Große Filmfestivals (und auch viele der kleineren) verstehen sich als Torhüter der Filmkunst, ihre Programmauswahl wird streng kuratiert nach jeweils eigenen Kriterien, mal experimenteller, mal konservativer. Filme mit Anspruch versuchen nach Möglichkeit, sich eine Premiere auf einem der A-Festivals zu sichern, sozusagen als Gütesiegel auf ihrem Kinoposter.
Auch generell gilt, sucht man nach Legitimierung in der Filmwelt, gibt es kaum ein besseres Mittel als sich in Festivalnähe zu begeben - am besten gleich nach Cannes. So kaufte sich TikTok 2022 als offiziellen Partner des Filmfestivals in Cannes ein, während DJI unlängst seine DJI Osmo Pocket 4P Gimbal-Dualkamera dort auf einer Pressekonferenz vorstellte.
Doch wer könnte von etwas Filmfestival-Flair wohl mehr profitieren als die neuen, ungeliebten KI-Filme? Sie werden nicht mit Crews erstellt, sondern per Prompt, mit Tools, die ungefragt an den Bildern von jenen trainiert wurden, die durch sie arbeitslos werden. Diese Filme simulieren cinematische Looks, wirken aber (spätestens sobald Menschen zu sehen sind) eher wie Cut-Szenen aus Videospielen; das Uncanny Valley lässt immer noch grüßen. Gleichzeitig tönt das Versprechen, alle möglichen - und vor allem unmöglichen - Filme ließen sich damit einfach und mit Minimalbudget erstellen, wie Sirenengesang durch die Köpfe von technikfreundlichen Filmschaffenden.
Dreams of Violets - nur möglich mit KI?
Und tatsächlich hat es gerade ein KI-generierter "live-action" Feature-Film erstmals in ein offizielles Festivalprogramm geschafft: "Dreams of Violets" ist ein 75-minütiges Dokudrama, das von den Anfang des Jahres brutal niedergeschlagenen Protesten in Teheran handelt. Der Film wird diese Woche in New York auf dem Tribeca Filmfestival gezeigt und wäre laut Regisseur Ash Koosha ohne KI nicht möglich gewesen. Alle Bilder wurden künstlich errechnet, das Skript jedoch basierend auf realen Geschehnissen vom Filmemacher selbst geschrieben. Die Stimmen der Figuren wurden wie es scheint vom Regisseur eingesprochen und daraufhin von KI-Tools verändert und angepasst. Das Budget soll bei 2.000 Dollar gelegen haben.
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Sieht man dem Film seine Herkunft an? Natürlich - nicht nur visuell ist es problematisch, ausgerechnet einen Film über eine menschliche Tragödie mit leblosen KI-Fratzen zu erzählen. Das Festival selbst verweist allerdings darauf, dass der Film zwar nicht perfekt ist, jedoch sei es wichtig diese Geschichten jetzt in diesem Moment zeigen ("But it’s something that should be seen right now at this time.")
Auch der exil-iranische Regisseur betont, es sei ihm wichtiger gewesen, den Film irgendwie zu machen, und sei es mit KI, als gar nicht:
"Ich möchte ehrlich erklären, warum ich ihn auf diese Weise gemacht habe. Es war keine technologische Übung. Ich hätte diesen Film lieber mit einer Crew gedreht, mit Schauspielern, mit der Würde einer vollständigen Produktion. Das stand mir nicht zur Verfügung. Ich bin eine einzelne Person, im Exil, ohne Zugang zum Iran, ohne Zugang zu den Orten, ohne Zugang zu den Menschen. Die KI-Pipeline machte möglich, was sonst unmöglich gewesen wäre: einen Gedenkfilm über ein Ereignis zu schaffen, das hinter einer Mauer geschah, die ich nicht überqueren kann.
Ich verstehe, dass ein KI-generierter Film über Menschen, die tatsächlich gestorben sind, schwierige Fragen aufwirft. Über diese Fragen habe ich in jeder Minute jedes Tages nachgedacht, an dem ich an diesem Film gearbeitet habe. Meine Antwort ist, dass die Alternative – Schweigen, Vergessen, das vom Regime bevorzugte Ergebnis – schlimmer ist. Der Film existiert, weil die Toten es verdienen, bezeugt zu werden, und weil die Familien im Iran, die nicht sprechen können, jemanden außerhalb verdienen, der sich weigert zu vergessen.
Ich bin nicht sicher, ob dies die richtige Form für diese Geschichte ist. Ich bin sicher, dass diese Geschichte eine Form brauchte – und dies ist die Form, die mir zur Verfügung stand. Der Film ist den Menschen gewidmet, die im Januar 2026 und in den vergangenen 47 Jahren getötet wurden, ihren Familien im Iran und den Kindern, die zugesehen haben."
Der Fall zeigt beispielhaft die Krux mit der KI-Technologie, wie sie aktuell angeboten wird: sie ermöglicht vieles eher schlecht als recht, was sonst gar nicht ginge. Wobei uns in diesem speziellen Zusammenhang eine andere Erzählung über den Iran und seine unterdrückerische Geschichte einfällt: der großartige Graphic Novel Persepolis von Marjane Satrapi, später auch als Filmversion erschienen. KI-Filme sind letztlich Animationsfilme, sie müssen nicht fotorealistisch daherkommen - "Dreams of Violets" als KI-generierter, düsterer Zeichentrickfilm wäre vielleicht eine besser verdauliche Option gewesen.


















