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Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem



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cantsin
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Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von cantsin » Fr 11 Sep, 2020 00:59

Georg Seeßlen, den ich schon immer gut fand als Film- und Medienkritiker, hat in der ZEIT eine Generalabrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem und der "Zombie-Branche" deutscher Filmproduzenten geschrieben, in der man IMHO jeden Satz unterstreichen kann. Zitate daraus:
Die Stimmung in der deutschen Filmkultur fassen drei Sätze zusammen: So kann es nicht weitergehen. Aber so geht es weiter. Und es wird noch schlimmer. [...]

Die Ursprünge der staatlichen oder regionalen Filmförderung und die hybriden Produktionen für Kino und Fernsehen in den europäischen Ländern liegen am Beginn der Siebzigerjahre. [...] Die "Branche" – zu diesem Wort später mehr – musste im doppelten Sinn gerettet werden, nämlich vor dem wirtschaftlichen Ruin und vor dem moralischen Kollaps. Den siechen europäischen Filmfabriken fiel ja damals nicht mehr viel ein, als Filme zu drehen, die garantiert keine Fernsehkonkurrenz hatten – hierzulande erst ein wenig Wallace-Grusel oder Karl-May-Buntes, dann, als das nicht mehr zog, wurde unterm Dirndl gejodelt. [...]

Für die Einführung einer staatlichen Filmförderung (da es sich ja um Kultur handelte, konnte das hässliche Wort Subvention vermieden werden) gab es also einen kulturellen, einen wirtschaftlichen und schließlich einen politischen Grund. Diese Dreieinigkeit aus Kulturpädagogik, Wirtschaftsinteresse und nationaler Politik spukt bis heute auf allen Ebenen der Filmförderung. [...]

Aus dem Projekt Filmförderung wurde ein System und aus dem System schließlich eine Maschine. [...] Diese Maschine hat Zulieferer und Abnehmer, die stetig steigende Abhängigkeiten erzeugen. [...]

Der Begriff [Branche] bedeutet nichts anderes als Wirtschaftszweig, und ein solcher wird seit 1950 vom Statistischen Bundesamt klassifiziert. [...] eine reine Filmbranche jedoch gibt es im Wirtschaftsleben nicht. Sie wird gewissermaßen durch die Förderung erst behauptet oder geformt: durch Firmen, die sich um Förderwege herum bilden, aktiv werden und wieder verschwinden, durch Vertragswerke, die mehr Bewegung suggerieren, als tatsächlich transformiert wird, und durch Organisationen, die nur zur Kommunikation mit den Förderinstanzen existieren und Produktionsmittel aus verschiedenen Kanälen bündeln.

Unternehmen, die keine reale wirtschaftliche Basis haben, deren juristische Konstruktion wichtiger als die Produktivität ist oder die nur durch die eigene Belegschaft oder von außen aufrecht erhalten werden oder die ihre eigene Abwicklung verleugnen, nennt man im Wirtschaftsleben "Zombiefirmen". Spricht man von einer Filmbranche, so könnte man also ebenso von einer Zombiebranche sprechen. [...]

Die Filmförderung setzt sich nun in Ländern, Regionen und Städten fort, und hier kommt eine weitere Absurdität ins Spiel: die Bindung der Förderung an den Standort. Im Zweifelsfall lobt Kleinkleckersdorf eine Filmförderung aus, damit am Drehort Kleinkleckersdorfer Heide die örtliche Pommesbude Catering macht und der örtliche Chemiekloverleiher im Abspann erwähnt wird. [...]

Halten wir fest: Ein Wirtschaftszweig, der ökonomisch gesehen eine Zombiebranche ist, wird am Leben erhalten, und zwar nicht etwa, weil Filme so superwichtig fürs kulturelle Allgemeinwohl wären, sondern um eine "Wettbewerbsfähigkeit" zu erhalten und um die eigentlichen, wirtschaftlich "gesunden" Zweige wie Werbung und Fernsehunterhaltung mit Geld und Legitimation zu versorgen. Wettbewerb mit wem oder was? Mit anderer (europäischer) Länder Zombiebranchen? Mit den großen Filmkonkurrenten Fernsehen (und jetzt Streaming) und Hollywood (und bald China)? [...]

Kurzum: Die "Kultur", die die Wahrheitsmaschine Filmförderung braucht, frisst den wirtschaftlichen Nutzen und die Wirtschaftlichkeit, die eigentlich verlangt wird, frisst die kulturellen Möglichkeiten. Was dabei herauskommt, ist ein Film, der selbst nicht recht weiß, wozu er eigentlich da ist. Er kann weder mutige Kunst noch ehrliche Unterhaltung sein. [...]

Jemand, der im Film zu Hause ist, kann ein Drehbuch in ein, zwei Monaten schreiben. Förderanträge, Absichtserklärungen, Fragebögen, Projektbeschreibungen verlangen ein Vielfaches an Papier, Zeit und Energie. [...] Es ist keine Seltenheit, dass ein Drehbuch sechs, sieben Jahre in der Fördermaschine des deutschen Films zubringt. Ohne die eigentliche Arbeit dieser Maschine noch zu betrachten, ist schon hier klar, was mit einer Filmidee geschehen ist: Ungeheure Energie wurde verschwendet, das Prozedere enorm verlangsamt und kein Film kann mehr auf der Höhe seiner Zeit sein. Damit ist sichergestellt, dass deutsche Filme zwar im Großen und Ganzen politisch korrekt, aber niemals politisch aktuell sein können. [...]

Durch diese komplizierten Entscheidungsprozesse mittels Gremien und Jurys wird der geheime Sinn der cineastischen Wahrheitsmaschine schon weitgehend erreicht: Es entstehen Filme, die kulturellen und politischen Standards entsprechen. Über diese Standards wiederum entscheiden die "Maschinisten", die Gremien, die Jurys, die Redakteure, von deren Arbeit wir mehr ahnen als wissen, denn sie bleiben gewissermaßen in ihrer Maschine verborgen. [...] Ein Whistleblowing kann jedenfalls in diesem System nicht erwartet werden. Es wäre, selbst wenn man keine verschwörungsfantastischen Bösewichte imaginiert, beruflicher Selbstmord. Die Zombiebranche hat eine TINA-Maschine in Gang gesetzt: There is no alternative. [...]

Schlimmer geht immer. Neben der allmählich sichtbaren Bewegung nach rechts ist auch die Privatisierung der Maschine weit vorangeschritten. [...] Diese Privatisierung verwundert nicht, denn woran es der Zombiebranche am wenigsten fehlt, ist Geld. Die Filmförderung durch die Bundesländer bildet heute den größten Anteil an der Filmförderung in Deutschland, und damit kommt man alles in allem auf jährlich ungefähr 450 Millionen Euro an Förderungssummen (die diesbezüglichen Schätzungen sind wie gut gelaunte Besucher von Selbstfeiern des deutschen Films: schwankend). Gewiss, damit könnte man gerade mal zwei Superheldenfilme Marke Hollywood drehen, aber damit wären auch 200 neue Rainer Werner Fassbinders und 2.000 neue Christoph Schlingensiefs möglich. Theoretisch. [...]

Was es aber unter diesen Bedingungen einfach nicht geben kann, ist eine deutsche Filmkultur.


https://www.zeit.de/kultur/film/2020-09 ... ettansicht




Bluboy
Beiträge: 1027

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von Bluboy » Fr 11 Sep, 2020 04:08

Die Stimmung in der deutschen Filmkultur fassen drei Sätze zusammen: So kann es nicht weitergehen. Aber so geht es weiter. Und es wird noch schlimmer. [...]

Stimmt ;-(

Unsere SOKOs brauchen dringendst einen Lehrgang bei Miami Vice, Chicago PD und NYPD. Vrallem sie sollten bei der Rückkehr etwas Farbe mitbringen.

Fazit, der Deutsche Film sollte sich ein Beispiel beim Fußball nehmen und Profis aus dem Ausland anheuern.

1977 wurde bei Bavaria München , Das Ultumarim gedreht



Es geht also.




Axel
Beiträge: 13271

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von Axel » Fr 11 Sep, 2020 05:50

Die beste Förderung wäre konsequente Nichteinmischung in die Branche. Abschaffung der FFA. Deutsche können Kino.

Aber wer soll das tun? Wollte Uwe Boll nicht mal Raketen auf die FFA abfeuern?
Na und? Im Fernsehen wird ja auch alles wiederholt ...




AndySeeon
Beiträge: 302

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von AndySeeon » Fr 11 Sep, 2020 06:54

in dem Zusammenhang stellt sich mir immer wieder die Frage: Was ist Kultur? Was ist Kunst? Sind das Dinge, die der normale Mensch nicht versteht, sondern nur die höher geweihten
"gut gelaunte(n) Besucher von Selbstfeiern des deutschen Films"
? Schließen gute Unterhaltung und Kunst/ Kulter einander aus? Muss Kunst langweilig sein und damit niemanden in der breiten Masse interessieren? welchen Sinn hat sie dann? Welchen Sinn hat dann eine staatliche(!) Förderung?
Ich habe manchmal den Eindruck, dass nach dem Verständnis vieler heutiger Künstler die Kunst bzw. Kultur dort beginnt, wo der gesunde Menschenverstand aufhört, die Dinge ohne geistige Verrenkungen zu verstehen. Oder beginnt, sich zu langweilen.

Klingt vielleicht einwenig provokativ, ist aber mein Empfinden. Früher hatte Kunst noch etwas mit gut gemachtem Handwerk zu tun - siehe die alten Gemälde oder Skulpturen. Und wie sieht's heute aus? Mann muss schon rätseln, was da eigentlich dargestellt werden sollte. Bei "künstlerisch wertvollen" Filmwerken ist das ebenso.

Gruß, Andreas




nachtaktiv
Beiträge: 2969

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von nachtaktiv » Mo 14 Sep, 2020 13:20

interessanter artikel. es bestätigt meinen eindruck, daß in dieser maschine nur beamte arbeiten. und erklärt auch, warum ich seit fast 20 jahren keinen fernseher mehr besitze. die frage ist für mich, ob die politik auch irgendwann mal merkt, daß da hunderte mio. von € verbrannt werden für filmische machwerke, die niemanden mehr interessieren.
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Drushba
Beiträge: 1998

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von Drushba » Mo 14 Sep, 2020 13:29

AndySeeon hat geschrieben:
Fr 11 Sep, 2020 06:54

Klingt vielleicht einwenig provokativ, ist aber mein Empfinden. Früher hatte Kunst noch etwas mit gut gemachtem Handwerk zu tun - siehe die alten Gemälde oder Skulpturen. Und wie sieht's heute aus? Mann muss schon rätseln, was da eigentlich dargestellt werden sollte. Bei "künstlerisch wertvollen" Filmwerken ist das ebenso.

Gruß, Andreas
Gut gemachtes Handwerk gabs früher bei Oma als Telefonüberzieher in Brokat. Kunst ist schon etwas anderes und frei von Definition. )

AndySeeon hat geschrieben:
Fr 11 Sep, 2020 06:54
? Schließen gute Unterhaltung und Kunst/ Kulter einander aus? Muss Kunst langweilig sein und damit niemanden in der breiten Masse interessieren? welchen Sinn hat sie dann? Welchen Sinn hat dann eine staatliche(!) Förderung?
Du scheinst ein älteres Semester zu sein. Das was Du beschreibst, galt vielleicht in den 70ern und Frühachzigern. Der deutsche Gegenwartsfilm wird in erster Linie auf Vermarktbarkeit hin geschrieben und auf Vermarkbarkeit hin gefördert. Filmförderung ist Wirtschaftsförderung. Darum ist der deutsche Film ja gerade so schlecht, weil ständig befürchtet wird, irgendjemand könnte irgendwas nicht kapieren.

Was herauskommt ist reines, geistloses Handwerk, mehr nicht. Wie Literatur ohne Literaten. Quasi das verfilmte Telefondeckchen in Brokat, das auf der Leinwand dann niemand sehen will. Achja, der Lieblingsspruch in deutschen TV-Redaktionen (ohne deren Zusage mensch keine Filmförderung bekommt): "Kunst kommt von Können, sonst hiesse es Wunst." Und die Redakteur*innen, die einem so eine depperte wie abgedroschene Phrase entgegenhalten, fühlen sich dann auch noch richtig originell dabei. Oft schiessen sie dann noch Deine Frage als rhetorischen Beweis Ihrer Weltgewandtheit hinterher: "Schließen gute Unterhaltung und Kunst/ Kultur einander aus?" und kommen sich wieder richtig schlau vor. Das Drehbuch wird dann eben so lange gestrichen, bis es den besagten Redaktionen passt. Ergebnis davon ist das, was wir haben. Der deutsche Film eben. ;-)
Lieber glaub ich Wissenschaftlern, die sich mal irren, als Irren, die glauben, sie seien Wissenschaftler.




nachtaktiv
Beiträge: 2969

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von nachtaktiv » Mo 14 Sep, 2020 14:23

Drushba hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 13:29
Darum ist der deutsche Film ja gerade so schlecht, weil ständig befürchtet wird, irgendjemand könnte irgendwas nicht kapieren.

bis zu einem gewissen grad auch verständlich. wenn 80+ mio. bürger steuern für filmfördertöpfe bezahlen, dann sollten die halbwegs verständlich sein. irgendwo zwischen phantasielosem stumpfsinn und komplexer kunst, der kaum noch einer folgen kann, brauchts aber einen sweet spot.
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Drushba
Beiträge: 1998

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von Drushba » Mo 14 Sep, 2020 14:31

nachtaktiv hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 14:23
Drushba hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 13:29
Darum ist der deutsche Film ja gerade so schlecht, weil ständig befürchtet wird, irgendjemand könnte irgendwas nicht kapieren.

bis zu einem gewissen grad auch verständlich. wenn 80+ mio. bürger steuern für filmfördertöpfe bezahlen, dann sollten die halbwegs verständlich sein. irgendwo zwischen phantasielosem stumpfsinn und komplexer kunst, der kaum noch einer folgen kann, brauchts aber einen sweet spot.
Wo wird bitte "komplexe kunst, der kaum noch einer folgen kann" gefördert? Hilf mir mal auf die Sprünge.

Sowas kenne ich aus Frankreich. Dort befruchtet sich die Filmszene aber auch gegenseitig mit Experimenten. Im Ergebnis produzieren Franzosen dann viele Filme von Weltrang, gerade auch kommerziell erfolgreiche. :-)
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cantsin
Beiträge: 7887

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von cantsin » Mo 14 Sep, 2020 14:37

Axel hat geschrieben:
Fr 11 Sep, 2020 05:50
Die beste Förderung wäre konsequente Nichteinmischung in die Branche.
Der Punkt von Seeßlens Artikel ist ja, dass es diese Branche gar nicht mehr gibt, sondern dass die eine Zombiebranche ist.

Was sich niemand traut ist, einfach die Luft aus dem jetzigen System zu lassen, eine Totalpleite der heutigen Pseudo-Industrie in Kauf zu nehmen, das System von direkten Subventionen auf indirekte Subventionen (wie Steuerabschreibungen) umzustellen, wie es international üblich ist, und den langen Atem von 10-20 Jahren zu haben, bis aus den Trümmern eine neue Industrie entstehen kann, die auf dem künstlerischen und kommerziellen Niveau z.B. der südkoreanischen Filmindustrie arbeitet.




nachtaktiv
Beiträge: 2969

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von nachtaktiv » Mo 14 Sep, 2020 14:52

Drushba hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 14:31

Wo wird bitte "komplexe kunst, der kaum noch einer folgen kann" gefördert? Hilf mir mal auf die Sprünge.
im moment noch nirgends, und das ist auch gut so. wenn ich von nem sweet spot spreche, muß ich ja nicht nur den unterirdischen status quo benennen, sondern auch einen theoretischen oberen endpunkt.
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nachtaktiv
Beiträge: 2969

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von nachtaktiv » Mo 14 Sep, 2020 14:58

cantsin hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 14:37

Was sich niemand traut ist, einfach die Luft aus dem jetzigen System zu lassen, eine Totalpleite der heutigen Pseudo-Industrie in Kauf zu nehmen, das System von direkten Subventionen auf indirekte Subventionen (wie Steuerabschreibungen) umzustellen, wie es international üblich ist, und den langen Atem von 10-20 Jahren zu haben, bis aus den Trümmern eine neue Industrie entstehen kann, die auf dem künstlerischen und kommerziellen Niveau z.B. der südkoreanischen Filmindustrie arbeitet.
öm.... warum muß es immer gleich ein totalabriss sein? ich kaufe mir ja auch keine neue waschmaschine, wenn ich einfach nur das programm "der maschine", wie sie im pressetext heißt, ändern will.

wenn die vielen leute, die in der maschine arbeiten, nun arbeitslos werden, bezahlst du sie trotzdem weiter, nur eben in form von sozialleistungen.
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Drushba
Beiträge: 1998

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von Drushba » Mo 14 Sep, 2020 15:06

nachtaktiv hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 14:52
im moment noch nirgends, und das ist auch gut so. wenn ich von nem sweet spot spreche, muß ich ja nicht nur den unterirdischen status quo benennen, sondern auch einen theoretischen oberen endpunkt.
Deine Ideologie in Ehren, aber genau diese wird durchgezogen - ohne messbares Ergebnis, ausser dem deutlichen Niedergang des Films. Die Beschränkung der Ideen von aussen führt eben auch zur Selbstbeschränkung von Innen. Anders ausgedrückt: Jeder Drehbuchautor kennt schon die Zensurschere und viele haben sie verinnerlicht. Ein System der Angst, welches wir derzeit haben (vor allem Angst davor, monatelang umsonst gearbeitet zu haben, Angst davor, zu originell zu sein) führt genau dazu, dass nur noch ohne Erfolg auf den Erfolg hin produziert werden kann.

Ich glaube, es wäre besser, wenn im Gegenteil nur noch kreative Originalität gefördert würde. Dann würde vermutlich aus Versehen oder als Nebenprodukt der ein oder andere internationale Überraschungserfolg entstehen. ;-)
Lieber glaub ich Wissenschaftlern, die sich mal irren, als Irren, die glauben, sie seien Wissenschaftler.




nachtaktiv
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Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von nachtaktiv » Mo 14 Sep, 2020 15:50

Drushba hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 15:06
Die Beschränkung der Ideen von aussen führt eben auch zur Selbstbeschränkung von Innen.
das is aber kein alleinstellungsmerkmal "meiner" ideologie. sobald du mit fremdem geld filmst, wirst du eingeschränkt. ob im vielgerühmten hollywood oder in D. insofern ist dein argument keines. im übrigen ist hollywood schon ziemlich gut dabei, sweet spots zu finden. die haben dann halt andere probleme. z.b. das filme dann in endlosen reihen fortgesetzt werden, bis die cash cow tot umfällt.
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Drushba
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Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von Drushba » Mo 14 Sep, 2020 16:11

nachtaktiv hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 15:50
Drushba hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 15:06
Die Beschränkung der Ideen von aussen führt eben auch zur Selbstbeschränkung von Innen.
das is aber kein alleinstellungsmerkmal "meiner" ideologie. sobald du mit fremdem geld filmst, wirst du eingeschränkt.
Sehe ich nicht so. Ich kann ein Projekt nach meinem Belieben vorstellen und genau dafür Geld einsammeln. Muss ja nicht von der Filmförderung kommen. Ticketvorverkauf, Crowdfunding etc. gibts schon lange. Wäre Filmförderung automatisch, z.B. für Postpro oder für einen Teil des Budgets (alte Forderung der Regie- und Produzentenverbände), dann würde sie den Effekt besser erfüllen können, weil jemand bereits eigenes Geld in die Hand genommen hat und daher selbst ins Risiko geht. Und auf anderen Feldern der Kulturförderung wird meist überhaupt keine Auflage gemacht, siehe z.B. Theater, bildende Kunst oder Musik. Es gibt schlichtweg keine Notwendigkeit der Kopplung an Bevormundung, zumal wenn diese nach hinten losgeht wie beim deutschen Film der Gegenwart.
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nachtaktiv
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Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von nachtaktiv » Mo 14 Sep, 2020 16:36

Drushba hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 16:11
Es gibt schlichtweg keine Notwendigkeit der Kopplung an Bevormundung
oh doch, die gibts. moralische, zeitgenössische, kosmopolitische, politisch korrekte.... je nachdem, in welchem land man lebt, ist man da mal mehr, mal weniger eingeschränkt. das ist auch gut so. man stelle sich vor, man würde einfach geld ohne bedigungen in sachsen rein werfen und raus kommen drei neue riefenstahl filme. muss ich jetzt nicht haben.
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Drushba
Beiträge: 1998

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von Drushba » Mo 14 Sep, 2020 18:01

nachtaktiv hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 16:36
oh doch, die gibts. moralische, zeitgenössische, kosmopolitische, politisch korrekte.... je nachdem, in welchem land man lebt, ist man da mal mehr, mal weniger eingeschränkt. das ist auch gut so. man stelle sich vor, man würde einfach geld ohne bedigungen in sachsen rein werfen und raus kommen drei neue riefenstahl filme. muss ich jetzt nicht haben.
Aber das ist doch schon durch die Fördergrundsätze abgedeckt. Da steht klar drin, dass jedes Filmvorhaben verfassungsgemäss sein muß. Sonst kann das Geld mit Strafe zurückgefordert werden. Daraus jetzt abzuleiten, dass wir obendrauf noch Bevormundungskommissionen brauchen, die über den Inhalt unter dem Gesichtspunkt der angeblichen wirtschaftlichen Verwertbarkeit abstimmen, halte ich für falsch. Filmkunst im 21. Jhd ist entweder frei oder tot. Momentan ist sie eher tot und garantiert nicht frei.)
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cantsin
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Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von cantsin » Mo 14 Sep, 2020 18:44

Das deutsche Kunstförderungssystem ist insgesamt eigentlich Weltklasse - und bringt Weltklasse-Kunst hervor, was nur niemand laut sagt, weil es zu nationalistisch klingen würde.

Beispiele:

- In der bildenden Kunst sind deutsche Künstler von Gerhard Richter bis Hito Steyerl überall in den weltweiten Top 10 vertreten und spielen sowohl qualitativ, als auch qua Anzahl in der gleichen Liga wie Amerika (einem Land mit viermal größerer Bevölkerung). Und das, obwohl deutsche Kunsthochschulen pro Student nur einen Bruchteil des Budgets von vergleichbaren amerikanischen Kunststudiengängen haben. Gleiches gilt auch für Kunstfotografie, wo Fotografen der Düsseldorfer Schule wie Andreas Gursky und Thomas Ruff die absolute Weltspitze markieren.

- Ditto für Museen und Kunstvereine, die trotz im internationalen Maßstabe schmaler öffentlicher Subventions-Budgets (verglichen mit Tankern wie MoMa, Guggenheim, Tate und Kunstsammlungen in Dubai und Katar) mit ihren Sammlungen und aktuellen Ausstellungen in der Weltspitze mitspielen.

- In klassischer bzw. Orchester-Musik ist Deutschland sowohl bei der Ausbildung, als auch bei den Orchestern und Konzertsälen wahrscheinlich das weltweite Topland und zieht Studierende und Musiker aus der ganzen Welt an.

- In der Literatur funktioniert das duale System von kommerziellen Verlagen und zahlreichen öffentlichen Literaturhäusern, -stipendien und -preisen so gut, dass deutsche Literatur ebenfalls in der Weltspitze spielt und zuletzt 2009 eine deutsche Schriftstellerin den Literaturnobelpreis gewonnen hat.

- Im zeitgenössischen Tanz ist Deutschland ebenfalls mit Künstlern wie Pina Bausch und Sascha Waltz in der Weltspitze.

Gemessen an diesen Erfolgen, ist das System nicht mal teuer. Nur im Bereich Film ist es völlig in die Hose gegangen, weil man in den 70er Jahren versucht hatte, Film in ein Förderungsssystem zu bringen, das dem der o.g. Künsten ähnelt, und dann seit den 80er Jahren aus der Filmförderung Wirtschaftsförderung und Ko-Finanzierung von verschnarchten öffentlich-rechtlichen Fernsehfilmen wurde.

EDIT:
Umgekehrt war natürlich ein Problem, dass das kommerzielle deutsche (Genrefilm-) Kino sich nie wirklich vom Kahlschlag im Dritten Reich erholt hat, als Fritz Lang, Billy Wilder, Marlene Dietrich & Co ins Exil getrieben wurden. In den 50ern Der Förster vom Silberwald und andere Heimatfilme, in den 60ern Karl May und Edgar Wallace, in den 70ern Schulmädchenreport und Lederhosen, in den 80ern Otto und Supernasen, in den 90ern Katja Riemann-Beziehungskomödien, seit den 2000ern Til Schweiger-Keinohrhasen und Fack You Göte...




Axel
Beiträge: 13271

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von Axel » Mo 14 Sep, 2020 19:13

cantsin hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 18:44
EDIT:
Umgekehrt war natürlich ein Problem, dass das kommerzielle deutsche (Genrefilm-) Kino sich nie wirklich vom Kahlschlag im Dritten Reich erholt hat, als Fritz Lang, Billy Wilder, Marlene Dietrich & Co ins Exil getrieben wurden. In den 50ern Der Förster vom Silberwald und andere Heimatfilme, in den 60ern Karl May und Edgar Wallace, in den 70ern Schulmädchenreport und Lederhosen, in den 80ern Otto und Supernasen, in den 90ern Katja Riemann-Beziehungskomödien, seit den 2000ern Til Schweiger-Keinohrhasen und Fack You Göte...
Diese Filme mögen dir gefallen oder nicht. Es sind überwiegend Beispiele für kommerziellen (wenn auch nur nationalen) Erfolg. Ich würde einem Film nicht vorwerfen, dass er albern, dümmlich oder kitschig ist. Ich finde es schrecklich, wenn er brav ist, "gut" und "wertvoll". Wertvolle Filme sind wie sauberer Sex.
Na und? Im Fernsehen wird ja auch alles wiederholt ...




cantsin
Beiträge: 7887

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von cantsin » Mo 14 Sep, 2020 19:22

Axel hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 19:13
cantsin hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 18:44
EDIT:
Umgekehrt war natürlich ein Problem, dass das kommerzielle deutsche (Genrefilm-) Kino sich nie wirklich vom Kahlschlag im Dritten Reich erholt hat, als Fritz Lang, Billy Wilder, Marlene Dietrich & Co ins Exil getrieben wurden. In den 50ern Der Förster vom Silberwald und andere Heimatfilme, in den 60ern Karl May und Edgar Wallace, in den 70ern Schulmädchenreport und Lederhosen, in den 80ern Otto und Supernasen, in den 90ern Katja Riemann-Beziehungskomödien, seit den 2000ern Til Schweiger-Keinohrhasen und Fack You Göte...
Diese Filme mögen dir gefallen oder nicht. Es sind überwiegend Beispiele für kommerziellen (wenn auch nur nationalen) Erfolg.
Deine Anmerkung in Klammern ist aber der springende Punkt - kommerzielle Erfolge auf nationaler Ebene, durch Provinzialität und Selbstverzwergung.

Für mich selbst sind bei diesen bundesdeutschen Nachkriegsgenres genug Trashgranaten abgefallen, die ich persönlich goutieren kann (wie z.B. Jess Francos Bryan-Edgar-Wallace-Verfilmung "Sie tötete in Ekstase" und Roger Fritz' "Frankfurt Kaiserstraße") .




iasi
Beiträge: 15458

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von iasi » Mo 14 Sep, 2020 20:04

Warum kommt mir bei Kunst immer die Renaissance in den Sinn: Damals hatten 95% der damaligen Bevölkerung gar nichts davon mitbekommen. Aber bezahlen durfte sie dafür natürlich. ;) :)




nachtaktiv
Beiträge: 2969

Re: Abrechnung mit dem deutschen Filmförderungssystem

Beitrag von nachtaktiv » Di 15 Sep, 2020 04:25

cantsin hat geschrieben:
Mo 14 Sep, 2020 18:44


- Im zeitgenössischen Tanz ist Deutschland ebenfalls mit Künstlern wie Pina Bausch ... in der Weltspitze.

† 30.06.2009...
Die Ignore Funktion ist ein Segen <3




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