Frage von Nigma1313:Liebes Forum,
Passend zur düsteren Oktoberzeit...
Lasst uns ein wenig über Psycho reden...UND: Was wir als Filmemacher daraus lernen können:
Antwort von Drushba:
Auch wieder ein lustiges Video. Hitchcock wird an Filmhochschulen wohl immer noch rangezogen. Er wurde auch immer schon rangezogen, im Grundstudium, im Hauptstudium, in externen Drehbuchakademien, so oft sogar, daß wir zu meiner Filmhochschulzeit mal die Absetzung einer Drehbuchdozentin forderten, weil diese im dritten Jahr schon wieder mit Hitchcock kam, statt endlich mal organische Dramaturgie, Archtypendramaturgie, psychoanalytische Ansätze etc. dranzunehmen.)) Zum guten Ton unter Dozenten gehört(e) übrigens auch, sich neben Hitchcock-Fan als "Charlie Chaplin Fan" zu outen und dabei immer so verkumpelt-verschmitzt zu kichern (nichts gegen Charlie Chaplin, der kann wirklich nichts dafür - ebensowenig wie Hitchcock etwas dafür kann, aufgrund seines überall durchgekauten Interviewbuches mit Truffaut zum Standardinventar an Filmhochschulen zu werden, ähnlich zu dem, was Goethe mit "Wilhelm Tell" zur allgemeinen Quälung im Deutschunterricht wurde). Aber gut... hören wir es uns in Demut vor dem Meister an und versuchen etwas mitzunehmen. ;-)
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Antwort von Darth Schneider:
Wobei ich mich auch frage ob Psycho heute neu genau so gemacht wie früher überhaupt noch funktionieren würde ?
Ich denke eher nicht, weil ein wenig mehr Blut und Action darf es bei Horror heute doch schon sein.
Da reicht ein Schatten vom Messer nicht mehr…;)))
Gut, sicher ein sehr gut gemachter Film, aber umgehauen hat mich der Streifen schon damals nicht.
Da gefiel mir von Hitchcock Das Fenster zum Hof, Der unsichtbare Dritte und Die Vögel viel besser.
Antwort von Drushba:
"Darth Schneider" hat geschrieben:
Wobei ich mich auch frage ob Psycho heute neu genau so gemacht wie früher überhaupt noch funktionieren würde ?
Ich denke eher nicht, weil ein wenig mehr Blut und Action darf es bei Horror heute doch schon sein.
Da reicht ein Schatten vom Messer nicht mehr…;)))
In der Medizin hielt sich bis ins 19. Jahrhundert die Vier-Säfte-Lehre und der Aderlass galt als Standardtherapie. Interessanterweise weiß man heute, dass er bei ganz bestimmten Krankheitsbildern tatsächlich sinnvoll ist. Ähnlich wohl auch mit Hitchcock und postmoderner Filmdramaturgie. ;-)
Antwort von Darth Schneider:
Ich hatte damals als ich den Streifen vor über 35 Jahren gesehen nicht mal ansatzweise Herzklopfen bei der Duschszene..Sorry..
Hingegen bei den Saw Filmen hatte ich jedes mal Herzflattern als wieder jemand dran glauben musste…
Sehgewohnheiten betreffend Horrorfilm verändern sich massiv mit den Jahrzehnten…
Antwort von scrooge:
Drushba hat geschrieben:
... ähnlich zu dem, was Goethe mit "Wilhelm Tell" zur allgemeinen Quälung im Deutschunterricht wurde...
*Klugscheißer-Modus an*
Wilhelm Tell ist nicht von Goethe sondern von Schiller.
*Klugscheißer-Modus aus*
:-))
Antwort von Axel:
Alter Hecker auch von mir, einem alten Waran, der Hitchcock und Chaplin ebenfalls auf der Filmhochschule nahegebracht bekam. Was ich früher schon betont habe und heute nochmals litaneimäßig wiederkäue ist, dass man Filme vor dem Hintergrund ihrer Zeit, dem Erwartungshorizont des Publikums der 1920-er oder 1960-er verstehen muss,
wenn man verstehen will. Im Falle von Psycho und später Das Kettensägenmassaker von Texas hilft eventuell die aktuelle Netflix-Serie „Monster“ über das Norman Bates/Jame Gumb - Vorbild Ed Gein. Kontext ist alles, und aktuelle Slasherfilme - inklusive der ansehbaren und besseren - sind möglicherweise drastischer, oft mit höherem production value, manchmal mit psychologischer Raffinesse. Und gleichzeitig sind sie vor dem Hintergrund der Erwartung des Publikums müde Aufgüsse.
Antwort von stip:
Der Grund, warum Hitchcock auch heute noch angeführt wird, ist dass viele Mechanismen, die er als erstes breitem Publikum vorgestellt hat, auch heute noch genauso funktionieren.
Z.B. dass nichts, was man zeigt, so schlimm ist wie die Fantasie des Zuschauers, wenn man es vorenthält. Das hatte in den 60ern aufgrund der Möglichkeiten noch eine andere Ebene aber auch heute bleibt der Kern der Aussage wahr: bleibt das Monster größtenteils von der Dunkelheit verschlungen wirkt es meist unheimlicher als wenn man es in voller Gänze sieht.
“People think I deal in horror. I don’t. I deal in suspense — it’s the anticipation, the waiting, the imagination that does the work.
What they imagine is far worse than anything I could show.”
Oder wenn es darum ging welche Informationen, die die Hauptfigur nicht hat, man dem Publikum vorab gibt, um Spannung zu bilden (“There is no terror in the bang, only in the anticipation of it.”), sein berühmtes Beispiel war die Bombe unterm Tisch.
"If two people are sitting at a table and a bomb suddenly goes off, that’s surprise. But if the audience knows there’s a bomb under the table and it’s about to go off, that’s suspense."
Das hat nichts an Relevanz verloren und wird in den besten Horror, Suspense und (Mystery-) Thrillern bis heute praktiziert. Er hatte ja auch eine eindrucksvolle Weise diese Mechanismen zu analysieren und zu erklären. Also sein Platz in den Filmgeschichtsstunden ist heute so aktuell wie damals.