Selfies sind eine eigene Kommunikationsform. Das Missverständnis bei diesen Kameras ist m.E., dass die Qualität eines Smartphone-Fotos nicht
nur ausreicht, sondern obligatorisch ist. "Perfekte" Selfies? Selfies sind dann perfekt, wenn sie unperfekt sind.
Ich kenne ein selfie-süchtiges Mädchen. Sie benötigt ständig Bestätigung, wirkt extrem extrovertiert. Tatsächlich in einem solchen Ausmaß, dass sie bloß eine hohle Puppe zu sein scheint, ohne jeden Inhalt. Die Beweisfotos, dass sie existiert (und selbst auf dem Klo perfekt gestylt ist), reichen als solche nicht, um sie mit sich selbst zu versöhnen. Was ihre Leere des Nachts füllt, kann ich nur raten, wenn ihr die Zote versteht.
Bei allem Spott über die Selfie-Schwachmaten sollten wir auch die Kehrseite sehen. Es gibt auch den zu sehr in sich zurückgezogenen Typ, der seine Idee von der Welt für die Wirklichkeit hält.
Idealerweise versuchen wir, uns in den "Augen" der Mitmenschen zu spiegeln und ihnen gleichzeitig als Spiegel zu dienen. Und hinterfragen dieses Kommunikationsspiel ständig. Es ist zum Beispiel interessant, dass Kleinkinder erwiesenermaßen zuerst die Bewusstseinsvorgänge ihrer Eltern anhand ihres Verhaltens (und ihrer non- und paraverbalen Kommunikation) zu deuten lernen, bevor sie eigene Erfahrungen mit den Dingen für zuverlässig halten.
Theory of Mind.
Wir müssen uns also vorstellen, dass jedes Selfie mehr ist als ein narzisstisches Selbstportrait. Die Smartphone-Linse ist kein Spiegel, sie ist das Auge der Mutter, der Welt, Gottes.