Jominator hat geschrieben: Mo 08 Jun, 2026 11:25
Ich finde das großartig, weil es den weit verbreiteten Irrglaube "Bessere Technik = Besserer Film" schön aufzeigt.
Na, aus meiner spezifischen Ansicht war/ist AV1 ein echter 'game changer', aus folgenden Gründen:
- Die Bitraten/Dateigrößen für FullHD-Video sind so klein und die benötigte Streaming-Bandbreite so schmal, dass man erstmals problemlos Videos auf eigenen Webservern/Homepages selbst hosten kann und nicht mehr von Streamingplattformen wie YouTube und Vimeo abhängig ist. Das gilt auch fürs Einbetten von Videos auf WordPress-Websites. Damit ist das Versprechen von HTML-Video (also des mit HTML5 im Jahr 2008 eingeführten "<video>"-Tags), dass sich Video so einfach wie JPEG- oder PNG-Bilder verwenden und einbetten lässt, aus meiner Sicht endlich eingelöst.
- Dank AV1 konnte ich aus den o.g. Gründen das kaputte Vimeo verlassen und, für meine nichtkommerziellen Videos, komplett auf Selbsthosting + archive.org umsteigen. Archive.org hat eigentlich die Beschränkung, dass es hochgeladene Videos nur in sehr bescheidener h264-480p-Qualität transcodiert und streamt. Das kann man aber komplett umgehen, wenn man eine eigene AV1-1080p-Datei mit niedriger Bitrate hochlädt (weil archive.org nur bei höheren Bitraten transcodiert).
- Für Kunden/Auftraggeber kann ich maximal zweiminütige Videos in FullHD-Qualität als E-Mail-Dateianhang schicken, was tausend Probleme löst. Mittlerweile wird AV1 überall unterstützt (also von den System-Mediaplayern von Windows 11, MacOS, Android, iOS - und natürlich sowieso von VLC). Probleme gab's bisher nur bei Leuten, die ältere Intel-Macs verwenden, aber auch da kann ich einfach sagen, dass sie die Videodatei im Web-Browser (funktioniert immer!) oder, falls vorhanden, in VLC öfffnen und abspielen können.
Für meine spezielle Praxis ist das Grain-Modelling von AV1 ein game changer/Himmelsgeschenk. Ich nehme für Nicht-Mainstreamsachen i.d.R. Raw auf und lasse das Bildrauschen im Endvideo. Daran verschlucken sich natürlich alle klassischen platzsparenden Codecs. Nicht aber AV1, dass solches Material beim Encoding entrauscht und dann beim Abspielen vom Player künstliches Grain drüberliegen lässt, und zwar für jeden Frame in der jeweils im Ausgangsmaterial gemessenen Rausch-Stärke. Darüber hinaus lassen sich Grundparameter dafür beim Encoding spezifizieren. Dadurch kriegt man auch bei sehr niedrigen Bitraten ein Videobild, das nicht künstlich geglättet aussieht bzw. nicht den typischen Puppenhaut-Effekt von schmalbandigem h264/h265 hat.
EDIT: Natürlich haben Streamingplattformen wie YouTube noch ihre technischen Vorteile wie adaptives Streaming in verschiedenen Codecs/Auflösungen, über die Welt verteiltes, Bandbreiten-optimiertes, beinahe beliebig skalierendes Hosting etc.. Aber mit selbstgehostetem 1 Mbit/s-AV1-Video kommt man schon extrem weit und kann in vielen oder sogar den meisten Fällen auf externes Plattform-Hosting verzichten.