FILMNOTIZEN /FORUM
a.k.a. Nikki S. Lee
Der Wille zur Maske, das Leben an der Oberfläche, ist der Weg. Nikki S. Lees Leben als Kunstfigur.
Die Ebene des Films über den Film bleibt jedoch im dunklen. Die Kamera scheint Nikki einfach zu Begleiten, vorzugsweise bei Empfängen in Galerien oder Besuchen bei Kuratorinnen, deren Kommunikation so ganz der Figur entsprechend ganz Kunst, ganz Oberfläche zu bleiben scheint – eine Fortsetzung der Kunstfigur, die so aus dem Rahmen ihrer Bilder tritt, ihn ganz vergessen macht und eins mit einer Lebensperformance wird. Dargestellt wird nur die Rolle der Künstlerin als Künstlerin, nur die vorkommenden Kunstwerke, Photographien zitieren die anderen Rollen der Nikki S. Lee.
Desperado Outpost
Okamoto Kihachis Liebe zu John Fords Western wird ab der ersten Einstellung klar: die Weite und der Reiter, der sie durchmisst. Das Setting ist reichlich ungewohnt: der japanisch besetzte, wüstenhafte Norden Chinas. Die Situation Western plus WWII: ein einsames Fort im Feindesland mitsamt eines noch einsamerern Vorposten Verbannter noch tiefer im Feindesland am Ende des Krieges – es droht die Übermacht, der Rückzug wird kommen. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich eine Kriminalgeschichte, die der von „Last Gunfight“ ähnelt: der Held, ein japanischer Cowboy in bester Kirk Douglas Manier, ein strahlnder, charmanter, aber tougher Sunny-Boy ist der Detektiv – eigentlich eine Figur zwischen den Fronten, so wie die Banditen, denen er sich am Ende anschliesst.
Der Showdown erinnert in seiner Fatalität an das Shootout am Ende von Peckinpahs „The Wild Bunch“.
Faces of a Fig Tree / Ichijiku no kao
Lakonsich zwischen Tragödie und Komödie pendelnd, entfremdet durch einen ganz besonderen visuellen Stil und ein Produktionsdesign, das in über-grellbuntenfarben und Flächen Szenen teilweise wie gerendert darstellt. Eigentlich alltägliche Situationen zum Beispiel „Die Familie zu Tisch“ werden durch die besonderen Kamereinstellungen, abrupten Schnitte, die Szenen einen ganz eigenen Takt verleihen, sowie die grellen Farben artifiziell, verfremdet und dadurch lustig und interessant. Alltäglich bekannt und doch schräg unverdaulich.
Jagdhunde
Einsamkeit in der Fremde der Fremde, der Fremde des Ichs und der Fremde der Familie.
Fremd sind und bleiben hier nicht nur die Zugezogenen sondern auch die Mitglieder der Familie sich und der Vater auch sich selbst. Instinktiv das Gute, das sprachlose Verstehen und Lieben, schaffen hier nur deren beinahe schon erwachsene Kinder. Die Eltern haben sich schon zu verstrickt in ihren unerfüllten, unausgesprochenen und widersprüchlichen Wünschen, die bei der Begegnung nicht zur Klärung führen, sondern zur Farce. In der Landschaft im Schnee gehen Vater und Sohn nur nebeneinander her – begegnen tun sie sich nicht. Die Kinder müssen ihre Welt neu erfinden ohne die Vorbelastungen der Alten.
Le Cercle des noyés | Drowned in Oblivion
Distanz und Nähe / Inzwischen ist die Inhaftierung der Aktivisten der schwarzen Bürgerrechtsbewegung schon lange her, die Zustände mehrdeutiger und das Land vielleicht auf dem Weg zur Demokratie, doch der Film bewahrt die Nähe zum vergangenen Leid. Seine zentralen Bilder des Wüstenforts, in dessen Kerkern das Leben der Gefangenen solange beschränkt war, werden lebendig durch die Stimme des Erzählers - das Grauen, die Enge, der Hunger, der Dreck , der Tod werden nur in der Phantasie der Zuschauer wachgerufen und überlagern die Bilder der Wüste. Distanz wird auch gewahrt durch den vorsichtigen und langwiederigen Prozess der Entstehung, der allmählichen Annäherung und das langsame Kondensieren verschiedener Stimmen der Opfer zu einem Erzähler.
Die schwarz-weissen Bilder entfernen die Geschichte etwas vom Hier und Jetzt und geben ihr etwas Geschichtliches und transzendieren das eigentliche Ergeignis, den Anlass und den Ort, und konzentrieren das zeitlose Leid das Menschen Menschen antun, an einem Ort, in Bildern, die die den Zuschauer zwingen, selbst die Lehrstelle des Erzählten, das nur mündlich Erzählte, mit seiner Vorstellungskraft zu ergänzen.
Mona Lisa / Meng Na Li Sha
Dokumentarisch wirkt die Kamera, sie verschwindet und nimmt nur auf was eh unabänderlich geschieht, sieht zu wie das Schicksal seinen Lauf nimmt, so wie das Gesetz es befiehlt. Wackelnd begleitet sie, nimmt auf, zeigt teilnahmslos die Armut. Keine Szene wirkt inszeniert, alles dokumentarisch, das ablufende Leben wird begleitet durch eine unsichtbare Kamera – mit dem Wissen um die Illusion, aber auch dem Wissen, daß die Personen sich selbst, also Echtes nachspielen, nachleben.
Der Staat hat sich beinahe vollständig aus seiner Fürsorgeposition verabschiedet und taucht nur noch auf in der Rolle des Strafenden Staates, der den äußersten Handlungsrahmen der Gesellschaft mittels Gesetze absteckt, inmitten dessen ein Macht-Vakuum herrscht – jeder ist sich in der Arena selbst überlassen, die Gesellschaft wieder atomisiert und auf die Grundbestandteile Famile, Freunde und Nachbarschaft zusammengeschrumpft. Als äusserstes Zeichen an Gnade wird der Strafgefangenen erlaubt, für einige wenige Stunden unter schwerster Bewachung aus dem Gefängnis nach tagelanger Reise von ihrer im Sterben liegenden Schwiegermutter Abschied zu nehmen – und kurz sogar die Handschellen ablegen zu dürfen. Das Gesetz wird ohne Rücksicht auf die Folgen für die Familie drakonisch angewendet – denn dem Glaubenssatz des Staatsapparates, der Partei nach, bewahrt das Gesetz nur als unhinterfragbares Dogma ausgelegt die Gesellschaft vor dem Chaos.
Potosi, the Journey / Potosi, le temps du voyage
Auf drei, sich teilweise gegenseitig spiegelnden Ebenen findet die filmische Reise der Familie des israelischen Filmemachers Ron Havilio statt: in Photoaufnahmen und der Erzählung der Reise nach Potosi als frischvermähltes Paar vor 30 Jahren, die jetzige Reise nach Potosi, die den Spuren der ersten Reise nachforscht und versucht, die Personen auf den Photos von damals zu identifizieren. Die dritte Ebene der Erzählung ist diese Reise selbst für die ganze Familie, da die drei Töchter, die teilweise auch am Dreh mitwirken, dieses Mal mit dabei sind und die Reise dazu dienen soll, den Töchtern das fremde Land zu zeigen und gemeinsame Erfahrungen zu schaffen.
Sie soll den Töchtern die Jugend ihrer Eltern und deren damalige Gefühle näherbringen, doch bleibt ihnen die Gefühlswelt der Eltern und deren Besessenheit mit der Armut und Dürftigkeit Potosis und ihre Suche nach den Spuren ihrer Erinnerungen fremd.
Einen ganz besonderen Hintergrund verleiht die Vergangenheit der Tristess und Armut der Bewohner Potosis. Das Jetzt zu sehen und sich zu vergegenwärtigen, daß diese Stadt eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt gewesen ist, Quelle eines Großteils des spanischen Silbers aus der neuen Welt und Ort der mörderischen Sklavenarbeit von Generationen von Zwangsarbeitern. Heute arbeiten die Minenarbeiter zwar freiwillig, doch nur weil sie keine Alternative finden, um anders zu überleben. So wird die Suche nach Bergarbeitern, die auf den 30 Jahre alten Photos zufällig abgebildet sind, zu einem Dokument der Erinnerung – beinahe alle jungen Männer von damals sind schon gestorben, meist an Staublunge.
Sie leben am Rande einer Subduktionszone des Kapitalismus.
Prater
In ruhigem Tempo durch den Prater führt Ulrike Oettinger, immer wieder den Blick auf Details werfend und dort verweilend, von Schausteller zu Schausteller, hinter die Kulissen und quer durch die Zeit. Die Interviews mit den oft schon mehrere Generation dem Prater treuen Schaustellerdynastien liefern den Blick von der Seite der Darbieter, ohne jemals allzu analytisch zu werden. Die Kamera begleitet verschiedene Gruppen von Schaulustigen auf ihren Wegen durch den Prater, die Sensationen, Genüsse und Vergnügungen miterlebend. Die distanzierte Erzählstimme schwebt immer etwas arg über dem Gezeigten und philosophiert.
State Legislature
Daß Demokratie nicht die bloße Behauptung von Freiheit ist, sonder ein nach Regeln erfolgender Wettstreit der Meinungen, ist wunderschön in Frederick Wisemanns 3 ½ Stunden Doku über den gesetzgebenden Prozess im Parlament und den Ausschüssen von Idaho zu sehen. Er verfolgt kommentarlos die Sitzungen, in denen um jede Entscheidung gerungen wird. Kodiert in den Verfahrensregeln ahnt man die historische Entwicklung und die Erfahrungen, die sich in ihnen kondensiert haben. Wiseman betont durch seine Auswahl des Materials deutlich das Verfahren an sich, erst spät wird manchmal klar, um welches Thema sich die Diskussion der Abgeordneten überhaupt dreht. Man sieht, wie argumentiert, begründet, nachgefragt und abgestimmt wird - kein Thema ist zu trivial, seltenen etwas eindeutig und ohne Widerspruch, doch immer in den vorgegebenen Grenzen, die bestimmen, wie verfahren wird bei Stimmengleichheit oder Abstimmungssieg – der Weg eines Gesetzes durch die Instanz wird lebendig – auch dadurch, daß man merkt (wie ein Abgeordneter einer Schulklasse am Anfang erklärt), daß die Abgeordneten selbst mit den von ihnen beschlossenen Gesetzen werden leben und sich verantworten müssen. Und manchmal wird sehr schön deutlich, wie klar sich in diesem öffentlichen Prozess voreingenommene Parteilichkeit diskreditiert – die anstatt auf Argumenten auf Phrasen aus dem Parteiprogramm fußt.
The Halfmoon Files
Ton ohne Bild. Bild ohne Ton / Welche Geschichten an einer Geschichte hängen, wenn nur genau genug hingesehen wird ziegt Halfmoon Files. Eine Stimme wird zum Ausgangspunkt der Suche nach der Person, der diese Stimme gehörte. Ihre Geschichte und die Geschichte dieser Aufnahme wird umkreist: Wo wurde sie aufgenommen? Von wem? Warum? Für was steht sie? Was alles ist in dieser einen Aufnahme kodiert? Wie ein Vergangenheitsmikroskop erhöht der Film die Vergrösserungsstufen.
Die interessantesten Dinge sind mit dieser Aufnahmen verbunden: die erste Moschee Deutschlands, Kaiser Wilhelms verspätet aufgenommene Kriegseintrittsrede, ein Bücherdorf, eine Kolonialfilmgesellschft, ein Kriegsgefangenenlager als Filmstudio, das erste Tonarchiv, ethnologische/linguistische Studien im Lager. Inszenierung von Doukumentarischem.
PANORAMA
Celebration
Die Marke und der Mensch. Ein Geist schleicht durch das Bild, ein Geist verganger Zeiten. Der Mann mit der Kamera stellt keine direkten Fragen und bekommt auch keine direkten, interessanten Aussagen von Yves Saint-Laurent. Begleitent werden zwei ehemalige Schneiderinnen von YSL bei ihrem Wiedersehen mit den alten Räumen, mit den alten Freunden, und den neuen Modeschauen, wohl um einen Hauch von Historie, von der glanzvollen Geschichte des Modehauses YSL beizusteuern, etwas was dem Meister selbst nicht zu entlocken ist, doch so unbeholfen ausgeführt scheitert auch das. Was sieht man? Als Schatten seiner selbst, als zittriges, verhuschtes, abwesendes Männlein streift YSL durch das Bild, als eigentlicher Conferencier und Manager erscheint Pierre Berger, der bestimmt, leitet, behütet und das in einer interessanten Sequenz so erläutert: er muss den kreativen Träumer YSL davor bewahren aufzuwachen, seinen Schlaf beschützten. Vergangenheit all das: der Film dokumentiert den Zeitraum von 1998 bis 2001, als YSL seinen Abschied von der Modewelt auf einer grossen Gala bekanntgab. Das unglamouröse Bild erklärt das gerichtliche Vorgehen Bergers gegen den Film, der als Folge in Frankreich nicht aufgeführt werden darf – der millionenschwere Mythos von dem die Marke lebt, wird angekratzt durch diesen Film.
La León
Schwarz-Weiss, eher eigentlich Grau-Weiss, changiert die Farbe zwischen dem Weiss des Himmels und des Nebels und dem Grau der exakt gezeichneten Vegetation, die um die Wasserläufe wuchert. Die Kamera fängt statisch diese Bilder ein oder gleitet in dieser Landschaft der Isolation wie auf einem der Staaken-Boote auf dem Wasser dahin. Alles fliesst, langsam. Gespenstich, unwirklich scharf erscheinen in dieser in HD aufgenommene Szenerie die Umrisse der Dinge vor dem verschwommenen weissen Hintergrund und gespiegelt all das nochmal im Wasser. Erzählt wird ganz beiläufig, in ruhigen Bildern, in denen der Hauptdarsteller eigentlich meist die Natur ist. Und doch nicht einsam genug, um nicht verletzt zu werden durch die Reaktionen auf die kaum verborgene Homesexualität. Alles nimmt seinen Lauf, das Leben wuchert, es kämpft, altert und stirbt – gleichzeitig all das an diesem Ort – ein unaufgeklärter Todesfall/Selbstmord, ein Alterstod, ein Sühnemord. Jeder alleine in seiner wortkargen Isolation, mit sich, Selbstprüfung und Projektion.
Woman On The Beach / Haebyuneui Yoein
Die Strände von Urlaubsorten ausserhalb der Feriensaison sind wunderliche Schauplätze. Nur vereinzelte Feriengäste, Strandspaziergänge, bedecktes Wetter und die Leere des Ortes, der nur zur Hochsaison wirklich existiert, bilden den Hintergrund dieses betrachtenden, in langen Einstellungen und Totalen in Szene gesetzten Films des koreanischen Regisseurs Hong-Sangsoo. Vor diesem verlangsamten Hintergrund und durch ihn in ihrer Einsamkeit akzentuiert, agieren in unterschiedlichen Kombinationen die vier Protagonisten. Beziehungen, Freundschaften entstehen, werden betrogen, zerbrechen wieder, werden wieder versöhnt und wieder beendet. Die gewechselten Worte blenden die Anderen und sich selbst, sollen verführen, nichts sagen, und selbst Beichten ist nutzlos - Wahrhaftigkeit befreit nicht, Verstehen reicht nicht. Und wie als Flucht vor dem zwanghaften Charakter der Hauptperson wechselt der Film im letzten Drittel die Perspektive zur der betrogenen Geliebten, die sich am Ende von ihrem Freund trennt und aus dem sich anbahnenden Höllenkreis einer psychotischen Beziehung rechtzetig flieht und aus der vom Bann des Wiederholungszwanges bestimmten Beziehungswahl ausbricht – etwas Hoffnung bleibt also.
Lagerfeld Confidentiel
Ein Super-Ego wie ein Panzer, eine Pistole. Und trotzdem immer geschützt durch eine Vielzahl von Ringen an den Händen und und verborgen durch die Sonnenbrille in der Welt. Beinahe jeder Satz eine ganz selbstgeschöpfte Sentenz.Ein ganz aus sich selbst heraus geschaffenes und auf sich allein gestelltes Ego stellt er dar.
2 Jahre lang Lagerfeld begleitet, dabei 200 Stunden Filmmaterial angehäuft hat der Filmemacher Rodolphe Marconi den Modeschöpfer.
Der Gegensatz Lagerfelds zu Yves-Saint Laurent, über den ebenfalls auf der Berlinale 2007 eine Dokumentation läuft, ist gewaltig. Der strenge, starre, energetische, kommandierende Lagerfeld und der zittrige, abwesende, geisterhaft erscheinende Yves-Saint Laurent.
Die Kamera ist zwar bei vielen Anlässen dabei und gestattet den Blick hinter die Kulissen, aber selten wird klar, wo die Kulissen in diesem Leben überhaupt aufhören, und ob die Kulissen auch wirklich Kulissen sind und nicht etwa integral einem Leben das andere Leben gegenüber wie eine Performance erscheint.Und stets bei Dokumentationen, die die Wirklichkeit noch genauer zeigen wollen, als bisher, stellt sich die Rumsfeldsche Frage nach den „unknown unknowns“: das wissen wir nicht, das uns nicht gezeigt wird? Das Privateste wird ausgespart, ja, aber wo und wie oft viel die Klappe? Würde statt dem Schnitt jede auf Wunsch der Hauptperson gestoppte Kamera doch immer laufen, nie vorausgehorchen, doch immer diesen Moment mitaufzeichnen, wäre eine neue Dimension erfahrbar, und die „known unknowns“ wieder etwas mehr.
Zuflucht / Riparo
Für kurze Zeit funktioniert die zusammengewürfelte Patchwork-Familie aus dem lesbischen Paar und dem jungen marokkanischen Flüchtling und das aus Mitgefühl geborene Wagnis scheint geglückt. Doch die Widersprüche der Charaktere und ihrer Handlungen lassen das Trio wieder auseinenderstreben, in kurzfristig neuer Verbindung, neuem Hingezogenfühlen – das System gerät aus dem Gleichgewicht, immer weiter, und zerbricht wieder in drei desillusionierte Einsamkeiten.
The Bubble
Der Film, der die Liebesgeschichte eines Israelis und eines Palästinensers locker erzählt, endet überraschend krass - dieses Ende ist wohl auch ein Zeichen an den Rest Israels ausserhalb der „Spassrealitätsblase“ Tel Aviv: hier wird nicht nur gefeiert, sondern eben auch gestorben – eine Vielzahl der palästinensischen Selbstmordattentate findet dem Schein zum Trotz in der liberalsten Stadt Israels statt. Doch kommt diese Wendung zum Doppeltod mit dem Geliebtem etwas überraschend und scheint kaum durch die Geschichte im Charakter des palästinensischen Lovers angelegt – die letzten Minuten scheinen wie der Einbruch der Realität inszeniert gewollt zu werden, etwas zu symbolisch und zu überladen.
Kurz vor dem Libanonkrieg in Israel gestartet und deswegen in Israel etwas untergegangen.
WETTBEWERB
300
Völlig losgelöst vom geschichtlichen Hintergrund, seine Komplexität als Ballast begreifend agiert „Frank Millers 300“ in einer Art grichischer Mittelerde, einer Episode die aus dem grossen Konflikten der Welt des „Herrn der Ringe“ entstammen könnte. Stilisiert, sehr schön choreographierte Kampfszenen, eine Welt die nicht von dieser Welt ist – Die geglückte innige Verschmelzung von CGI-Welt mit den echten Schauspielern erschafft etwas Neues. Die Gefühle sind direkt und gradlinig – schliesslich geht es bei dieser Schlacht ja um den ewigen Kampf des Guten (edel, freiheitsliebend, tapfer, stark, witzig) gegen das Böse (feige, versklavend, entstellt, verstehen keinen Spass). Der Look evoziert ausgegrabene Antike, verhalten, bronzen, metallisch, erdig, düster – um so mehr sticht das Rot der spartanischen Umhänge und das reichlich spritzende Blut farblich hervor. Deutsch synchronisiert werden die Dialoge wohl kaum auszuhalten sein, sie strotzen so vor Männlichkeit, Vaterlandsliebe und Aufopferungswillen, dass die Assoziation zum 3. Reich wohl unwillkürlich erfolgt – sowie man nicht von Anfang die Prämisse einer völligen Losgelöstheit dieser Fantasywelt akzeptiert.
Zack Snyder lässt hier die Körper agieren, sodass die heldenhaften 300 weitestgehend von jeder Rüstung befreit, oberkörperfrei die Bösen (Perser) schlachten können. Seine Vergangenheit als Regisseur von „Dawn of the Dead“ offenbart sich als sehr einflussreich, das Blut fliesst wie sonst nur in Zombiefilmen.
Der Comic-Vorlage von Frtank Miller (Dark Knight, Sin City) ist der Film sehr treu geblieben, und hat es wie ein Stroryboard umgesetzt. Die pathetische Sprache: Superhelden-typisch knapp und knackig, direkt, nicht zu vergleichen mit den alten Sandalen ("Der Löwe von Sparta" ). Die Ästhetik erinnert sehr an die von Computerspiel Trailern, dark ist die Grundstimmung, schliesslich ist ja Untergang angesagt.
Spartaner mit Sixpacks: hätten die echten Spartaner soviel Zeit darauf verwendet, ihre Körper ästhetisch und nicht anwendungsbasiert zu stählen, wären sie wohl ohne grosse Umstände von ihren eigenen Sklaven in deren Freiheitskampf umgebracht worden. Diese Körper sind moderne, ahistorische Livestyle-Panzer, und gehören unmöglich authentischen Kriegern. Sie spiegeln den Geist des Fitness-Studios wieder und nicht den des Schlachtfeldes – auch wohl wegen dieser Künstlichkeit und dem unbedingten Willen zum Stil und coolen Look statt zur Echtheit muss immer wieder in heroischen Phrasen der höhere Sinn des ganzen Unternehmens ausposaunt werden – weil er gerade so dezidiert in den Bildern fehlt, die von ganz anderen Dingen redet.
Letters from Iwo Jima
Die Gesichtslosen erhalten ein Gesicht, eine Stimme, ein Schicksal – und so radikal, wie noch nie in einem amerikanischen Mainstream-Kriegsfilm.Clint Eastwood hat sich entschieden, den Kampf um die Insel Iwo Jima nach seinem Film „Flags of our Fathers“ aus japanischer Sicht zu zeigen – auch nach 60 Jahren noch ziemlich sensationell, weil die amerikanischen Mythen vom Kampf um die Pazifikinseln noch traditionell bestimmt ist von festgefügten symbolbehafteten Bildern (wie eben das des auf dem höchsten Berg von Iwo Jima die Flagge aufrichtenden Marines) und ungebrochen , bestätigt durch den Sieg und unhinterfragt. Die Leerstelle war der meist unsichtbare unheimliche, unverstandene und dämonisierte Feind, die Japse, ebenso wie später die Gooks.
Die Farbtöne der im zweiten Teil überwiegend in den Bunkerhöhlen spielenden Films sind fade, alt, vergangen. Etwas zu gut ausgeleuchtet und wenig klaustrophob wirken die Szenen untertage, geradezu majestätisch die Dome unterberge. Auch die tatsächliche Dauer der 35 Tage dauernden Schalcht um die Insel sind nicht ganz nachvollziehbar im Film.
Tuyas Hochzeit
Absolut reduziert auf die Figuren wie vor einem leeren Bühnenbild erscheint jeder Film, der in der Steppe oder Wüste spielt. Jede Person, die auftritt ist eine der wenigen Hauptpersonen, jede Handlung spricht, die Natur schweigt und geht ihren Gang. Jedes Tun wird symbolisch für das Tun von Menschen überhaupt und bedeutend durch die Weite des Raumes, in der es stattfindet.
Der Film erzählt ganz nebenbei vom Vergehen der mongolischen Lebensweise. Wie sich die Leben der Einzelnen ändern durch viele kleine individuelle Entscheidungen, und diese dann insgesamt einen grossen Wandel darstellen. Das alte Leben wird zu schwer, es bietet zumindest etwas Hoffunung, so werden wie die Anderen.
Tuya ist stark, doch sind ihre Handlungsoptionen, will sie sich treu bleiben, begrenzt und die Folgen liegen nicht in ihrer Macht – sie ist eine Geisel der Umstände/ der äusseren Zwänge.
Der Gewinner des GoldenenBären der diesjährigen Berlinale.
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