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Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers



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Thoma
Beiträge: 48

Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von Thoma » Fr 08 Okt, 2021 09:55

Hallo zusammen, stecke gerade mitten in der Produktion eines neuen 45-minütigen Naturfilms, und wenn es sich ergibt, mach ich nebenher immer mal ein kleines howto, das zumindest beschreibt, wie meine Vorgehensweise ist. Freu mich auch über Tipps und Kommentare ganz allgemein. Hier habe ich badende Enten nachvertont...
Lieben Gruß
Thomas




pillepalle
Beiträge: 4597

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von pillepalle » Fr 08 Okt, 2021 10:24

Hallo Thomas,

hast Du schon ganz gut gemacht, auch wenn man bei den Zeitlupen natürlich schon eher merkt, wenn der Ton nicht zum Bild passt, bzw. es an manchen Stellen erstaunlich ruhig ist. Mir fehlen ehrlich gesagt die Tiergeräusche selber. Du hast ja nur das Plantschen vertont, nicht die Geräusche die das Tier selber erzeugt, wie z.B. den Flügelschlag, oder Schnattern/Klappern, usw.

Ich weiß auch nicht genau, wie ich das machen würde, aber vermutlich versuchen früh morgens mal auf einem Hof, oder in einem Zoo, passende Geräusche zu finden. Ich hab' mal bei einem Foley Artist gesehen, dass man quarkende Frösche mit einem leicht befeuchteten Daumen in einem Schnappsglas hin bekommt :) Oder wie der hier, den Flügelschlag:



Aber Tiergeräusche stelle ich mir tatsächlich recht schwierig vor, denn die sind ja auch schon ohne Bild nicht leicht aufzunehmen.

VG
Ich bin mit der Z6II zufrieden. Ich bin mit der Z6II zufrieden. Ich bin mit der Z6II zufrieden... :)




Thoma
Beiträge: 48

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von Thoma » Fr 08 Okt, 2021 10:48

Danke, pillepalle, du hast absolut recht! Die Feinheiten folgen später. Flügelschläge liegen schon bereit (Socken und kleine Decke vor Mikrofon geschwungen, dann mit EQ und Gate auf den richtigen Klang und Länge getrimmt. Außerdem noch die Tonhöhe angepaßt. Automix für Volume und Panorama für die Spuren programmieren... Aber für ein kleines Howto wäre das alles viel zu lang und für die meisten nicht mehr verständlich gewesen... Deshalb reduziert aufs Wesentliche.
Frösche würde ich im Übrigen nie künstlich nachmachen, sowie ich auch meine Entenrufe alle einzeln aufgenommen habe. Die sind nämlich spezifisch für jede Art und sollten original eingefangen werden, finde ich...




pillepalle
Beiträge: 4597

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von pillepalle » Fr 08 Okt, 2021 10:51

Thoma hat geschrieben:
Fr 08 Okt, 2021 10:48
Frösche würde ich im Übrigen nie künstlich nachmachen, sowie ich auch meine Entenrufe alle einzeln aufgenommen habe. Die sind nämlich spezifisch für jede Art und sollten original eingefangen werden, finde ich...
Da hast Du natürlich Recht, gerade wenn es um einen Tierfilm geht. Aber bei Spielfilmen wird eben immer gemogelt. Da sind nicht mal die Schritte der Menschen echt :)

Oder auch wenn man die Töne faktisch gar nicht aufnehmen kann. Kommt ja auch bei Naturdokus öfter mal vor. Hier sind noch ein paar nette Beispiele. Man macht sich eigentlich nie Gedanken darüber das die Töne, von wachsenden Pflanzen, oder Spinnen, gar nicht echt sein können.



VG
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phiox
Beiträge: 4

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von phiox » Fr 19 Nov, 2021 17:52

Hi Thoma,

dieses Forum hier bei slashcam ist ein technisches, geht man darüber hinaus, dann ist man fast schon etwas off-topic. Das meine ich nicht abwertend, soll nur eine empirische Aussage sein, da ich selbst technisch wenig versiert bin, finde ich es eher beeindruckend, was hier einige Leute so alles wissen und so ein technisches Forum ist nützlich und hilfreich. Zu deinem Thema gibt es gleichfalls eine technische Bearbeitung in den Beiträgen, das war wohl auch in deinem Sinn. Dazu kann ich nichts beitragen, ich habe andere Aspekte einzubringen.

Dokumentationen zum Naturgeschehen interessieren mich hinsichtlich der darin eingeschriebenen Mensch - Natur Beziehung, die Ästhetik der Erscheinungen, einige Filme stellen auch subjektive Kämpfe, Wahrnehmungen, Verzweiflungen etc. der Filmemacher dar, authentisch und nachvollziehbar. Mir ist aber zunehmend aufgefallen, dass ich keine Natur - Dokus mehr sehen mag, weil mir diese künstlich erzeugten Geräusche auf die Nerven gehen. Mich interessiert das Unverfälschte, wenn z.B. mit dem Tele Tiere im Wasser gezeigt werden, was sollen dann Geräusche aus der Badewanne oder sonstiges nachgemachtes Wassergeplätscher? So etwas empfinde ich als Fake, insbesondere da es in den Dokus zumeist einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit gibt. Derartiges ist ein Äquivalent zu Geschmacksverstärkern in Nahrungsmitteln, die schlechten, faden Produkten durch chemische Manipulation an der Zunge eine Qualität suggerieren sollen, um verkaufen zu können. Wenn ein Wiesel über eine Wiese huscht, dann will ich kein künstliches Geraschel oder Getapse hören, auch keine nachgemachten Schmatzgeräusche, wenn das Tier eine Beute vertilgt, dann lieber gar nichts, einfach nur die jeweilige Atmo. Mit anderen Worten, deine Kunst und dein Bemühen tragen dazu bei, dass ich die Filme nicht sehen mag.

Dir und allen jetzt Empörten sei zur Beruhigung gesagt: Ich behaupte nicht, dass deine Kunst schlecht ist, oder dass meine Darstellung allgemeingültig sein sollte, ich will auch nicht behaupten dass es schlecht ist, Filme derart aufzupeppen, stattdessen ist dies lediglich eine gänzlich subjektive Wahrnehmung, wenn anderen so etwas gefällt und Filme mit solchen Beigaben erwünscht sind, dann ist es eben so. Ich esse keine Nahrung mit Geschmacksverstärkern und sehe solche Filme nicht, aber das ist nicht weiter relevant, es ist dies eben eine komplett subjektive Wahrnehmung und für dich lediglich ein anderer Aspekt jenseits des Technischen.




Thoma
Beiträge: 48

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von Thoma » Fr 19 Nov, 2021 23:37

Hallo phiox,
ich respektiere deine Meinung, möchte aber doch einiges zu bedenken geben:
1) Story, Bild (incl. Licht) und Ton sind die 3 elementaren Elemente eines jeden Films. In der Regel bewertet jeder Zuschauer, ob bewußt oder unbewußt, danach dein Werk.
2) Mit deiner momentanen Einstellung zu Ton dürfte es Bildmaterial mit Tele gar nicht geben. Du müßtest alles mit 50 mm drehen, denn nur dann stimmt der Kameraton in etwa (allerdings nicht die Lautstärke, die hängt wiederum von deiner Preamp-Verstärkung ab) mit dem Gesehenen überein. Filmst du mit starkem Tele, sagt dein Ohr/ Gehirn sofort: Bild und Ton passen nicht. Unser Gehirn ist nämlich sehr stark darin, Geräusche nach Frequenzanteilen, Lautstärke und Hall- und Delay-Anteilen in der Entfernung zu beurteilen. Du kommst in einem professionellen Naturfilm also alleine aus Gründen der akustischen Logik nicht um die Nachvertonung herum.
3) Geschmacksverstärker, die ich nicht haben will, sind Flugzeuggeräusche, Motorsägen, Autos etc, wenn sie in der Szene keine Rolle spielen, oder man sie nicht im Bild sieht. Die Originaltöne im Naturfilm bestehen heute aber in der Regel zu über 90% daraus...

Das waren so meine Gedanken, wieso ich mich intensiv mit Nachvertonung beschäftige. Ich hoffe, ich konnte zumindest ein paar Anregungen zum Thema liefern.
Lieben Gruß
Thomas




Darth Schneider
Beiträge: 9066

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von Darth Schneider » Sa 20 Nov, 2021 07:23

Also ich finde das selbstverständlich das man Natur Dokus auch nachvertont, auch sehr cool und kreativ ist das doch.
Das inspiriert mich persönlich und macht Lust das auch mal zu probieren.
Und da man die Tiere schlecht ins Ton Studio mitnehmen kann, ist doch selber machen der einzige wirkliche Weg zum Ziel.;)
Das jetzt Tier Sendungen einen wissenschaftlichen Anspruch haben müssen wusste ich nicht. Ergibt selbstverständlich schon auch Sinn. Aber da es unmöglich ist so nah bei den Tieren zu sein und zu lauschen wie die tönen, müssen die Filmemacher doch ganz einfach schummeln…
Sonst wird es ein Stummfilm.

Ausserdem ich will gar nicht wissen was bei teuren Natur Dokus alles so geschummelt wird, und schon gar nicht das dabei womöglich auch noch Tiere gequält werden…
Wir kennen doch die Spezies Mensch, sie geht für Geld über Leichen.
Gruss Boris
Ich werde der dunklen Seite widerstehen und mir die Pocket Pro heute nicht kaufen !




phiox
Beiträge: 4

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von phiox » Sa 27 Nov, 2021 15:10

Thomas uns Boris - erfreulich, dass wir hier sachlich kommunizieren, das ist konstruktiv und macht dann auch Sinn

der Beitrag ist etwas umfänglich geworden, aber niemand muss es lesen, in diesem Forum ist so eine Ausführung wohl ohnehin etwas deplatziert, wie mir scheint

Thomas,

zu deinem ersten Punkt: „ Story, Bild (incl. Licht) und Ton sind die 3 elementaren Elemente eines jeden Films. In der Regel bewertet jeder Zuschauer, ob bewußt oder unbewußt, danach dein Werk.“

klar, Film besteht aus diesen Elementen, daher sollten alle drei stimmen, auch der Ton, und der gefällt mir eben nicht, wenn er Fake ist, zumindest in diesen Doku Filmen, die uns die Natur zeigen wollen. In fiktionalen Filmen ist dies natürlich etwas ganz anderes.

Zu Punkt zwei: „Mit deiner momentanen Einstellung zu Ton dürfte es Bildmaterial mit Tele gar nicht geben.“

Selbstverständlich kann ich Tele filmen und habe dann eben die Atmo als akustischen Raum. Gerade habe ich in einen Film von Kieling hineingeschaut, der zufällig im TV lief. Im Tele: Es gab u.a. einen Tiger in Indien, er lag im Wasser, dann bewegte er sich hinaus und begab sich im Gras auf die Pirsch. Dazu gab es weder Wassergeräusche, noch Getapse und auch kein Rascheln von trockenen Gräsern zu hören, stattdessen hörte man lediglich Vögel, die dort im Dschungel die Atmo geben und die man eben auch hört, wenn man den Tiger beobachtet. Das finde ich vollkommen okay, alle Kunstgeräusche hätten mich gestört, wären eben nur Fake.

Du schreibst: „Du kommst in einem professionellen Naturfilm also alleine aus Gründen der akustischen Logik nicht um die Nachvertonung herum.

… na eben doch, Kieling ist einer der bestrenommierten Filmemacher und er arbeitet sehr professionell, ein prominenter Name in diesem Metier. An den Bildern, inklusive Ton, stimmt nach meinem Empfinden alles, ich habe beim betrachten keinerlei Dissonanzen verspürt. Jetzt weiß ich nicht, ob er es immer so macht, es würde an meiner Kritik aber nichts ändern, wenn auch er künstlich generierte Geräusche verwenden würde. Who knows, ob es da nicht eventuell auch irgendwelche Rechtslagen und Verträge gibt, die zu solchen Modifikationen nötigen.

Zu drei: Du möchtest deine akustischen Produkte von Geschmacksverstärkern absetzen und versuchst dies, indem du letztere unzutreffend charakterisierst:

Geschmacksverstärker, die ich nicht haben will, sind Flugzeuggeräusche, Motorsägen, Autos etc, wenn sie in der Szene keine Rolle spielen, oder man sie nicht im Bild sieht.“

Das sind für die Natur Fremdgeräusche, die nicht von Vögeln oder anderen Tieren kommen. Geschmacksverstärker versuchen aber nicht Tomatensuppe mit Terpentin oder Diesel zu verfremden, sondern sie wollen Aromen erzeugen, die zu den Tomaten gehören, jedoch mangels Qualität nicht vorhanden sind. Deine Charakterisierung mit Motorgeräuschen entspricht nicht der Funktion von Geschmacksverstärkern, die Beispiele sind das Gegenteil, eine Verfremdung die einem Vergällen entspräche.

Du aber versuchst Geräusche zu produzieren, die keine Fremdgeräusche sein sollen, sondern analog zu den fehlenden Aromen der Tomatensuppe vorgeben, zu dem eigentlichen Produkt zu gehören, nur leider sind es Kunstgeräusche, wiederum analog zu den chemischen Kunstprodukten der Geschmacksverstärker.

Nach meinem Eindruck ist es die Logik der Vermarktung, die hier das Produkt und die Produktion bestimmen. Wenn der Handel die Nahrungsproduktion permanent mit weiteren Chemikalien ergänzt, dann versucht er dies mit der Phrase zu legitimieren, dass der Verbraucher es so wünscht. Damit kaschieren sie aber nur, dass sie die Verbraucher täuschen, um möglichst gewinnbringend Produkte zu verkaufen. Deine Geräusche sind Täuschung und sie dienen der besseren Vermarktung. Damit setze ich dich lediglich analytisch gleich, eine Bewertung oder ethische Gleichsetzung will ich nicht vornehmen.

Nach wie vor will ich niemandem etwas vorschreiben, oder diese Dinge allgemeingültig als negativ beurteilen, aber ebenso wie ich diese Produkte im Detail subjektiv ablehne, so lehne ich es ab, dass die Logik des Marktes unsere Kultur vereinnahmt oder gar dominiert, ein klassischer Begriff lautet Kommerzialisierung. Es ist also eine Idiosynkrasie, die aber schon diesen Nexus zum großen Ganzen aufweist, somit in sozialphilosophische Aspekte der Gesellschaftskritik verweist. Das ist jetzt ein jäher Sprung in eine Makroperspektive und hat etwas von dem bekannten Narrativ über den Flügelschlag eines Schmetterlings.

An Boris:

Deine Ansicht: „ Aber da es unmöglich ist so nah bei den Tieren zu sein und zu lauschen wie die tönen, müssen die Filmemacher doch ganz einfach schummeln…Sonst wird es ein Stummfilm.“

Das habe ich oben mit Kieling beantwortet, und wenn du das Wort `schummeln` benutzt, gibst du mir Recht, es ist Fake und ein Dokumentarfilmer sollte nicht täuschen. Nebenbei bemerkt, 'schummeln' ist eine Bezeichnung, die verharmlost, Kinder schummeln bei Spielen und das tolerieren wir, zumindest ist dies kein grobes moralisches Fehlverhalten, Täuschung wäre in unserem Kontext zutreffender. Es gab kürzlich einen solchen Skandal, ein preisgekrönter Dokufilm, die Filmemacherin hatte getäuscht, ich meine diesen Film über die Prostituierten in Wohnmobilen, mir fällt der Titel gerade nicht ein. Das war eine andere Art von Fake, besagt aber, dass Dokus keinen Fake enthalten sollten, es sei denn man zeichnet sie entsprechend aus, etwa mit 'augmentet reality' oder ähnlich. Das ist dann aber schon ein andres Genre.

Weiter schreibst du: “Ausserdem ich will gar nicht wissen was bei teuren Natur Dokus alles so geschummelt wird, und schon gar nicht das dabei womöglich auch noch Tiere gequält werden…Wir kennen doch die Spezies Mensch, sie geht für Geld über Leichen.“

Dazu zwei Entgegnungen, sie sind einander etwas ähnlich:

- Wenn es andere gibt, die gar noch Schlimmeres machen, ändert das etwas an der Qualität dieser hier diskutierten Produktion, oder an der Kritik daran?

- Wenn es solche Abgründe gibt, in die sich einige begeben, sollte dies dann unsere Referenz sein? Sollten wir uns an solchen Verhaltensweisen orientieren, um unsere Richtung und unsere Maßstäbe zu finden?

Interessant ist es an dieser Stelle, dass dein Beispiel (über Leichen gehen), nicht zu einer massiven Abgrenzung führt, etwa mit der Haltung: 'keinen Millimeter werde ich in diese Richtung gehen'. Stattdessen passiert das Gegenteil, die moralischen Abgründe werden genutzt, um in diese Richtung gehende Handlungsräume zu legitimieren, etwa mit der Argumentationsfigur: 'das hier ist ja vergleichsweise nicht so schlimm wie jene Leichen'. Legen wir den Fokus einmal auf diese Mikroperspektive, dann frage ich mich, warum kommt es zu einer solchen Maxime? Mir scheint, die Rationalität des Marktes, hat hier eine Fernwirkung die bis hinein in ein Detail dieser Art wirkt. Du bist in diesem Kontext Marktteilnehmer und jeder will doch auch ein 'Guter' sein, daher kommt der seichte, unsichtbare und interne Druck, die Dinge etwas anders sehen zu wollen. Hinzu kommt, dass ein Mainstream eine normative Gravitationskraft entfaltet, nur weil er Mainstream ist, es werden Dinge tolerabler, da sie doch so weithin bestätigt sind. Das soll hier aber nur als eine mögliche Hypothese stehen, nicht als Behauptung.

Boris und Thomas, interessant finde ich an dieser Stelle, dass eine Weichenstellung stattfindet, ausgehend von diesen kleinen Geräuschen. Während bei euch ein Nexus zum Markt gegeben scheint, ihr möchtest dort mit den Produkten reüssieren, ist bei mir von dieser Stelle ausgehend ein Nexus zur Gesellschaftskritik gegeben und prompt ergeben sich unterschiedliche Bewertungen und Handlungsmaxime. Es erleichtert unsere Diskussion, dass es hier um nicht sehr bedeutsame Details geht, nicht um Leichen, sondern um Fake-Geräusche, daher kann ich es leicht hinnehmen, wenn ihr so weiter macht.

Somit also muss ich bekennen, meine Wahrnehmung und Wertung dieser Details in der Mikroebene stehen unter einer Fernwirkung, wie ich sie oben hypothetisch angenommen habe. Nicht aber eine Fernwirkung der Marktlogik, sondern aus einem theoretischen Konstrukt der Gesellschaftskritik, etwa zu verorten mit der 'Kritischen Theorie'. Die ökonomische Rationalität, tendenziell freigesetzt von normativen Diskursen und moralischen Limitierungen, frisst sich wie ein unsichtbares Pilzmyzel normsetzend in unsere Lebenswelt und Kultur, solche Fäden dringen vom System in die feinen Kapillaren, in die Mikroebene, in der Wertungen, Entscheidungen und die Konstruktion von Weltbildern stattfinden. Das findet chronisch statt, schleichend, unterhalb des kognitiven Radars, mit einer unheilvollen Unsichtbarkeit *** es Lebenswelt und Kultur. Diese meine Darstellung ist ähnlich der Kolonialisierungsthese von Habermas, allerdings will ich mit meinem Krümel Analyse keine Vergleiche ziehen zu so einem gewaltigen Theoriegebäude.

Dann könnte man sagen, - so what - kein Grund zur Aufregung, wir entscheiden uns an diesem Punkt marktaffin und können so weitermachen, unser Produkt lässt sich verkaufen, an Kunstgeräuschen geht die Welt nicht unter und du biegst an dieser Stelle eben anders ab. Das mag wohl sein, aber von diesen Fäden jenes Pilzmycels und den damit affizierten Entscheidungen gibt es Milliarden täglich, wenn damit die Ökonomie dominant und subkutan die Welt gestaltet, dann wird aus den Fäden ein Strick an dem sich die Welt erhängt. Dass dies nicht nur Dystopie ist, sondern Realität, erfahren wir in dieser Zeit immer deutlicher. Um mich dem zu widersetzen bin ich etwas hartnäckig, sobald ich diesen Kontext zu ersehen glaube, beispielgebend - ungleich bedeutsamer und mutiger - ist etwa die kleine große Greta, sie biegt auch an einer Stelle ab und segelt nach New York, statt zu fliegen, großartig.

Es gibt also drei Ebenen meiner Kritik:

- die Fakes stören mich, gerade auch, weil der Markt sie mir hinwirft (Ästhetik)

- keinen Millimeter gebe ich einem Raum in dem am Ende Leichen liegen, wie Boris schreibt (Ethik)

- die destruktive, totalitäre Dominanz des Marktes erfordert Gegenwehr und politische Visionen u.a. aus dem Kreis der Kulturschaffenden (Politische Ebene)

Damit sind die harmlosen Geräusche jetzt idiosynkratisch überhöht, klar, die sind viel zu harmlos. Zudem wäre diese Diskussion eigentlich überdimensioniert, wäre da nicht diese Verbindung von Ästhetik und Kulturschaffen mit dem Politischen. Das ist für mich das eigentlich relevante in diesen Überlegungen, im Kulturschaffen und der Lebenswelt die politische Perspektive einzubeziehen und das ist hier nur einmal exemplarisch geschehen. Ob das nun gelungen ist, kann ich nicht sagen, sollte es gelungen sein, dann erhöht es vielleicht die Aufmerksamkeit und Sensibilität hinsichtlich dieser Perspektive, das hielte ich für relevant, die Diskussion wäre damit konstruktiv und sinnvoll.

Kurz will ich noch erwähnen, Thomas und Boris, kritisch und ablehnend bin ich hier nur gegenüber den politischen Strukturen und Realitäten, gegen euch habe ich gar nichts. Das sei nur bemerkt für den Fall, dass ich mich missverständlich ausgedrückt habe.

Zudem bin ich nun hoffnungslos off-topik in einem technischen Forum. Um dem dystopischen Tenor, der natürlich in Bezug auf Kunstgeräusche überzogen ist, etwas Schönes beizufügen, möchte ich hier mit den Musikern 'Kummer' enden, die kürzlich bei Jan Böhmermann waren und der Dystopie einfach eine Ermutigung entgegensetzten: „ … die Menschen sind schlecht und die Welt ist am Arsch, aber alles wird gut, das System ist defekt, die Gesellschaft versagt, aber alles wird gut, dein Leben liegt in Scherben und das Haus steht in Flammen, aber alles wird gut, es fühlt sich nicht danach an, aber alles wird gut …..“

Das sangen sie mit Kunstgeräuschen, die mir allerdings sehr gut gefallen, wenn ihr auch solche Geräusche machen würdet, dann fände ich das großartig!
Zuletzt geändert von phiox am So 28 Nov, 2021 12:05, insgesamt 1-mal geändert.




pillepalle
Beiträge: 4597

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von pillepalle » So 28 Nov, 2021 10:07

@ phiox


Kann Deine Kritik überhaupt nicht nachvollziehen, zumal ein Film immer eine äußerst subjektive Angelegenheit ist, egal wie sehr man um Objektivität bemüht ist. Aber das ist eine eher philosophische Frage, als eine Gestalterische.

Wenn man ein Motiv mit einem Teleobjektiv näher heran holt, warum sollte man das gleiche nicht auch mit dem Ton machen? Dann passt der Ton auch zum Bild. Eine Ansicht mit einem Teleobjektiv ist ohnehin bereits eine unnatürliche Art des Sehens. Zumindest für uns Menschen. In Wirklichkeit wäre ein weit entferntes Tier für uns winzig klein und dann würden wir auch wenig von ihm hören. Genauso wie man Zeitlupen oft nicht als Stummfilme abspielt, sondern mit Ton unterlegt. Und natürlich ist der Ton dann meist auch künstlich generiert. Aber der Ton macht eben auch einen wesentlichen Teil eines Filmerlebnisses aus.

VG
Ich bin mit der Z6II zufrieden. Ich bin mit der Z6II zufrieden. Ich bin mit der Z6II zufrieden... :)




phiox
Beiträge: 4

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von phiox » So 28 Nov, 2021 12:23

hi pillepalle, du schreibst:"Wenn man ein Motiv mit einem Teleobjektiv näher heran holt, warum sollte man das gleiche nicht auch mit dem Ton machen? "[/i]

Da bin ich vollkommen d'accord, das wäre doch auch meine Position, solchen Ton zu verwenden, das hat aber nichts zu tub mit dem Fake der hier diskutiert wird. Dieser 'herangezoomte' Ton wird doch gerade nicht verwendet, sondern ein künstlich generierter. Es wundert mich. dass du dies scheinbar anders verstanden hast, da es doch in der gesamten Diskussiob um eben diesen Punkt geht.




pillepalle
Beiträge: 4597

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von pillepalle » So 28 Nov, 2021 12:45

@ phiox

Den Ton kann man aber nur 'künstlich' heran holen, denn kein Mikrofon hat so eine hohe Reichweite. Selbst mit stark färbenden Parabol-Mikrofonen kommt man meist nicht weit genug. Und ein Mikrofon in der Nähe zu platzieren ist ja meist (aufgrund der Fluchtdistanz oder unnatürlichem Verhalten) auch nicht möglich.



Zudem gibt es für uns ja oft keine wirklich hörbaren Geräusche, z.B. bei Insekten, oder im Makrobereich. Auch da wäre ein Film ganz ohne Ton recht unbefriedigend. Ich glaube es gibt kaum einen Film, in dem nicht an irgendeiner Stelle der Ton auch mal gefaked wird. Die meisten Naturdokus haben ja auch eher Unterhaltungs-Charakter (keinen rein wissenschaftlichen Anspruch), in denen dem Zuschauer ein 'Best Of' aus oft monatelanger Arbeit präsentiert wird. Da braucht es zu spektakulären Bildern eben auch spektakulären Sound.

Das genaue Gegenteil ist eine fest intallierte Kamera, die einfach filmt, was an ihr vorbei läuft. Aber das ist eine eher langweilige Art des Naturfilms.



VG
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Thoma
Beiträge: 48

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von Thoma » So 28 Nov, 2021 14:17

Und man darf nicht vergessen, daß der Ton einfach nur näher herangeholt, ganz andere Hall- und Delay-Anteile besitzt, als uns das Tele in der nahen Entfernung vorgaukelt. Das ist mein Ansatz, weswegen Nachvertonung für mich absolut Sinn macht.
Lieben Gruß
Thomas




Darth Schneider
Beiträge: 9066

Re: Nachvertonung von Geräuschen - Blick hinter die Kulissen eines Naturfilmers

Beitrag von Darth Schneider » So 28 Nov, 2021 15:28

Der Ton im Film sollte doch grundsätzlich, bei jedem Film die, die Story und die Bilder unterstützen und eine Atmosphäre und eine Stimmung dabei erschaffen.
Ich denke dabei spielt es überhaupt keine Rolle ob der Tom nun echt oder nachträglich gemacht wurde.
Weil 99% vom Publikums ist das schlicht und einfach egal.
Und wer Filme nachvertont hat ganz klar viel, viel mehr Möglichkeiten….

Und wenn wir über echt oder nicht echt, über authentisch, in Natur Dokus diskutieren….
Die Filmmusik ist draussen in der Natur auch nicht vorhanden, jedoch in den allermeisten Natur Dokus aber schon, auch in solchen die sehr realistisch sein wollen…
Film ist doch immer irgendwo eine Show….Soll ja auch so sein.

Gruss Boris
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