Netflix hat das vom bekannten Schauspieler und Filmregisseur Ben Affleck gegründete Unternehmen InterPositive gekauft, welches KI-Tools speziell für professionelle Filmproduktionen entwickelt. Netflix übernimmt das gesamte 16-köpfige Entwicklerteam und Ben Affleck fungiert fortan als Senior Advisor, um die Entwicklung von KI-Werkzeugen bei Netflix weiter voranzutreiben. Netflix will die neuen Tools selbst nutzen und auch seinen Produktionspartnern zur Verfügung stellen - plant aber anscheinend nicht, diese auch zu verkaufen.

Werkzeug für Filmemacher statt Konkurrenz
Das Ziel ist explizit keine generative KI, die Filme per Prompt erzeugt, sondern ein Set von Tools, welches zeitraubende technische Prozesse, die bisher beim Filmemachen notwendig waren, zu vereinfachen. So kann das KI-Modell etwa genutzt werden, um die Drähte bei Stuntperformances zu entfernen, eine Einstellung zu reframen oder die Beleuchtung oder den Hintergrund einer Einstellung nachträglich zu ändern.
InterPositive verfolgt einen ganz speziellen Ansatz und hält auch eine Reihe von diesbezüglichen Patenten: ein eigenes KI-Modell wird anhand des vorhandenen Materials eines Films trainiert und so ganz speziell an diesen Film angepasst. Die Technologie lernt nach den Worten von Affleck von den Dailies und kann dieses Wissen dann in der Postproduktion für alle einzelnen Schritte wie Schnitt, Farbkorrektur, VFX und mehr einsetzen. Durch das Training mit dem konkreten Filmmaterial „versteht“ die KI zum Beispiel den Look und das visuelle Vokabular von den Kameraleuten und Regisseuren eines spezifischen Films und kann so passende Ergebnisse liefern. Die Werkzeuge sollen so konzipiert sein, dass die kreativen Entscheidungen strikt in den Händen der Künstler bleiben.

InterPositive wurde von Affleck schon vor vier Jahren gegründet, lief aber bisher bisher im für Start-ups typischen "Stealth-Mode" verborgen unter dem Radar. Affleck hat schon früh das Potenzial von KI für die Filmproduktion erkannt, befand aber die existierenden KI-Tools als jemand, der - anders als die Entwickler solcher Werkzeuge sonst - Hollywood-Produktionen hautnah kennt, ungenügend. Sein Ziel war deswegen die Entwicklung von Software, die KI (aka Machine Learning) für ganz spezifische Aufgaben in der professionellen Filmproduktion nutzt, um sonst sehr aufwändige Arbeiten zu vereinfachen.
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Künstlerische Vision vs. Optimierung der Produktion
Affleck scheint sich arrangiert zu haben mit den besonderen Herausforderungen der Produktion für Netflix, vielleicht musste er das auch, weil Netflix inzwischen das wohl mächtigste Filmstudio ist (auch wenn der Kauf von Warner gerade gescheitert ist). Vor kurzem noch hatte er zusammen mit Matt Damon ziemlich starke Kritik an Netflix geübt. Bei der Produktion ihres Actionfilms "The Rip" verlangte Netflix viele Änderungen, um den Film für ein leicht ablenkbares Publikum sowohl zuhause vor dem Fernseher als auch am Smartphone leichter konsumierbar zu machen. So sollte etwa ein Teil der Hauptactionsszenen an den Anfang gelegt werden, um zu verhindern, dass die Zuschauer gleich wegschalten und es wurde gefordert, dass der Plot mehrmals im Laufe des Films in Dialogen wiederholt ausbuchstabiert werden sollte, weil viele Leute am Handy den Film nebenbei schauen würden.

Netflix erhofft sich jedenfalls von den neuen Tools ganz im Sinne der Effizienzlogik des Konzerns Einsparungen in Millionenhöhe bei der Filmproduktion. Die künstlerische Vision, von der Affleck redet, scheint der oft extrem algorithmusgetriebenen Produktion von Netflix meist allerdings eher fremd zu sein. So vertraut Netflix bei der Filmproduktion oft eher Algorithmen als Kreativen - so werden zum Beispiel Drehbuchschreibern sowohl die Art als auch Frequenz von Gags per Algorithmus vorgeben. Die Daten dafür kommen unter anderem durch Testscreenings, bei denen die Reaktionen der Zuschauer per KI analysiert werden.
Man kann Ben Afflecks Motivation glauben, seine KI ganz im Dienste der künstlerischen Vision entwickelt zu haben, aber der Gegensatz zu der von Netflix angestrebten stetigen Optimierung der Filmproduktion für eine größere Effizienz und Gewinnspanne, der oft genug jede originäre Kreativität fehlt, ist markant.
Für Filmemacher jedenfalls könnten KI-Tools wie die von InterPositive extrem interessant sein, helfen sie doch bei der Bewätltigung gearde oft lästiger und eher unkreativer Aufgaben, ohne dass die Kontrolle über den kreativen Output gleich ganz an eine KI delegiert wird, wie es leider oft der Fall ist bei sogenannten "KI-Filmemachern", die Filme per Prompt erzeugen. Ähnliche Tools werden - wenn auch nicht ganz so ausagwfeilt - wohl bald auch für Filmemacher außerhalb des Netflix-Produktionssystems zugänglich sein.


















