Tonaufnahme und -gestaltung Forum



Audio-Mythen: Der harte Weg zur Selbsterkenntnis



Fragen zur Tonaufzeichnung, Ausrüstung (Mikros etc.), aber auch zu gestalterischen Aspekten.
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AndreasBuder
Beiträge: 99

Audio-Mythen: Der harte Weg zur Selbsterkenntnis

Beitrag von AndreasBuder »

Ich bin momentan in ein Audio rabbit hole abgetaucht, seit ich einen Mixer mit Rauschunterdrückung gesucht habe, und seither hat sich mein Verständnis von Audio teilweise auf den Kopf gestellt. Und endlich kann ich Mic specs richtig lesen... jede Menge Audio-Mythen in meinem Kopf haben sich mit viel Anstrengung mittlerweile aufgelöst. Vllt. ist das für jemandem hilfreich, ich liste hier ein paar auf:

1) Dynamische Mics sind besser für unbehandelte Räume (kein sound treatment): Das war in meinem Kopf festgemeiselt. Überfall habe ich das gehört. Aber es stimmt nicht. Dynamische Mics schicken ein sehr schwaches Signal (weil rein passiv über die moving coil) und haben zumeist einen deutlichen Roll off im Bass- und Höhenbereich. Sie werden intuitiv sehr nah besprochen, weil man dann den preamp nicht so weit aufdrehen muss. Durch den Bass Roll off ist der proximity effect schwächer. Der Höhen Roll off zämt Echos. Condenser hingegen schicken ein lautes Signal und greifen alle Frequenzen sehr gut auf. Zudem entsteht ein stärkerer proximity effect bei Nahbesprechung (außer bei omnidirektionalen Mics, die haben keinen), auch Plosives sind oft ein Problem. Also werden sie intuitiv aus größerer Entfernung besprochen. Was das physikalisch bedeutet: Das Nutzsignal ist bei Nahbesprechung wesentlich lauter im Vergleich zum störenden Umgebungsgeräusch. Das ist der Hauptgrund, warum bei dynamischen Mics der Eindruck entsteht, sie wären besser für unbehandelte Räume geeignet. ABER: Bespreche ich ein Condenser ebenso nah, setze ein EQ ein, der die Frequenzen in den Tiefen und Höhen anpasst und achte auf Popschutz sowie gute Mic-Technik, dann ist kein Unterschied in der signal-noise-ratio erkennbar, auch bei unbehandelten Räumen. Nun habe ich bei meinen Condensern seither keine Scheu, sie auch im reflektierenden Raum zu nutzen, wenn es sein muss. Das hab ich bisher vermieden wie sonst nix.

2) Rauschige Preamps sollten immer vermieden werden: Auch das hatte ich felsenfest in meinem Kopf verankert. Aber die Wahrheit ist: Relevant sind rauscharme Preamps nur bei dynamischen Mics und leiserem Signal wie gesprochenem Wort. In allen anderen Fällen fällt ein rauschiger Preamp kaum ins Gewicht. Warum? Dynamische Mics haben lediglich ein Eigenrauschen von -130 dbu und geringer (thermal noise, abhängig von der Impedanz, meist 150-200 Ohm). Ein theoretischer preamp ohne Eigenrauschen, der weit aufgedreht werden muss (z.B. 60db), macht dann einen noise floor von -70dbu. Das ist gut hörbar. Ist der preamp eher schlecht (z.B. Zoom H mit -120dbu), dann schlägt das mit 10dbu lauterem Rauschen zu Buche (grob gesprochen), also -60dbu. Oft muss man 60db oder gar mehr aufdrehen, weil dyn. Mics ein sehr schwaches Signal abgeben. Hier ist ein rauscharmer preamp also toll. Gucken wir uns aber Condenser an: Aktive Elektronik ruft Rauschen im Mikrofon hervor, alles von 4db bis 21db, je nach Mic. Zusammen mit der Empfindlichkeit des Mics kann ich den noise floor ausrechnen, z.B. Rode NT1 4th gen (4.5db / -27dbu): 0-(94dbu - 4,5dbu + 27dbu) = -116,5dbu. Das ist viel lauteres Eigenrauschen des Mikrofons als beim dynamischen Mic (-130dbu). Allerdings muss ich es im Vergleich nur um ca. 30db aufdrehen, also bin ich bei -86,5dbu noise floor bei gleichem Nutzsignal. Selbst ein schlechter preamp von -120dbu ist leiser als eins der leisesten und hottesten Condenser am Markt (mit -116,5dbu) und gibt vllt. 1db an zusätzlichem Rauschen, wenn man beide Rauschlevel verrechnet. Seither wird mein Zoom H4n wieder ausgepackt, den ich mal ausgemustert hatte, weil einem Mythos geglaubt habe. Ich habe übrigens das A-weighting ausgeklammert und dass die meisten Specs immer irgendwas wichtiges weglassen, was standardisierte Messungen angeht. Grob stimmt die Aussage dennoch.

3) Nutze nie den maximalen Gain auf deinem preamp, sondern booste in post.: Oh, dieser Mythos. Was hab ich immer drauf geachtet, dass ich den gain nie ganz aufdrehe, damit das böse Rauschen nicht kommt. Stattdessen nachträglich den Level erhöhen, weil auf den letzten gain-Stufen ganz viel zusätzliches Rauschen dazukommt. Angeblich. Stimmt leider nicht. Auf maximalem Gain ist das Verhältnis von Nutzsignal zu Rauschen am Besten. Der echte Grund, nicht auf maximal zu drehen, ist headroom, damit das Signal nicht übersteuert. Das sauberste Signal ist das mit dem maximal möglichen gain und dem minimal nötigen Headroom. Ein Kompromiss also aus zwei gegenläufigen Prinzipien. Warum ist maximaler gain nützlich? Es stimmt, dass der Noise floor steigt, wenn ich den gain aufdrehe. Das ist Fakt. Aber das Nutzsignal wird im Vergleich zum Rauschen noch stärker. Also das Verhältnis zw. diesen Elementen wird größer. Würde ich den gain zurückdrehen und stattdessen nachträglich das Level erhöhen, erhöhe ich Rauschen und Nutzsignal gleichermaßen, wodurch sich das Verhältnis verschlechtert.

Diese drei Mythen waren meine Hauptgegner. Gibt noch ein paar kleinere wie "Nutze kein Shotgun Mic in Innenräumen", aber diese drei haben lang gebraucht, bis ich es verstanden habe.

Der größte Dank für das Aufklären geht dabei an Julian Krause, Rane Commercial, Neumann und einige andre Webseiten...

Und ich lasse mich weiter gern aufklären, auch hier.



Jott
Beiträge: 24047

Re: Audio-Mythen: Der harte Weg zur Selbsterkenntnis

Beitrag von Jott »

Grundsätzlich: Ohren schlagen Mythen.

Und: bei Sprachaufnahmen wird heute vieles auf den Kopf gestellt. KI-basierte Software weiß inzwischen perfekt, was Stimme ist und was nicht (Raumhall, Nebengeräusche und Verzerrungen entfernen), vor allem auch, wie Stimmen zu klingen haben. Falsche Frequenzspektren hinbiegen und so. Das ist großartig.



AndreasBuder
Beiträge: 99

Re: Audio-Mythen: Der harte Weg zur Selbsterkenntnis

Beitrag von AndreasBuder »

Jott hat geschrieben: Sa 16 Mai, 2026 12:51 Grundsätzlich: Ohren schlagen Mythen.
Das ist ja das Komplizierte daran: Ich hab mich zuvor ja auch auf mein Ohr verlassen. Nur war die Methodik stets fehlerhaft: Den Noise floor anhören, ohne diesen ins Verhältnis mit dem Nutzsignal zu setzen. Oder Condenser mit dynamischen Mics beim unbehandelten Raum vergleichen, ohne das mit dem Sprachabstand verstanden zu haben. Den Gain nicht aufdrehen, weil ja das Rauschen hörbar lauter wurde usw.

Ich hab mich immer empirisch bestätigt gefühlt, gleichzeitig hatte ich immer irgendwie das Gefühl, dass was nicht stimmt. Aber die Daten waren doch eindeutig. Scheinbar. Die Methode war die Falsche...



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