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/// Essays : Sonstige

Essays : portable, pretty and fun: DV im Berlinaleprogramm. Eine Auswertung.
von heidi So, 4.März 2001    


Mindestens 10 auf DV gedrehte Filme sind diesmal im Programm, gut getarnt versteht sich - und ich meine DV wie in Mini-DV, wie in Final Cut und in Canopus (ok, auch wie in Avid, aber immerhin). Warum das interessant ist? Nun, an der _Technik_ liegt´s nicht, wenn dein Film abgelehnt wird...

Morgen Mittwoch geht´s los hier in Berlin: eine Stadt verfällt dem Filmwahn.
Was DV angeht, ist man seitens der Berlinale ziemlich zurückhaltend - offiziell existiert dieses FormatFormat im Glossar erklärt hier nicht. (Schließlich ist man ein Filmfestival!) Das internationale Forum, ein unabhängiger Teil der Berlinale, hat dagegen eine Videosektion, und da laufen auch digitale Videos. Das heißt, laufen tun sie eigentlich nicht, denn man hat keine passenden Projektoren, und so müssen DV-Filme auf ein anderes FormatFormat im Glossar erklärt ausgespielt werden (betaSP, digibeta, 16 oder 35mm..). Die Folge ist, dass man oft gar nicht weiß, auf welchem FormatFormat im Glossar erklärt überhaupt gedreht wurde. Und ist das so schlimm? Ist es denn wichtig, zu wissen, in welchem FormatFormat im Glossar erklärt ein Film gedreht wurde? Es sollte doch hauptsächlich darauf ankommen, was die Bilder aussagen, ob sie einen fesseln oder langweilen, ob sie stimmig sind, schön und interessant.
Schon, aber: ganz unwichtig ist das FormatFormat im Glossar erklärt nicht. Denn es wird die Film- und Medienwelt verändern. Nicht nur wird Mini-DV langsam sendefähig - in Schweden z.B. werden schon Fernsehserien auf DV produziert -, auch im Kino laufen auf DV produzierte Filme (zuletzt Trier´s etwa Dancer in the Dark). Es ist billig und zusammen mit dem Netz wird es unsere Medienwelt revolutionieren und demokratisieren, so sagt man. Eine Flut dilettantischer, katastrophal schlechter Filme, o Pardon Videos, kommt auf uns zu, sagen andere.

Was sagt der Reality-check? Dass "die Wahrheit" irgendwo dazwischen liegen wird, wer hätte was anderes erwartet? Von 80 Filmen im diesjährigen Forumprogramm sind mindestens 9 auf DV gedreht, davon laufen die meisten natürlich in der Videosektion, aber immerhin drei 2 im Hauptprogramm und 1 in der Kategorie Neue deutsche Filme. Im Wettbewerb der ´großen´ Berlinale wäre dann noch Spike Lee´s Bamboozeled. Woher wir das alles wissen? Wir haben nachgefragt, hinterhergemailt, rumtelefoniert und in Kooperation mit dem Internationalen Forum Informationen zusammengetragen, um die Independent-Fimwelt am DV-Puls zu fühlen. (Unter NetLoungeDV könnt ihr die Interviews mit den Regisseuren nachlesen, und einige Texte und Manifeste von DV-Filmern - alles auf deutsch.) Warum sie auf dv gedreht haben, wollten wir wissen, und ob´s ihnen gefallen hat. Wir erfuhren interessante Dinge!

Es war tatsächlich so: gäbe es kein DV, wäre kaum einer dieser Filme entstanden. Das hat natürlich in erster Linie finanzielle Gründe - aber nicht nur. Fast alle Filme (oder soll ich sagen Videos?) verbindet die Tatsache, dass sie Menschen porträtieren, also hauptsächlich aus Interviews und Gesprächen bestehen. Hier war ein entscheidender Vorteil der DV-Kameras ihre Größe, die kleine. DV schafft private Aufnahmesituationen, eine besondere Intimitität, denn man braucht keinen Generalstab um die Technik zu bedienen, und die Kamera baut keine Grenze auf zwischen den Personen vor und hinter ihr. Außerdem sind die Bänder vergleichsweise billig, sodaß man die Leute einfach reden und die Kamera laufen lassen kann, ohne das Gefühl zu haben, man sitzt im Taxi und der Taxameter läuft, wie es eine der Filmerinnen ausdrückte. Allerdings ist das auch eine zweischneidige Sache: je mehr Material man hat, desto mehr Zeit verbringt man im Schnitt - wer die Wahl hat, hat bekanntlich auch die Qual. Der Rekord in Sachen Drehverhältnis unter den Befragten lautet 200 mal 60 minutentapes, auf 95 Minuten heruntergeschnitten. Der Mittelwert liegt so bei 20/30 : 1.

Das fanden die meisten verständlicher weise recht erschöpfend. Aber andererseits schätzten sie die Beweglichkeit, die der Cutterstarre vorausging. DV-Kameras sind leicht, kommen notfalls ohne viel Zusatzausrüstung aus und man sieht damit unter Umständen aus wie jeder stinknormale Tourist auch. Das kann sehr praktisch sein, wenn man z.B. in Ländern wie Burma dreht.

Aber was alle betont haben: den Spaßfaktor! Man kann damit spielen! Experimentieren, ausprobieren, Dinge machen, die man sonst nicht getan hätte. Einer der Filme, die nicht dokumentarisch sind, ist "Det nya Landet" (läuft im Hauptprogramm). Der wurde mit 2 Sony PD100-Kameras (!) gedreht, zwar auch aus Geldgründen, aber dann hat man die Not zur Tugend gemacht. "Unser Ziel war es, die Vorteile von DV wirklich auszunützen, wie zum Beispiel die kleine Kamera. Wir haben also versucht, spielerisch damit umzugehen, Bilder zu machen, die wir mit einer großen 35mm Kamera nicht gemacht hätten, und näher an die Schauspieler heranzugehen. Mit ihnen mitzugehen, anstatt sie von exakten und einstudierten Kamerabewegungen einzuschränken. Wenn du aber viele ruhige Totalen filmst, dann sieht DV im Kino scheiße aus." Ich werde den Film leider erst nächste Woche sehen, aber habe mir sagen lassen: auch wenn das ein bißchen nach Dogma klingt, der Film sieht anders aus.

Von Spike Lee ist auch überliefert, daß er gerne neue Spielzeuge ausprobiert. (Leider konnten wir ihn nicht selber fragen und deswegen greife ich zurück auf ein Interview mit Ellen Kuras in Cinematograpy World, Link bei Filme in unserem Katalog). Da hat es ja gut gepasst, dass er für seinen neuen Film Bamboozeled kein Geld auftreiben konnte. Dafür haben sie dann gleich mit mehreren Kameras gleichzeitig gearbeitet, und hatten mit dem Problem zu kämpfen, dass diese sich nicht gegenseitig im Bild haben durften, und auch Licht setzen ist in einer solchen Situation schwierig. Eine andere Schwierigkeit, die amüsant anmutet, aber durchaus weitreichende Konsequenzen vorwegnimmt, entstand durch die leichte, kleine, handliche Technik. Für Independent-Produktionen ist sie perfekt, weil man alles selbst machen kann, aber in der Filmindustrie hat der große 35mm-Apparat Berufe geschaffen, von denen man teilweise gar nicht glauben kann, dass es sie gibt. Bamboozeled wurde unter Aufsicht der (ziemlich starken) Film-Gewerkschaft gedreht."I met with the union and we discussed ways to revise the union requirements for a DV film crew because all of that changed. There was no longer a focus-puller because the operators pulled their own focus. Everything was completely new to me. It was new to Spike. It was new to the union. It was new to the camera crew. It was new to everybody because no one had any experience shooting mini-DV on that scale."

So, wenn ihr das so interessant findet wie wir und mehr wissen wollt: NetLoungeDV. In unserem Katalog (besonders Dv als Medium bzw. Distribution) haben wir eh schon einiges an interessanten Texten zu diesem Thema gelinkt.

Und wer wagt eine Vorhersage, wie das Verhältnis DV vs. restliche Formate nächstes Jahr aussehen wird? Na?



   



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