ließ mich noch Wochen danach über das Thema nachdenken. Das schaffen nur ganz wenige Filme.
Ich bin jetzt neugierig auf den Film...


