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Grundlagen : Megatrend oder Nischen-Technologie? - Cloud-Services in der Videoproduktion

von Fr, 29.April 2022 | 3 Seiten (Artikel auf einer Seite)


Zentraler Speicher
Automatische Proxys
Camera to Cloud
Clips kommentieren und Teilen
Projekte gemeinsam bearbeiten
Fazit



Die diesjährige NAB 2022 hatte nach ihrer erzwungenen Corona-Pause erstaunlich wenig Neues im Gepäck. Tatsächlich hat es letztlich wirklich nur ein Thema geschafft, als offensichtlicher Trend auf der Messe eine dominante Rolle zu spielen: Die Cloud. Oder besser gesagt, Cloud-Lösungen, die speziell für die Videoproduktion angeboten werden.

Dabei ist das Thema an sich keinesfalls neu, sondern hat sich bereits in den letzten Jahren immer wieder an verschiedenen Stellen der Branche blicken lassen. Neu ist allerdings offensichtlich das gesteigerte Interesse an funktionierenden Lösungen, was Adobe letztlich dazu bewogen hat, einen der Pioniere auf diesem Gebiet (Frame.io) komplett für über eine Milliarde Euro zu übernehmen, anstatt intern eine eigene Lösung zu entwickeln.



Auf der einen Seite ist dieser Schritt durchaus verständlich, da man auf diese Weise gleich die aktuellen Kunden eines funktionierenden Produkts übernehmen kann. Auf der anderen Seite wirkt die technische Umsetzung der bisher verfügbaren Lösungen von Frame.io nicht wie eine mächtige Programmieraufgabe. Denn viele Firmen haben sich bereits in den letzten Jahren eigene, nicht unähnliche Cloud-Funktionalitäten mit ein paar Scripts und etwas Netzwerktechnik selber zusammengestrickt. Worin könnte der spezielle Wert der neuen Workflows liegen, die Frame.io oder Blackmagic nun zur NAB als große Neuigkeit ankündigen?



Was ist denn die Cloud bei der Videobearbeitung?



Schon unter der Definition des Begriffs versteht jeder Hersteller in ersten Linie die Funktionen, die er selber bereitstellen kann. Deswegen macht es wohl am meisten Sinn, erst einmal einen Überblick darüber zu gewinnen, wo die Cloud in Zukunft bestehende Workflows ergänzen, bzw. sogar ersetzen kann.



Zentraler Speicher



Breitester Konsens bei der Definition ist die Bereitstellung von zentralem Speicherplatz für Clips und Assets, der -in der Regel ausreichend gut gesichert- von vielen Teilnehmern gleichzeitig genutzt werden kann. Dies kann einen Zugriff über das Internet bedeuten, jedoch fallen auch Inhouse-Lösungen im eigenen Intranet darunter. In der Regel unterstützt ein modernes Cloud-Produkt beide Zugriffsvarianten.

Entsprechende Lösungen gibt es bereits seit Jahren, weshalb die neuen Lösungen zur NAB nicht unbedingt durch spezielle Hardware herausstechen, sondern vielmehr durch spezielle Einbindung in Applikationen glänzen müssen.

Frame.io/Adobe vermieten den benötigten dezentralen Speicherplatz als Dienstleistung, Blackmagic bietet gleichzeitig Hardware-Lösungen an, um mit möglichst wenig Aufwand auch eine eigene Cloud aufbauen zu können.



Daneben können einige Cloud-Services mit unspezifischen Cloud-Dienstleistern wie Dropbox genutzt werden. Doch natürlich kommt es für Videobearbeiter primär darauf an, was man mit den online abgelegten Daten praktisch anstellen kann.



Automatische Proxys



Die vielleicht wichtigste spezifische Cloud-Funktionalität für Videoanwendungen ist die Proxy-Verwaltung im Hintergrund. Hierunter versteht man Funktionen, die über das Netz besonders schnell kleingerechnete Vorschau-Clips bereitstellen können. Ein Schnitt-, Grading- oder Compositing-Programm sollte solche Proxys (er)kennen und wie die zugrunde liegenden Original-Clips behandeln. Sobald die speicheraufwändigen Originale im Hintergrund heruntergeladen sind, sollte das Programm die Proxies in der Timeline automatisch und ohne weitere Aktion des Anwenders unauffällig ersetzen.



Camera to Cloud



Noch einen Schritt weiter will Frame.io seit über einem Jahr mit Camera to Cloud (C2C) gehen. Wie Frame.io selbst in früheren C2C-Präsentationen gesagt hat, ist das Hauptargument für Camera to Cloud die Ungeduld. Die Clips sollen nach dem Dreh so schnell wie möglich in der Timeline landen.

Wohlgemerkt geht es dabei nicht um eine Live-Situation wie bei Broadcast/Streaming, sondern um den schnellen, unmittelbaren Schnitt nach dem Dreh. Inwieweit es wirklich zahlreiche zeitkritische Produktionen gibt, die nicht in das Live/Broadcast-Umfeld fallen, bleibt abzuwarten. Bequem ist es natürlich allemal, wenn alle Teammitglieder bereits kurz nach dem Dreh kompletten und zentralen Zugriff auf die produzierten Clips haben. Wenn dies allerdings mit allzu hohen Kosten verbunden ist, werden kleinere Teams wohl dankend abwinken. Und One-Man-Shows haben sowieso sehr wenig praktische Vorteile von dieser Technologie, da diese ja immer direkt mit dem Aufnahmemedium losarbeiten können. Schneller und günstiger als Speicherkarte raus und in den Laptop rein kann für sie C2C niemals sein.

Solange auch nur ein Laptop mit Internetanschluss in der Nähe ist, kann man theoretisch die Aufnahmen auch über diesen automatisiert in eine beliebige Cloud hochladen, sobald eine Speicherkarte eingesteckt wurde. Auch das funktioniert schon seit Jahren.



Clips kommentieren und Teilen



Eine der bisher erfolgreichsten, und definitiv schon bewährten Cloud-Lösungen für Videobearbeitung stellt das kollektive Teilen und kommentieren eines Videoclips dar. So kann man beispielsweise einem Auftraggeber eine Version der eigenen Arbeit in einem speziellen Viewer präsentieren, in dem dieser Anmerkungen und Korrekturvorschläge hinterlassen kann. Gemeinsames Live-Scrubben sowie Live-Chat Funktionen sind als spezielle Funktionen ebenfalls gerne gesehen.

Frame.io gilt als Pionier dieser Cloud-Applikationsgattung, die nun auch direkt in Premiere Pro integriert wurde. Unter anderem für DaVinci Resolve gibt es ebenso eine Frame.io Unterstützung. Dennoch hat Blackmagic nun (noch) eine weitere, nicht integrierte App namens "Presentations" vorgestellt. Und es gibt auch schon länger branchenfremde Mitspieler
wie beispielsweise der Replay-Service von Dropbox.





Projekte gemeinsam bearbeiten



Doch natürlich geht in diesem Zusammenhang die Idee der Kollaboration in der Cloud noch viel weiter. So können sich nicht nur Kunde und Produzent, sondern auch Teams innerhalb eines Projekts gemeinsam über derartige Tools austauschen und gemeinsam an einer Timeline arbeiten. Wichtig wird in diesem Fall eine zentrale Projekt- (und Versionsverwaltung), die alle Mitarbeitenden immer mit Versionen auf dem aktuellen Stand arbeiten lässt. Gegenüber einer kollektiven Web-Viewers mit Chat-Funktion erfordert dies natürlich eine viel tiefere Verzahnung innerhalb der produktiven Applikationen.

In diesem Punkt beispielsweise zeigte Blackmagic auf der NAB 2022, wie Clips und deren Variationen auf kollektiven Timelines automatisch synchronisiert werden. Da DaVinci Resolve Schnitt-, Compositing-, Grading- sowie Audio-Funktionen "unter einem Dach" bietet, können hier tatsächlich viele Schritte eines Projekts mit vielen Remote-Mitarbeitern unter einer zentralen Projekthaube zusammengeführt werden.

Blackmagic will hierfür die Online-Dienstleistung zum Kampfpreis anbieten. Die Fünf Dollar/Monat pro Projekt soll zudem nur der Host des Projektes aufbringen müssen, eine unlimitierte Anzahl an Projekt-Zuarbeitern sind kostenlos im Boot. Etwas unklar ist, ob man hierfür noch grundsätzlich einen zusätzlichen Dienst wie Dropbox benötigt. Wer auf strikte Datensicherheit aus ist, soll mit Blackmagic Tools jedoch auch seine eigene Cloud aufbauen können.



Fazit



Obwohl Cloud-Services für die Videobearbeitung schon seit einer Zeit im Gespräch und auch im Einsatz sind, fokussieren sich die Hersteller seit dieser NAB noch einmal verstärkt auf dieses Thema. Da unter den Begriff "Cloud" jedoch die erwähnten sehr unterschiedlichen Anwendungen fallen, macht ein direkter Vergleich der einzelnen Clouds nur begrenzt Sinn. Stattdessen wird es immer eine individuelle Entscheidung bleiben, ob eine spezielle Cloud-Anwendung für das eigene Projekt sinnvoll zu nutzen ist. Wir werden daher in naher Zukunft spezielle Cloud-Anwendungen für euch noch näher beleuchten...


  

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