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Fokus Indie-Film : Sag dem Wind, dass ich bald komme -- Workflowstrategien und Kamera-Setup bei einer Langzeitdoku

von Mo, 6.August 2018 | 3 Seiten (Artikel auf einer Seite)


Wie es zu dem Film kam / Von der Canon EOS 60D zur Sony FS7
Workflows, Postproduktion und Farbkorrektur / Wie zieht man so ein Projekt durch?



Der Traum vom selbstgebauten Boot, das nicht fertig werden will als große Lebensmetapher: "Sag dem Wind, dass ich bald komme" ist ein sowohl technisch wie auch inhaltlich hoch-spannendes, 90-minütiges Indie-Dokumentarfilmprojekt von Erik Wittbusch und Till Hartmann, bei dem es viel zu lernen gibt. Über mehrere Jahre hat das Autorenduo den DIY-Bootsbauer und trickreichen Erfinder Per bei seinem Mammutprojekt (mit ganz unterschiedlichen Kameras) begleitet. Wir haben mit Erik und Till u.a. über Interviewkonzepte, Authentizität vs technische Perfektion, Filmlook, Materialorganisation, Lieblingskameras, Postproduktion uvm. gesprochen.

Herausgekommen ist ein sehr informatives und technisch detailreiches Interview, das wir allen angehenden Dok-Filmern nur ans Herz legen können.

Erik, Till und Per


Dass so ausführlich über das eigene Filmprojekt Auskunft gegeben wird, ist nicht selbstverständlich. Erik und Till sind selbst slashCAM-Leser und sehen dieses Interview auch als Beitrag für die Filmer-Community für all diejenigen, die ebenfalls mit einem eigenen Doku-Projekt in den Startlöchern stehen.

Vielen Dank an dieser Stelle an Erik und Till.

Vorab der Trailer zu „SAG DEM WIND, DASS ICH BALD KOMME“, der demnächst vielleicht auch im Fernsehen zu sehen sein wird - wir drücken die Daumen!





Wie es zu dem Film kam / Von der Canon EOS 60D zur Sony FS7



Per, der Protagonist eures Films, ist eine beeindruckende Persönlichkeit: Verletzlich und stark zugleich – Wie seid ihr auf ihn und seine entbehrungsreiche Arbeit am Traum von der großen Reise im selbstgebauten Boot gestoßen?
Till hat Per durch einen engen Freund kennengelernt und mit ihm seine damalige Bootsbaustelle besichtigt. Damals lebte Per noch mit seiner Frau Petra zusammen. Monate später erfuhr er dann, dass Per und Petra sich getrennt hatten und Per inzwischen auf sein Schiff gezogen war. Till erzählte mir davon und wir entschieden uns spontan, Per einen Besuch zur Recherche abzustatten.

DIY Bootsbauer Per in "Sag dem Wind, dass ich bald Komme" von Erik Wittbusch und Till Hartmann


Als wir dann dort ankamen, waren wir wirklich beeindruckt von den Dimensionen und der Pionierarbeit, die Per da leistet. Gleichzeitig waren wir natürlich auch daran interessiert, warum Per das eigentlich alles auf sich nimmt und die Idee zum Film war geboren. Der Aspekt der vielen Entbehrungen und die soziale Komponente wurden dann erst im Laufe der Dreharbeiten so wichtig.

Wie lange habt ihr Per begleitet?

Wir haben Per im Rahmen des Films das erste mal im März 2013 besucht.
Ursprünglich war das nur als kleine Recherche-Reise geplant, wo wir primär Ideen zur Umsetzung des Films und eine Vorstellung von seinem Vorhaben gewinnen wollten.

Wir hatten damals noch keine eigene Ausrüstung und haben dann einfach Tills Canon 60D mit einem Objektiv und einem einfachen Einbein zur Stabilisierung mitgenommen. Da wir die Gespräche bzw. Interviews aber sicherheitshalber doch aufzeichnen wollten, haben wir uns noch ein Richtmikro und ein einfaches Ansteckmikrofon von Freunden geliehen.

Tatsächlich sind dann in dieser Reise sehr wichtige Szenen entstanden, die auch im fertigen Film die komplette Einführung von Per und seinem Vorhaben beinhalten. Gerade dieser extreme Sturm mit dem Schnee stellte sich als einzigartige Kombination heraus. So ein Wetter haben wir dann leider nicht mehr angetroffen.
Und auch der erste Kontakt zu Per und seine Reaktion auf uns war logischerweise einzigartig. Wir haben uns ja im Verlauf der Dreharbeiten immer besser kennen gelernt.

Mit welchen Kameras und Objektiven habt ihr gefilmt? Wo lagen beim Arbeiten mit den verschiedenen Kameras die Herausforderungen und wie habt ihr sie gelöst?

Wie gesagt sind wir ja zunächst ein wenig in das Projekt reingestolpert...
Im Laufe des Drehs haben wir insgesamt vier verschiedene Kameras genutzt, die zwar sensorseitig immer S35 bzw. APS-C boten, aber sonst sehr starke Unterschiede aufweisen.

Am Anfang drehten wir mit der Canon EOS 60D. Die war einfach schon vorhanden und hatte durch das dreh- und schwenkbare Display in der Bedienung schon einige Vorteile, die mir wichtig waren.
Drehen mit der 5D Mark II hieß für mich immer mit der Kamera auf Augenhöhe bleiben zu müssen, was sehr unvorteilhaft sein kann. Bei allen DSLRs musste man damals Kompromisse in der Auflösung und Dynamik machen, weshalb uns die Kamera als Dokukamera mit available Light nicht gerade ideal erschien.


Also kaufte ich eine neue Kamera, die preislich noch im Rahmen lag. Die Sony NEX-EA50, die mit wirklich guter Ergonomie und voller Tonabteilung punkten konnte und über den Metabones Adapter auch das Canon-Objektiv optimal unterstützte.

Vor allem der expanded Focus während der Aufnahme war und ist für mich bis heute ein super Feature in kompakten Doku-Setups. Eigentlich eine super Kamera, wären da nicht doch die Kompromisse in Sachen technischer Bildqualität gewesen.


Als ich dann Ende 2013 günstig eine gebrauchte Sony NEX-FS100 ergattern konnte, waren wir bildtechnisch endlich auf dem Niveau, wo wir sein wollten. Ich habe damals wg. des begrenzten 8bit AVCHD-Codecs bereits sehr viel Zeit mit den Bildprofilen der Sony experimentiert und mir dann letztlich ein Tageslichtprofil und ein Lowlight-Profil gebastelt, wo ich dann bei Bedarf nur noch den Schwarzwert auf das Motiv angepasst habe. Dadurch konnte ich die nutzbare Dynamik immer optimal ausnutzen. Das Thema fehlende ND-Filter konnte man mit einem guten VarioND umgehen, mit dem Codec konnten wir leben.
Mit der FS100 habe ich dann auch mehrere primär dokumentarische Projekte gedreht. Das Bild muss sich aus technischer Sicht bis heute nicht verstecken, solange in der Post nicht zu viel verbogen werden soll oder in 4k gemastert wird.

Erst 2015 kam dann mit der Sony FS7 die vermeintliche Traumkamera raus. Ich beschloss zu investieren und hielt eine der ersten offiziell ausgelieferten FS7 in der Hand. Die FS7 versammelte alles, wovon ich so träumte: Kompakt, relativ leicht, 10bit-Codec, hohe Auflösung und super Dynamik bei relativ geringem Preis.
Tatsächlich ist die FS7 bildqualitativ nochmal ein gutes Upgrade gewesen, Im Film selbst ist dann aber gar nicht soviel davon zu sehen. Erstens hatten wir die FS100 schon sehr gut im Griff, zweitens haben wir im Grading ja bewußt sehr zurückhaltend mit Kontrast und Farbe gearbeitet.
Dafür hat sich die FS7 als für mich persönlich als ein gutes Stück zu schwer für tagelanges Drehen aus der Hand herausgestellt. Der Vermeintlich tolle Handgriff war dann im engen Schiff nicht selten im Weg.

Till hatte beim Objektiv damals ein goldenes Händchen bewiesen und das Canon EF-S 17-55/2,8 IS gekauft. Bis heute eins meiner liebsten Dokuzooms, da es für mich ein idealer Kompromiss aus Größe, Gewicht, Brennweite, Lichtstärke und eben auch Stabilisierung darstellt. Damals haben ja viele das Canon EF 24-105/4,0 L IS am Speedbooster (oben auf der FS100 im Bild) auf den Sonys genutzt. Mir gefiel aber die Variante mit dem 17-55 einfach besser, war zudem leichter und günstiger. Wirklich schade, dass Canon da nicht schon längst eine Revision auf den Markt gebracht hat.

Bei extremem Lowlight hatte ich dann noch ein Nifty Fifty (Canon EF 50/1,8 II) am Speedbooster in peto, dass aber nur sehr selten zum Einsatz kam. Für evtl. Teleaufnahmen hatte ich aus alten Tagen noch ein schwarzes Canon 80-200/2,8L in der Tasche. Aber auch das kam so gut wie gar nicht zum Einsatz.

Durch die Enge im Schiff waren mir die 55mm immer lang genug, bei Bedarf bin ich halt näher dran. Insgesamt sind wohl über 75% der Aufnahmen im Bereich 20-24mm entstanden. Wir wollten ja Nähe nicht durch eine entsprechende Einstellungsgröße herstellen, sondern durch physische Nähe zum Geschehen. Das war ja auch ein Grund, warum uns die sehr kurze FS100 so gut gefallen hat. In Kombination mit dem 17-55 ein wirklich tolles, leichtes und extrem kompaktes Kamerasetup.


Bei allen Kamerasetups hatten wir neben einem kleinen und leichten Vdeo-Stativ (Sachtler FSB6) auch immer ein Einbein mit. Das konnte ich dann bei Bedarf in einen Hüftgurt einhaken, um so auch länger ruhig und flexibel aus der Hand arbeiten zu können. Dabei war die rechte Hand immer am Handgriff der Kamera, wo dann neben Start/Stop auch immer die Fokuslupe aktiviert werden konnte. An der FS100 ging das offiziell nicht. Aber wenn man den Handgriff der FS700 dort montierte, hatte man plötzlich auch Expanded Fokus an der rechten Hand. Das war sozusagen mein kleiner Hack. So blieb die linke Hand frei für Fokus oder Brennweitenänderung und musste nicht ständig umgreifen, was bei Handkamera unweigerlich zu unerwünschten Wacklern führt.

Nicht zu vergessen ist allerdings auch der Filmton! Bei uns hat eigentlich der Ton fast die selbe Aufmerksamkeit erfahren, wie das Bild. Schließlich wollten wir eine möglichst intensive Stimmung erzeugen und immer wieder feste Einstellungen mit eindrücklichem Sound verwenden.

Durch die Enge war das Angeln im Schiff eigentlich keine gute Option. So setzten wir immer ein Ansteckmikro über Funkstrecke (Sennheiser EW100 G3 mit MKE-2) bei Per ein und sorgten auch für einen vernünftigen Ton über das Kameramikro (AudioTechnica 875R).

Zusätzlich wurde dann oft noch zusätzlich geangelt und über einen Zoom H5 extern aufgezeichnet - kein Vergleich zum Kameramikro! Dabei setzten wir ein M/S-Stereo-Mikro (AudioTechnica BP4029) ein, dass eine sehr gerichtete Mitte hat. So konnte man in der Post die beiden Kanäle entweder zu einem normalen L/R-Stereo-Signal mit variabler Stereoweite wandeln oder aber die Mitte allein wie ein Richtmikro verwenden. Ein flexibleres und leichteres Stereo-Setup gibt es eigentlich nicht.

Welche Kamera / Objektiv Kombination hat sich besonders bewährt und warum?

Da jede Kamera ihre Stärken und Schwächen mitbringt, ist das immer eine schwierige Aussage für mich. Die FS100 ist aber grundsätzlich eine Art Lieblingskamera von mir gewesen, die ich mit kleinen, individuellen Lösungen an meine Art des Drehens angepasst habe. Hätte sie interne NDs und einen besseren Codec, wäre sie auch heute noch aktuell. Gerade in Kombination mit dem kompakten 17-55 von Canon am Metabones-Adapter ist sie eine super Kombination. Zumal sich E-Mount inzwischen ja wirklich auch als eigenes System anbietet.

Die Zeit geht aber weiter und die FS7 war Ende 2015 einfach das Maß der Dinge in meinem finanziellen Rahmen. Zugleich bin ich aber auch ein wenig enttäuscht von Sony, dass so viele Ungereimtheiten nie ausgemerzt werden konnten. Ich hatte mir mehr Entwicklung über die Firmware gewünscht. Z.B. die Möglichkeit den digitalen „Zoom“ auf 1:1 Sensorauslesung bei HD per Custom-Button zu schalten, hatte dann nur die FS5. Überhaupt waren Eingriffe ins Menü immer ziemlich mühselig. Auch der lange und unhandliche Handgriff ist sicher nicht optimal gelöst.

Deshalb habe ich die FS7 auch guten Gewissens nach dem Projekt wieder verkauft.
Inzwischen bin ich mit der Panasonic EVA1 weg von Sony und das geniale Sigma 18-35/1,8 ist mein Lieblingsobjektiv geworden.




Workflows, Postproduktion und Farbkorrektur / Wie zieht man so ein Projekt durch?



Wieviel Material habt ihr insgesamt aufgenommen? Und welches Drehverhältnis hattet ihr final?

Tatsächlich habe ich jetzt zum ersten mal nachgezählt. Es sind 47h Material im Projekt.
Das finde ich zwar nicht wenig, aber bei unserer Vorgehensweise ist das nicht weiter ungewöhnlich.
Bei einem etwa 90 min. langen Film macht das dann ein Drehverhältnis von ungefähr 30:1.

Wir haben oft die Kamera mitlaufen lassen, um später die richtigen Momente auch einfangen zu können. Manchmal haben wir auch zwei oder drei Stunden miteinander gesprochen. Für die atmosphärischen Bilder von Halle und Schiff haben wir ebenfalls sehr viel Material aufgenommen. Oft wartet man dann auf den gewünschten Windhauch oder die vorbeiziehende Wolke recht lange. Das war uns aber auch entsprechend wichtig, sodass hier keine Diskussion nötig war. Dafür haben wir dann eben in komprimierten Codecs gearbeitet, was in der Post dann nicht immer einfach war. Aber bei dem Materialaufwand war es uns nicht anders möglich.

Was habt ihr an Extra-Licht mitgebracht (und wie habt ihr es vor allem eingesetzt?)

Tatsächlich haben wir uns zu Beginn einige Gedanken dazu gemacht. Durch die Enge im Schiff wäre es aber unserer Meinung eine Zumutung für alle Beteiligten geworden und wir haben vollständig auf zusätzliches Licht verzichtet. Stattdessen haben wir versucht durch Perspektive und Tageszeit möglichst gute Lichtsituationen zu finden.

Darüberhinaus war uns klar, dass wir in der Post noch eine gehörige Portion Arbeit damit haben würden.
Denn nicht nur wenig oder „schlechtes“ Licht waren ein Problem, auch die unterschiedlichen Farbtemperaturen beim Dreh waren eine Herausforderung. Auch hier haben wir uns aber ganz bewußt dafür entschieden, dass auch entsprechend zu berücksichtigen und im finalen Look zur Geltung kommen zu lassen.
Außerdem sollte Per möglichst nicht das Gefühl haben, ein „offizielles“ Interview zu geben, sondern eher mit uns im Gespräch zu sein.

Wie habt ihr das Material in der Postproduktion verwaltet?

Wir wollten ja zunächst auch vor Ort immer ein Backup machen. Dazu hatten wir uns dann für unsere alten MacBooks zunächst portable 500GB Platten, später dann 1TB Platten besorgt. Zuhause haben wir die Daten dann übertragen und doppelt archiviert. Bis heute passt das gesamte Material auf eine 4TB-Festplatte.

Am Schnittplatz hatten wir dann allerdings sehr viel Arbeit den Zugang zu dieser Fülle an Material zu finden.
Die Materialorganisation war also ein sehr zeitaufwendiger Prozess. Wir hatten dann über Monate eine riesige Wand mit inhaltlich und chronologisch angelegten Karten zugeklebt, die uns jederzeit einen computerunabhängigen Zugang zu Material ermöglichte.

Materialorganisation


Die ersten Drehs wurden noch mit Premiere gesichtet und teils schon organisiert. Dann wechselten wir nach viel Ausprobieren zu FCPX. Zunächst war da der attraktive Preis (Adobe fing gerade mit dem Abo-Modell an), dann aber v.a die Performance auch mit den stark komprimierten Codecs. Ich habe teilweise auf meinem late 2006 MacBookPro geschnitten, das geht nur mit FCPX.

Dafür hatten wir dann jede Menge andere Probleme, da wir das Programm ja nicht so gut kannten und es für viele Herausforderungen keine offiziellen Lösungen gab. Gerade die Materialorganisation ist in FCPX ja ein völlig eigener Schuh, der den Einstieg in das Programm wirklich unnötig schwer macht.

Dann haben wir gemerkt, das FCPX die Codecs zwar astrein abspielen kann, aber leider die Sony Ordner-Struktur nicht mag. FCPX generierte immer eigene Proxies und verdoppelte so den Speicherbedarf, ganz egal was wir anstellten.

Also musste ein Hilfsprogramm her, dass die Clips aus den AVCHD-Strukturen rausholt, vernünftig benennt, sowie einen konsistenten Timecode vergibt, ohne neu zu komprimieren. Wir wollten ja gerade keine größeren Datenmengen, aber auch unter keinen Umständen eine schlechtere Bildqualität. EditReady konnte all das und war dann immer am Schnittplatz der erste Schritt.

Das originale Material wurde dann anstatt nur zu kopieren mittels EditReady vernünftig benannt und aus der Ordnerstruktur in Einzelclips geschrieben ohne neu zu kodieren („rewrap“).

Dann wurde der extern aufgezeichnete Ton im Schnittprogramm angelegt und daraus neue Clips (Compound Clips) in FCPX kreiert. Diese Clips hatten dann i.d Regel 4 Kanäle (Anstecker, Kameramikro, geangelter Stereo-Ton).

Wir hatten dann das Glück, dass uns trotz des begrenzten Budgets ein super Toningenieur (Tom Blankenberg von den Convoi-Studios Düsseldorf) unterstützt hat.

Der Tonexport aus FCPX z.B. zu ProTools ist eh eine Herausforderung und klappt auch wieder nur mithilfe externer Tools (X2Pro Audio Convert). Tom bekam dann von uns ein 23 Spuren-Konglomerat, dass erstmal aufgeräumt und gesäubert werden musste. Er hat dann sehr viel Zeit mit dem Material verbracht, um die Tonspur zu dem zu machen, was wir heute hören können. Darunter sind nicht wenige mit viel Einfallsreichtum selbst erzeugte Foleys wie Foliengeräusche oder das Knarren des Bodens. Dabei wurden eigentlich nie Töne dazu erfunden, sondern lediglich schlecht oder kaum hörbare atmosphärische Töne verstärkt.

Das hat mit der Vormischung, die wir mal in FCPX hatten, nicht mehr viel zu tun.

Die Farbkorrektur habt ihr in Resolve gemacht? Wie seid ihr hier vorgegangen?

Ich hatte 2013 an einem Spielfilmprojekt die Kamera gemacht, wo wir uns für die BMCC entschieden hatten.
Damals konnte man die RAW-Files quasi ausschließlich in Resolve abspielen, sodass man daran also gar nicht vorbei kam. So lernte ich das Programm immer besser kennen und hatte wirklich Spaß daran, dass Material nach meinen Wünschen zu verbiegen und meine Look zu entwickeln.

Seitdem habe ich mich konsequent auf Resolve geschult, sodass es ein nicht mehr wegzudenkendes Tool in meinem Postpro-Arsenal geworden ist. In meinem Studio ist es inzwischen der Dreh- und Angelpunkt aller größeren Projekte.
Im Falle von „Sag dem Wind, dass ich bald komme“ kannte ich den Workflow bereits sehr gut.

In FCPX hatten wir mit den Bordmitteln schon ein wenig korrigiert und v.a. das S-Log3-Material der FS7 ansehnlich gemacht. Für den finalen Look reichten uns die Bordmittel aber bei weitem nicht aus.

Über den FCXML-Export kommt das gesamte Projekt mit Verweis auf das Source-Material zu Resolve, wo ich dann das Grading mache. Am Ende exportiert man die Clips aus Resolve samt einer neuen FCXML, die auf die neuen gegradeten Clips verweisst und importiert diese dann wieder nach FCPX. Dort haben wir dann Tonspur, Titel, Untertitel, Abspann usw. wieder eingefügt und hatten nun den gegradeten Film in FCPX.

Das Grading selbst bestand im Wesentlichen aus drei Hauptaufgaben.

Zunächst wurden die Clips in Helligkeit und Kontrast optimiert und Farbe und Sättigung global eingestellt. Oft korrigiere ich dann hier auch schon Fehler wie dead Pixel oder ähnliches raus. Im Grunde also ein einfaches Normalisieren mit den Primary Controls.

Der zweite Schritt besteht dann aus einem klassischen Color-Matching. Die Looks der verschiedenen Kameras müssen so aufeinander abgestimmt werden, sodass dem Auge die Unterschiede nicht mehr auffallen.
Hier werden dann teilweise schon recht umfangreiche Eingriffe notwendig. U.a. Highlight Roll-Off, Hue vs. Sat + Lum vs. Sat-Curves sowie der Channel-Mixer sind hier oft im Einsatz.

Diese beiden Schritte sind rein technischer Natur, verlangten mir aber einiges ab. Die Kameras waren einfach zu unterschiedlich, was die Farb- und Dynamikreproduktion angeht. Vor allem die 60D, aber auch die NEX-EA50 clippten extrem schnell und völlig ohne Roll-Off. Das ist einfach unschön und nur selten reparabel.
Insgesamt sind die beiden Kameras auch klar auflösungsschwächer als FS100 und FS7 - was aber durch den meist chronologischen Schnitt kaum auffällt.

Insgesamt war aber durch die Datendichte das Material der FS7 am besten für die Bearbeitung geeignet.
Bei allen anderen Kameras konnten die Korrekturen oft nur so weit getrieben werden, wie es das Material hergab. Oft traten Banding oder Tonwertabrisse ein, bevor der Clip wirklich gut aussah. Dann mussten getrackte Fenster oder Keys helfen, um nur bestimmte, für das Auge sensible Bereiche, zu korrigieren. Das sind dann in der Regel Hautfarben, Himmel oder wiederkehrende Motive wie die (fast weiße) Hallenplane und die lackierte Oberfläche des Schiffs.

Als drittes kommt dann der finale Look, der dann für alle Clips festgelegt wird. Hier habe ich zunächst nur ganz vorsichtig ein paar Primärfarben im Channel-Mixer verschoben und Schatten und Lichter Helligkeitsabhängig mit der Lum vs. Sat-Kurve entsättigt.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir dann ein erstes Test-Screening im Kino.
Dabei waren wir etwas enttäuscht vom immer noch recht starken Gefühl von Video. Eigentlich hatten wir einen filmischeren Look angestrebt. Dafür drehten wir u.a. fast ausschließlich auf f2,8 oder f4, nutzten oft Gegenlicht und belichteten die 25B/s stets mit 1/50s.

Also machte ich mich nochmal am Look zu schaffen und trieb es diesmal mit Hilfe von Printfilm-Emulationen deutlich weiter. Die Farbreproduktion wurde stärker verschoben, farbabhängig auch kräftig entsättigt. Die Lichter bekamen eine leichte Einfärbung und am Ende legte ich sogar etwas künstliches Rauschen bzw. eine Filmkornemulation über das Material. Die Effekte habe ich am Grading-Platz jedoch „nur“ am kalibrierten 24“ Eizo beurteilen könne, sodass ein weiteres Test-Screening unabdinglich war.

Diesmal waren wir aber sehr zufrieden, sodass nur noch ein paar einzelne Szenen nachkorrigiert wurden, bevor der finale Film rausgerendert werden konnte.

Was sind die nächsten Schritte für euch und "Sag dem Wind dass ich bald komme"?

Zur Zeit reichen wir den Film auf diversen Festivals ein und hoffen auf eine rege Teilnahme!
Die DVDs sind vor ein paar Wochen erst fertig geworden. Als nächstes muss unbedingt die Webseite SagdemWind.de an den Start gehen. Da steckt noch ein bisschen Arbeit drin.

Dann werden wir den Film natürlich auch per Stream über Vimeo anbieten.
Wenn die Festival-Saison zu Ende geht, wollen wir einen Vertrieb für die Kinoauswertung suchen. Sollte hier kein Interesse bestehen, organisieren wir selbst eine kleine Kinotournee durch Deutschland, bei der dann sicher auch Per wider dabei sein wird.

Ihr habt Förderung für den Film bekommen?

Wir haben recht lange an einer Einreichung gearbeitet. Die dafür notwendigen Texte müssen ja erstmal geschrieben und immer wieder verbessert werden. Das half uns aber auch dabei, den Fokus des Projektes genauer zu setzen.

Dann muss ja vor Beginn des eigentlichen Drehs jeder Euro genau kalkuliert und berechnet werden. Bei einer Langzeit-Dokumentation nicht ganz einfach. Der ganze Bereich der Filmgeschäftsführung ist eigentlich etwas für Finanzprofis und nicht für Filmemacher. Das war schon ein ganz schöner Batzen Arbeit!

Als wir dann aber die Zusage von der Film- und Medien Stiftung NRW bekommen haben, war unsere Freude natürlich riesig. Im Grunde hätten wir das Projekt zwar auch ohne Förderung gemacht, aber sicher nicht in dieser Dimension und mit diesem Aufwand. Wir haben so unendlich viel Zeit für dieses Projekt verwendet, dass die Förderung im Grunde die Voraussetzung für das Gelingen des Films in seiner jetzigen Form war.

Was sind denn die wichtigsten Lehren für euch aus eurem Langzeit-Doku-Projekt?

Es ist schon wichtig, dass man sich von Anfang an ein paar Gedanken macht. Das betrifft zum einen technische Dinge wie die Finanzierung, Zeitmanagement und die technische Ausrüstung. Wirklich wichtig ist aber vor allem eine frühe Fokussierung und klare Benennung des eigentlichen Themas. Auch wenn das oft zu Beginn eines solchen Projektes noch gar nicht richtig möglich ist. Es ist einfach ratsam, nicht blind drauf loszudrehen und dann am Ende im Schnitt den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.

Genauso sollte man sich darüber im Klaren sein, dass man mit diesem Thema sehr, sehr viel Lebenszeit verbringen wird. Deshalb sollte man schon eine gewisse Begeisterung verspüren und wirklich an sein Thema glauben.


Ich finde sogar, so ein Projekt muss Spaß machen. In dieser Form kann man kein Geld damit verdienen, also sollte etwas anderes im Vordergrund stehen. Wenn man sich schon zum zweiten Dreh quält, hält man sicher nicht lange durch. Für Till und mich war es immer sehr schön, sich auf den Weg zu Per zu machen und dort ein paar Tage mit ihm zu arbeiten.

Andererseits ist es auch immer gut, wenn man wach ist und erkennt, dass sich neue Chancen und Themen während des Drehs auftun. Bei uns haben sich scheinbar von Beginn an geplante Dinge auch erst im Verlauf ergeben.
Das beste Beispiel ist eben das alte Pappmaché-Sparschwein, dass immer wieder auftaucht, oder eben die wiederkehrenden Ansichten zu den Jahreszeiten.

Was ratet ihr anderen Filmemachern, die Ähnliches vorhaben?

Wenn man ein Idee hat, sollte man diese auch irgendwie niederschreiben. Das hilft Struktur in die Gedanken zu bekommen und kostet erstmal nix.

Wenn man dann etwas Brauchbares formuliert hat, würde ich so schnell wie möglich gute Freunde oder Bekannte damit konfrontieren und mir die Meinungen dazu anhören.

Das hilft unheimlich, sich nicht völlig in eine Sackgasse zu verrennen.

Dabei meine ich nicht, dass man sich abhängig von der Meinung anderer machen soll, sondern möglichst früh mit dem Feedback anderer sein Projekt weiterentwickelt.

Bei mir war es immer so, dass mich ein Projekt „gefunden“ hat. Ich habe mich noch nie hingesetzt und überlegt, was ich als nächstes drehe. Immer ist mir etwas passiert oder jemand begegnet, der eine Idee ins Rollen gebracht hat.
Wenn man kein reiner Stoffentwickler ist, ist das sicher keine schlechte Idee.


Erik, vielen Dank für dieses Gespräch

Das Team:

Erik Wittbusch
Zunächst als Fotograf in die Welt des Bildes eingestiegen, kristallisierte sich schnell mein Interesse für den Film heraus. Nach einigen Kurzfilmen studierte ich dann 2004 Film/Fernsehen, Kamera an der FH Dortmund, wo ich mich immer stärker in Richtung Dokumentarfilm entwickelte. Neben der Produktion von Industrie- und Imagefilmen zum die ich seit 2002 betreibe, läuft eigentlich immer die Produktion eines freien Projekts parallel dazu.

Seit 2009 bin ich als selbständiger Kameramann und Filmproduzent aktiv. Seit einigen Jahren entwickelt sich bei mir die Postproduktion mit dem Schwerpunkt Colorgrading und Finishing als zweites Standbein.

Till Hartmann
Durch frühkindlich identitätsprägende Erlebnisse habe ich mich schon als sehr junger Mensch für das Medium Film interessiert. Nach einem Umweg über Berlin und erste Filmerfahrungen an der DFFB (bei einem Praktikum) hatte ich die Möglichkeit längere Zeit in den USA zu leben und dort in Pittsburgh Film zu studieren.
Zunächst mehr auf den fiktiven Film ausgerichtet, entwickelte sich schnell, u.a. durch erste Auftragsarbeiten der Hang zum Dokumentarischen und später eine Kombination beider Erzählformen.

Inzwischen arbeite ich als freier Regisseur, Kameramann und Cutter im dokumentarischen und fiktiven Bereich.

Erik und ich haben uns Ende der 90iger bei unserer langjährigen Tätigkeit in der Industrie- und Imagefilmbranche kennengelernt, bei der wir im kleinen Team international unterwegs waren und hauptsächlich Filme über Stahlwerke und die metallverarbeitende Industrie gedreht haben. Am Rande der Reisen haben wir oft kleine filmische Experimente oder dokumentarische Mitschnitte gemacht und schnell gemerkt dass wir eine ähnliche Affinität zum Filmemachen haben. Später haben wir dann auch kleinere Projekte zusammen realisiert oder uns gegenseitig bei unseren Filmen ausgeholfen.

"Sag dem Wind dass ich bald komme"
Produktion: Erik Wittbusch, Till Hartmann
Regie: Till Hartmann, Erik Wittbusch
Kamera: Erik Wittbusch
Ton: Till Hartmann
Schnitt: Till Hartmann, Erik Wittbusch
Dramaturgische Beratung: Gabriele Voss
Sounddesign + Mischung: Tom Blankenberg, Convoi Studios
Musik + Komposition: Meike Salzmann
Farbkorrektur/Mastering: Erik Wittbusch


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Du hast einen Film gedreht und möchtest ihn auf slashCAM vorstellen?

Dann schickt uns einen Vimeo- oder YouTube-Link mit ein Paar Stichworten zur Produktion an - film at slashcam.de – wir freuen uns auf spannende, verrückte, kreative, technisch interessante Projekte.


  

[31 Leserkommentare] [Kommentar schreiben]   Letzte Kommentare:
schloerg    12:10 am 9.8.2018
Endlich benutzt (ausser mir) mal jemand das BP4029 von Audio-Technica, das ich für ein sehr gutes (das beste erschwingliche) Stereomic (MS Technik) halte. Das Mic ist total...weiterlesen
kavenzmann    19:13 am 7.8.2018
Da hast Du recht. Der Trailer war leider nicht extra im Tonstudio. Mal sehen, wie ich das selbst wegbekomme...
Cinemator    18:31 am 7.8.2018
Andere diskutieren seit Jahren über die so unendlich wichtige Technik ("ohne raw kann man nicht graden ..."), mit der sie irgend etwas gaaaanz Tolles drehen wollen, aber ohne...weiterlesen
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update am 25.Mai 2020 - 10:51
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