Wir hatten ja bereits im August letzten Jahres vermutet, dass sich bei den kommenden Sensortechnologien signifikante Dynamikzuwächse zeigen werden. Eine dieser Sensor-Technologien geht nun bei Sony in die Serienfertigung.
Triple Gain – technischer Quantensprung?
Der Kern des Fortschritts ist die Kombination aus der LOFIC-Struktur (Lateral Overflow Integration Capacitor) und der neuen Triple Conversion Gain-HDR (TCG-HDR)-Technologie. Während herkömmliche Sensoren bei Überbelichtung die überschüssige Ladung (Full Well) einfach verwerfen, speichert LOFIC den Überschuss in einem integrierten Kondensator. Dadurch werden Spitzlichter nicht mehr hart abgeschnitten, sondern bleiben erhalten.
Noch bedeutender ist jedoch die TCG-HDR-Technologie. Anstatt wie beim bekannten Dual Gain mit zwei Verstärkungsstufen zu arbeiten, liest der LYTIA L910 die Ladung einer einzigen Belichtung gleich dreimal mit unterschiedlichen Verstärkungen aus. Diese drei Auslesungen werden im Sensor zu einem einzigen Bild mit einem Dynamikumfang von 100 dB zusammengeführt.
Das ist der entscheidende Unterschied gegenüber den bisherigen Mehrfachbelichtungs-HDR-Verfahren, die für Smartphones typisch sind. Diese litten bei einigen Motiven unter Bewegungsunschärfe und Flackern, da mehrere Aufnahmen nacheinander gemacht und dann synthetisiert werden mussten. Der LYTIA L910 umgeht dieses Problem vollständig. Eine einzige Belichtung mit drei Auslesungen – das Ergebnis soll eine Gradation ermöglichen, die bisher nur High-End-Kameras vorbehalten war. Hinzu kommt außerdem eine Ultra High Conversion Gain (UHCG)-Schaltung, die das Zufallsrauschen im Vergleich zum Vorgänger um etwa 30 Prozent reduzieren soll – und so die Qualität in den Schatten zusätzlich verbessert.
Eine Bedrohung für die etablierte Cine-Ordnung?
Um die Tragweite dieser Entwicklung zu verstehen, muss man den Markt betrachten. Ein Dynamikumfang von 100 dB ist nicht nur eine Zahl; es ist ein Wert, der an die Leistungsfähigkeit professioneller Cine-Kameras von ARRI heranreicht.
Der LYTIA L910 zeigt, dass diese bislang exklusive Dynamik nun auch in Geräten verfügbar sein könnte, die in jede Jackentasche passen. Die Attraktivität von Großsensor-Kameras könnte damit zumindest für einen Teil des Marktes mittelfristig sinken. Denn der bislang relevante Vorteil eines größeren Sensors – die bessere Dynamik – wird durch diese Entwicklung nun auch im Consumer-Bereich zugänglich.
Die Differenzierung wird sich somit künftig noch stärker auf andere Faktoren verlagern müssen: Objektivqualität, Color-Science, Workflow-Integration und vor allem das Format und die damit verbundene kreative Gestaltungsfreiheit (etwa bei der Schärfentiefe). Wer jedoch in erster Linie eine hohe Dynamik für ausgewogene, kontrastreiche Bilder benötigt, findet diese wohl bald im gehobenen Smartphone-Bereich. Und nicht nur das. Für die übrigen Differenzierungsmerkmale gibt es ebenfalls schon zahlreiche digitale (Post-)Produktion-Tools. Eine digitale Objektivkorrektur oder künstliche Tiefenschärfe können heute mit wenigen Klicks simuliert werden. Von den kommenden KI-Postproduktions-Filtern ganz zu schweigen.


















